Implementierung von STRONGkids zur Identifizierung des Ernährungsrisikos auf der pädiatrischen Intensivstation: Eine Erhebung der Praxis in China
Mangelernährung bleibt ein kritisches Problem in der pädiatrischen Versorgung, insbesondere bei hospitalisierten Kindern, da sie Komplikationen verstärken, die Erholung verzögern und die Liegedauer verlängern kann. Die frühzeitige Erkennung von Ernährungsrisiken ist entscheidend für rechtzeitige Interventionen. Das Screening-Tool STRONGkids (Screening Tool for Risk on Nutritional status and Growth), das gemäß den Leitlinien der European Society for Parenteral and Enteral Nutrition (ESPEN) entwickelt wurde, hat sich in europäischen pädiatrischen Populationen als nützlich erwiesen, um Ernährungsrisiken und klinische Outcomes vorherzusagen. Seine Anwendbarkeit in unterschiedlichen klinischen Kontexten wie chinesischen pädiatrischen Intensivstationen (PICU) bedarf jedoch weiterer Validierung. Diese Studie evaluiert die Implementierung von STRONGkids in einer chinesischen PICU, identifiziert mit Ernährungsrisiken assoziierte Faktoren und untersucht die Wirksamkeit des Tools für die klinische Praxis.
Studiendesign und Methodik
In einer Querschnitts-Beobachtungsstudie wurden von Juli 2019 bis Mai 2020 im PICU des West China Hospital der Sichuan-Universität 1.086 konsekutive Patienten <18 Jahre mit vollständigen Krankenakten eingeschlossen; Ausgeschlossen wurden Personen, die die Teilnahme ablehnten. Die ethische Genehmigung wurde durch die Ethikkommission des Krankenhauses erteilt, und die informierte Einwilligung der Erziehungsberechtigten lag vor.
Die Datenerhebung umfasste direkte Beobachtung und retrospektive Auswertung der Krankenakten. Relevante Variablen waren Alter, Geschlecht, Hauptdiagnose (kategorisiert in kardiovaskuläre, digestive, neurologische, respiratorische, urogenitale Systeme, postoperative Zustände/Infektionen sowie Traumata oder Verbrennungen) sowie klinische Parameter wie mechanische Beatmung (MV), zentralvenöse Drucküberwachung (CVP), invasive Blutdruckmessung (ABP), Fixierung (PR), Analgesie, Sedierung und PICU-Liegedauer (LOS). Das Ernährungsrisiko wurde mittels STRONGkids klassifiziert, das Patienten in hohes, moderates oder geringes Risiko anhand klinischer und anthropometrischer Kriterien einteilt.
Die statistische Analyse erfolgte mit SPSS 24.0. Deskriptive Statistiken fassten demografische und klinische Merkmale zusammen. Mittels Chi-Quadrat-Tests (univariate Analyse) wurden Zusammenhänge zwischen Variablen und Ernährungsrisikokategorien identifiziert. Signifikante Faktoren (p < 0,05) wurden in ein logistisches Regressionsmodell integriert, um unabhängige Prädiktoren für ein hohes Ernährungsrisiko zu bestimmen. Die Modellgüte wurde mittels Hosmer-Lemeshow-Test überprüft.
Hauptergebnisse
Demografische und klinische Charakteristika
Von 1.086 Patienten waren 43,4 % <1 Jahr alt, 53,8 % männlich, und 36,0 % litten an kardiovaskulären Erkrankungen. Die Mehrheit (60,9 %) hatte eine LOS <96 Stunden. STRONGkids klassifizierte 9,6 % (n = 104) als Hochrisiko- und 90,4 % (n = 982) als moderates Risiko. Kein Patient wurde als Niedrigrisiko eingestuft, was die universelle Vulnerabilität kritisch kranker Kinder für Nährstoffdefizite unterstreicht.
Univariate Analyse des Ernährungsrisikos
Ein hohes Ernährungsrisiko war signifikant assoziiert mit jüngerem Alter (<1 Jahr), gastrointestinalen Erkrankungen und LOS ≥96 Stunden (p < 0,01). Moderates Risiko korrelierte mit höheren Prävalenzen von MV (54,1 % vs. 40,4 %), CVP (32,9 % vs. 23,1 %), ABP (45,1 % vs. 32,7 %), PR (41,3 % vs. 28,8 %), Analgesie (33,4 % vs. 25,0 %) und Sedierung (46,4 % vs. 35,6 %) im Vergleich zur Hochrisikogruppe (p < 0,05). Dies könnte auf eine klinische Priorisierung akuter Stabilisierung vor ernährungsspezifischen Maßnahmen hinweisen.
Multivariate logistische Regression
Fünf unabhängige Prädiktoren für ein hohes Ernährungsrisiko wurden identifiziert (Tabelle 1):
- Alter: Ältere Kinder hatten geringere Odds für Hochrisiko: 1–3 Jahre (OR = 0,460; 95 %-KI: 0,239–0,883; p = 0,020), 3–6 Jahre (OR = 0,252; 95 %-KI: 0,101–0,625; p = 0,003) und 6–18 Jahre (OR = 0,236; 95 %-KI: 0,094–0,595; p = 0,002).
- Fixierung (PR): Fehlende PR erhöhte das Risiko (OR = 0,449; 95 %-KI: 0,282–0,714; p = 0,001).
- Sedierung: Fehlende Sedierung war mit höherem Risiko verbunden (OR = 0,597; 95 %-KI: 0,361–0,988; p = 0,045).
- LOS ≥96 Stunden: Verlängerte Liegedauer verdoppelte das Risiko (OR = 1,801; 95 %-KI: 1,135–2,858; p = 0,012).
- Gastrointestinale Erkrankungen: Patienten mit Verdauungsstörungen hatten ein doppelt so hohes Risiko wie kardiovaskuläre Fälle (OR = 2,028; 95 %-KI: 1,093–3,763; p = 0,025).
Das Modell zeigte eine gute Anpassung (Hosmer-Lemeshow χ² = 6,806; p = 0,558) und eine Vorhersagegenauigkeit von 90,5 %.
Klinische Implikationen und Diskussion
Altersabhängige Vulnerabilität
Säuglinge <1 Jahr waren die vulnerabelste Gruppe, was globale Erkenntnisse zur rapiden Wachstumsphase und begrenzten Nährstoffspeicher unterstreicht. Frühgeborene und Kinder mit angeborenen Erkrankungen benötigen besonders intensive ernährungsmedizinische Überwachung.
Paradoxe Rolle von Fixierung und Sedierung
Entgegen Studien, die PR mit Komplikationen assoziieren, zeigten fixierte Patienten hier ein geringeres Ernährungsrisiko, möglicherweise aufgrund reduzierter metabolischer Anforderungen. Ethische Aspekte erfordern jedoch eine kritische Anwendung. Sedierung korrelierte mit moderatem Risiko, was auf metabolische Stabilisierung hindeutet, jedoch müssen Über-Sedierungseffekte vermieden werden.
LOS und diagnosespezifisches Risiko
Eine verlängerte LOS (≥96 Stunden) reflektiert kumulative Nährstoffdefizite und Krankheitsschwere. Gastrointestinale Erkrankungen verdoppelten das Risiko im Vergleich zu kardiovaskulären Erkrankungen, was auf malabsorptive Mechanismen hinweist und diagnoseadaptierte Strategien erfordert.
STRONGkids im chinesischen PICU-Kontext
Die Abwesenheit von Niedrigrisikopatienten unterstreicht den universellen Bedarf an Ernährungstherapie in kritischen Krankheitsphasen. STRONGkids erwies sich als praktikables Tool, das mit klinischen Outcomes wie LOS korrelierte, ähnlich wie in europäischen Validierungen. Die Sensitivität für alters- und erkrankungsspezifische Faktoren betont jedoch die Notwendigkeit kontextueller Anpassungen.
Fazit
Diese Studie bestätigt die hohe Prävalenz von Ernährungsrisiken in chinesischen PICUs, wobei nahezu alle Patienten Interventionen benötigen. STRONGkids dient als praktisches Tool für das Risikomonitoring und die personalisierte Versorgungsplanung. Schlüsselrisikofaktoren – Säuglingsalter, gastrointestinale Erkrankungen, verlängerte Liegedauer sowie fehlende PR/Sedierung – bieten handlungsrelevante Erkenntnisse. Zukünftige Forschung sollte langfristige Outcomes ernährungstherapeutischer Maßnahmen sowie regionale Tool-Anpassungen evaluieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001330