Auswirkungen bakterieller Infektionen und des intestinalen Mikrobioms auf die Entstehung kolorektaler Karzinome

Auswirkungen bakterieller Infektionen und des intestinalen Mikrobioms auf die Entstehung kolorektaler Karzinome

Das kolorektale Karzinom (KRK) zählt zu den weltweit bedeutendsten Krebserkrankungen und verursacht jährlich über 0,57 Millionen Todesfälle. Es ist die dritthäufigste Krebsart global und die zweithäufigste in China. Die KRK-Entwicklung verläuft schrittweise: Gesundes Gewebe wird zunächst in präkanzeröse Polypen oder Adenome umgewandelt. Der Kolon, ein natürlicher Lebensraum für eine dynamische und hochkompetitive Bakteriengemeinschaft, beherbergt bis zu 100 Billionen Mikroorganismen. Das intestinale Mikrobiom – bestehend aus Bakterien, Viren, Archaeen, Pilzen, deren Genomen und Umweltbedingungen – spielt eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der Darmgesundheit. Dysfunktionen im Mikrobiom können chronische Entzündungen und die Produktion karzinogener Metabolite begünstigen, was zur Neoplasie beiträgt. Direkte Zusammenhänge zwischen mikrobieller Besiedlung und KRK-Riskofaktoren sind jedoch noch unvollständig geklärt, insbesondere der Einfluss bakterieller Virulenzfaktoren auf sporadische KRK-Fälle beim Menschen.

Etwa 20 % aller humanen Krebserkrankungen werden mit Infektionen durch Viren, Bakterien oder Parasiten in Verbindung gebracht. Während virologische Aspekte intensiv erforscht wurden, stehen bakterielle Infektionen wie Helicobacter pylori und Magenkarzinome weniger im Fokus. Das gramnegative Bakterium Salmonella enterica, ein intrazellulärer Erreger mit zoonotischem Potenzial, stellt ein globales Problem der öffentlichen Gesundheit dar. Studien in den USA und den Niederlanden zeigten erhöhte Antikörperspiegel gegen Salmonella-Flagellin bei KRK-Patienten und Präkanzerose-Fällen im Vergleich zu Kontrollgruppen, was auf einen möglichen Zusammenhang hinweist. Rauchen und Nahrungsfaktoren wie Eisenzufuhr könnten hier vermittelnd wirken. Tiermodelle belegen, dass Salmonella-Infektionen, insbesondere durch AvrA-exprimierende Stämme, die Inzidenz kolorektaler Tumore erhöhen. AvrA wird zudem häufiger in humaner tumoradjazenter Mukosa als bei Gesunden nachgewiesen, was dessen Rolle in der KRK-Entstehung unterstreicht.

Dieser Review diskutiert Fortschritte im Verständnis bakterieller Infektionen und des Mikrobioms in der KRK-Pathophysiologie, mit Fokus auf Salmonella. Mikrobielle Beiträge zu den „Hallmarks of Cancer“ sowie Mechanismen der Wirt-Mikroben-Interaktion werden analysiert. Nach Hanahan und Weinberg umfassen Krebsmerkmale anhaltende Proliferationssignale, Umgehung von Wachstumssuppressoren, Resistenz gegen Apoptose, replikative Immortalität, Angiogenese, Invasion und Metastasierung. Neuere Merkmale beinhalten Stoffwechselreprogrammierung und Immunevasion. Mikroben fördern die Tumorentstehung durch Schaffung eines tumorfördernden Mikromilieus. Beispielsweise ist Bacteroides fragilis in Tumoren von KRK-Patienten und Tiermodellen vermehrt nachweisbar.

Die kolorektale Karzinogenese beruht auf der Akkumulation mutationeller Ereignisse in genetisch prädisponierten Wirten, die zu zellulärer Autonomie führen. Chronische Entzündungen und Infektionen sind bekannte Treiber vieler Krebsarten. Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) haben ein erhöhtes KRK-Risiko, wobei die bakterielle Darmbesiedlung als Schlüsselfaktor gilt. Ob Bakterien direkt kanzerogen wirken oder über Entzündungsprozesse, bleibt unklar. Die Interaktion zwischen Wirt und Mikroben, insbesondere die Manipulation von Signalwegen wie p53, APC/β-Catenin und NF-κB durch bakterielle Effektoren, ist Gegenstand intensiver Forschung.

Salmonellen-Infektion und gastrointestinale Krebserkrankungen
Jährlich infizieren sich in den USA über 1 Million Menschen mit Salmonellen, primär durch lebensmittelbedingte Übertragung. Der breite Antibiotikaeinsatz hat vermutlich zu hohen Infektionsraten beigetragen. Salmonellen (Enterobacteriaceae) verursachen klinisch Gastroenteritiden bis hin zu systemischen Infektionen. Chronische Trägerzustände ermöglichen eine asymptomatische Ausscheidung. Rekurrente Infektionen in Tiermodellen reduzieren den Schutz vor Darminflammation und beschleunigen die molekulare Alterung protektiver Wirtsenzyme. Serologische Studien deuten auf eine hohe, untererfasste Inzidenz nicht-typhoider Salmonellosen mit landesspezifischen Variationen hin. Chronische Folgen umfassen Reizdarmsyndrom und CED. Skandinavische Studien zeigen ein erhöhtes CED-Risiko nach nicht-typhoiden Salmonellosen. Zudem korreliert der S.-Typhi-Trägerstatus mit Gallenblasenkrebs. Erhöhte Antikörpertiter gegen S. Typhimurium bei KRK-Patienten legen eine Beteiligung an der intestinalen Tumorgenese nahe. Bevölkerungsbasierte Studien in den Niederlanden und Dänemark berichten eine gesteigerte KRK-Inzidenz nach Salmonellen-Infektionen, insbesondere bei Serovar Enteritidis und im proximalen Kolon. Andere Studien fanden kein erhöhtes Risiko, was weiteren Forschungsbedarf aufzeigt.

Tierexperimentelle Modelle
Chronische Infektionen mit S. Typhimurium induzieren bei Wildtyp-Mäusen kein KRK. In genetisch prädisponierten Modellen (Azoxymethan (AOM)/Dextran-Natriumsulfat (DSS)-Modell oder APC-defiziente Mäuse) steigt die Tumorinzidenz jedoch signifikant. Das bakterielle Protein AvrA, in humaner KRK-Mukosa nachweisbar, spielt hierbei eine zentrale Rolle. Dies unterstreicht, dass chronische Infektionen bei immungesunden Wirten selten tumorfördernd wirken, bei genetischer Vulnerabilität jedoch das KRK-Risiko erhöhen.

Bakterielle Virulenzfaktoren
Das Typ-3-Sekretionssystem (T3SS) ist entscheidend für die Salmonellen-Pathogenität. T3SS-Effektoren (z. B. AvrA) modulieren Wirtssignalwege wie NF-κB und JNK, unterdrücken Entzündungsmediatoren und fördern die β-Catenin-Aktivierung. AvrA findet sich in den meisten nicht-typhoiden Salmonellen, jedoch nicht in typhösen Stämmen. Seine Expression variiert klinisch: Nachweisbar bei Enteritis, nicht jedoch bei systemischen Infektionen. Das Csr-System reguliert AvrA posttranskriptionell. In Tiermodellen erhöhen AvrA⁺-Stämme die KRK-Inzidenz signifikant gegenüber AvrA⁻-Stämmen. AvrA wird zudem vermehrt in humanen KRK-Proben detektiert.

Mikrobielle posttranslationale Modifikationen (PTMs)
PTMs wie Phosphorylierung, Acetylierung und Ubiquitinierung regulieren die Proteinaktivität und werden von Pathogenen zur Wirtsmanipulation genutzt. Salmonellen-AvrA besitzt Deubiquitinierungs- und Acetyltransferase-Eigenschaften, die IκBα und β-Catenin modifizieren. Dies hemmt NF-κB und aktiviert β-Catenin-Signalwege, was die Karzinogenese fördert. Die Acetylierung von p53 durch AvrA stabilisiert das Protein und verstärkt dessen transkriptionelle Aktivität. Bakterielle Infektionen induzieren frühe chromatische Modifikationen im Darmmilieu, die Histonmethylierung und -acetylation beeinflussen und Immunreaktionen in Epithel- und Immunzellen modulieren.

Das intestinale Mikrobiom im KRK-Kontext
Veränderungen der Mikrobiom-Zusammensetzung – vermehrte orale Pathogene und Reduktion kommensaler Spezies – begleiten alle Stadien der kolorektalen Tumorgenese. Funktionelle Studien identifizierten mutagene oder tumorpromovierende Bakterien wie pks-positive Escherichia coli, Fusobacterium nucleatum und Peptostreptococcus anaerobius. Salmonellen-Infektionen verändern die mikrobielle Gemeinschaft nachhaltig, wobei butyratproduzierende Mikroben – inhibitorisch auf Salmonellen-Pathogenitätsgene – in Adenomen und KRK reduziert sind. Risikofaktoren wie Adipositas, Bewegungsmangel und Ernährung beeinflussen ebenfalls das Mikrobiom.

Zusammenfassung
Aktuelle Erkenntnisse unterstreichen die Rolle bakterieller Infektionen und des Mikrobioms in der KRK-Entstehung. Salmonellen-Infektionen manipulieren über Virulenzfaktoren wie AvrA Wirtssignalwege und fördern die Tumorgenese. Mikrobiom-Dysbiose begünstigt chronische Entzündungen und karzinogene Metaboliten. Zukünftige Forschung sollte direkte kausale Zusammenhänge validieren und neue Therapieansätze entwickeln. Integrierte prospektive Studien und Methoden wie Organoidkulturen oder „Omics“-Technologien werden tiefere Einblicke in molekulare Mechanismen und Biomarker für Diagnose und Therapie ermöglichen.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000001979

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