Psychometrische Eigenschaften des Selbstberichtsinstruments für somatische Symptome in Allgemeinkrankenhäusern
Medizinisch unerklärte körperliche Symptome (MUPS) und verwandte Störungen sind in der gesundheitssuchenden Bevölkerung weit verbreitet, bleiben jedoch oft unerkannt oder unterdiagnostiziert. Diese Zustände sind mit erheblicher Behinderung, hohen Gesundheitskosten und langjähriger unbehandelter Erkrankung verbunden, wobei Studien eine mittlere Dauer unbehandelter somatoformer Störungen von über 25 Jahren berichten. Ein entscheidendes Hindernis für die frühzeitige Identifizierung ist das Fehlen effektiver Screening-Instrumente, die speziell für den Einsatz in Allgemeinkrankenhäusern entwickelt wurden. Um diese Lücke zu schließen, wurde der Selbst-Screening-Fragebogen für somatische Symptome (SQSS) als multidimensionales Instrument entwickelt, das somatische Symptome, negative Wahrnehmung, Krankheitsverhalten und soziale Funktion in chinesischen Bevölkerungsgruppen bewertet. Dieser Artikel evaluiert die psychometrischen Eigenschaften des SQSS in Allgemeinkrankenhäusern, wobei der Schwerpunkt auf Reliabilität, Validität und diagnostischer Nützlichkeit liegt.
Entwicklung und Struktur des SQSS
Der SQSS wurde konzipiert, um kulturelle und klinische Nuancen bei der Bewertung von MUPS bei chinesischen Patienten zu berücksichtigen. Er umfasst vier Dimensionen:
- Somatische Symptome (SS): Körperliche Manifestationen, die von Patienten berichtet werden.
- Negative Wahrnehmung (NP): Fehlinterpretationen der Symptome durch die Patienten.
- Krankheitsverhalten (IB): Handlungen, die als Reaktion auf Symptome ergriffen werden, wie häufige Arztbesuche.
- Soziale Funktion (SF): Auswirkungen der Symptome auf das tägliche Leben und zwischenmenschliche Beziehungen.
Die Erstvalidierung in psychiatrischen Einrichtungen zeigte vielversprechende Reliabilität und Validität. Da jedoch die meisten Patienten mit somatoformen Störungen in China zunächst Allgemeinkrankenhäuser aufsuchen, war eine weitere Validierung in diesem Kontext notwendig.
Studiendesign und Methodik
Die Forschung wurde in zwei Phasen durchgeführt:
Phase 1: Psychometrische Evaluation
Eine multizentrische Querschnittsstudie rekrutierte 1.558 ambulante Patienten aus den Abteilungen für Gastroenterologie, Neurologie und Kardiologie in drei Pekinger Allgemeinkrankenhäusern. Die Einschlusskriterien verlangten, dass die Teilnehmer zwischen 18 und 65 Jahre alt waren, mindestens einen Junior-High-School-Abschluss besaßen und somatische Symptome als ihr Hauptanliegen angaben. Ausschlusskriterien umfassten kognitive Beeinträchtigungen, schwere psychische Störungen oder körperliche Zustände, die die Beantwortung des Fragebogens verhinderten.
Die Teilnehmer füllten den SQSS und den Patient Health Questionnaire-15 (PHQ-15) aus, ein validiertes Maß für die Schwere somatischer Symptome. Eine konfirmatorische Faktorenanalyse (CFA) wurde mit AMOS 25.0 durchgeführt, um die strukturelle Validität des SQSS zu bewerten. Die Reliabilität wurde mittels Cronbachs Alpha und Spearman-Brown-Split-Half-Koeffizienten bewertet. Die Kriteriumsvalidität wurde durch Korrelationen mit den PHQ-15-Werten untersucht. Die Messinvarianz wurde über Alters-, Geschlechts- und Diagnosegruppen hinweg getestet.
Phase 2: Diagnostische Genauigkeit und Gruppenvergleiche
Eine zweite Stichprobe von 279 Teilnehmern wurde rekrutiert, darunter Patienten mit somatoformen Störungen (n=72), Angst/Depression (n=63), körperlichen Erkrankungen ohne psychische Probleme (n=72) und gesunde Kontrollen (n=72). Eine Receiver-Operating-Characteristic(ROC)-Kurvenanalyse bestimmte den optimalen SQSS-Cutoff-Wert zur Identifizierung somatoformer Störungen. Unterschiede in den SQSS-Werten zwischen den Gruppen wurden mittels ANOVA analysiert.
Hauptergebnisse
Strukturelle Validität und Modellanpassung
Die CFA bestätigte die Vier-Faktoren-Struktur des SQSS mit robusten Modellanpassungsindizes:
- Chi-Quadrat/Freiheitsgrade = 5,508
- Goodness-of-Fit Index (GFI) = 0,936
- Comparative Fit Index (CFI) = 0,924
- Root Mean Square Error of Approximation (RMSEA) = 0,054
- Standardized Root Mean Square Residual (SRMR) = 0,039
Alle Faktorladungen überschritten 0,4, was die strukturelle Kohärenz der Skala unterstützt. Die vier Dimensionen korrelierten moderat miteinander (r = 0,378–0,612) und stark mit dem Gesamtscore (r = 0,726–0,858).
Reliabilität und Validität
- Interne Konsistenz: Cronbachs Alpha für die Gesamtskala betrug 0,899, mit Subskalen-Alphas zwischen 0,724 (SF) und 0,877 (SS).
- Split-Half-Reliabilität: Spearman-Brown-Koeffizient = 0,865.
- Kriteriumsvalidität: SQSS-Gesamtscores korrelierten stark mit PHQ-15-Werten (r = 0,683, p < 0,01).
Messinvarianz
Der SQSS zeigte konfigurale, metrische und skalare Invarianz über Alters-, Geschlechts- und Diagnosegruppen hinweg, was seine Eignung für diverse Populationen bestätigt.
Diagnostische Nützlichkeit
Die ROC-Analyse ergab eine Fläche unter der Kurve (AUC) von 0,818 (p < 0,001) zur Unterscheidung somatoformer Störungen von anderen Gruppen. Ein Cutoff-Wert von 29 maximierte die diagnostische Genauigkeit:
- Sensitivität = 78,1%
- Spezifität = 71,4%
- Youden-Index = 0,494
Gruppenunterschiede
Die ANOVA zeigte signifikante Unterschiede in den SQSS-Werten zwischen den Diagnosegruppen (p < 0,001):
- Somatoforme Störungen: Höchste Werte in allen Subskalen (SS = 19,6, NP = 12,3, IB = 9,8, SF = 8,4, Gesamt = 50,1).
- Angst/Depression: Erhöhte Werte im Vergleich zu körperlichen Erkrankungen und gesunden Kontrollen, was auf eine Komorbidität somatischer Symptome hindeutet.
- Körperliche Erkrankungen und gesunde Kontrollen: Niedrigste Werte, was die Fähigkeit des SQSS bestätigt, zwischen somatischen und nicht-somatischen Zuständen zu unterscheiden.
Klinische Implikationen
Der SQSS adressiert kritische Lücken in der Bewertung somatischer Symptome, indem er kulturell relevante Dimensionen der Krankheitswahrnehmung und des Verhaltens integriert. Seine starken psychometrischen Eigenschaften unterstützen seinen Einsatz als Screening-Instrument in Allgemeinkrankenhäusern, wo die frühzeitige Identifizierung somatoformer Störungen diagnostische Verzögerungen reduzieren und die Patientenversorgung verbessern kann. Der optimale Cutoff-Wert von 29 bietet eine praktische Schwelle für Kliniker, um weitere Untersuchungen oder Überweisungen einzuleiten.
Einschränkungen und zukünftige Richtungen
Während die Studie robuste Validität in chinesischen Populationen zeigte, ist eine kulturübergreifende Validierung erforderlich, um die Anwendbarkeit des SQSS in anderen Kontexten zu bewerten. Längsschnittstudien könnten die prädiktive Validität und die Ansprechbarkeit auf Behandlungen weiter festigen.
doi:10.1097/CM9.0000000000001615