Synchrones primäres Hyperparathyreoidismus, follikuläres Schilddrüsenkarzinom und papilläres Schilddrüsenkarzinom
Das gleichzeitige Auftreten eines primären Hyperparathyreoidismus (pHPT) und eines nicht-medullären Schilddrüsenkarzinoms (NMTC) ist seit 1956 in der medizinischen Literatur dokumentiert. Die synchrone Kombination von pHPT mit zwei unterschiedlichen Schilddrüsenkarzinomtypen – follikulärem und papillärem Karzinom – ist jedoch äußerst selten. Dieser Fallbericht beschreibt die Diagnostik und Therapie einer 66-jährigen Patientin mit dieser einzigartigen Konstellation.
Die Patientin wurde am 21. Mai 2018 in der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel aufgrund eines erhöhten Serumkalziumspiegels von 2,80 mmol/L (Referenzbereich: 2,08–2,60 mmol/L) vorgestellt. Laboruntersuchungen ergaben einen Parathormon(PTH)-Spiegel von 111,4 ng/L (Norm: 15–65 ng/L), was die Diagnose eines pHPT bestätigte. Trotz der biochemischen Auffälligkeiten zeigte die Patientin keine typischen Hyperkalzämie-Symptome wie allgemeine Schwäche oder Übelkeit.
Zur weiteren Abklärung erfolgte eine Einzelphotonen-Emissionscomputertomographie (SPECT) in Kombination mit einer Computertomographie (CT). Die Bildgebung zeigte eine fokale Tc–99m-MIBI-Speicherung im mittleren oberen Anteil des rechten Schilddrüsenlappens. Die SPECT/CT-Fusionsbildgebung lokalisierten die Anreicherung im dorsalen mittleren Drittel des rechten Schilddrüsenlappens, was auf ein rechtsseitiges Nebenschilddrüsenadenom hinwies.
Es bestanden keine Hinweise auf eine multiple endokrine Neoplasie (MEN). CT-Untersuchungen der Nebennierenregionen und eine kraniale Magnetresonanztomographie (MRT) blieben unauffällig. Eine Skelettszintigraphie ergab ebenfalls keine Pathologien.
Die Schilddrüsen-Sonographie identifizierte das rechtsseitige Nebenschilddrüsenadenom sowie bilaterale solide Schilddrüsenknoten. Die ultraschallgesteuerte Feinnadelaspirationszytologie (FNAZ) ergab eine lymphozytäre Thyreoiditis, follikuläre Neoplasie und epitheliale papilläre Hyperplasie.
In der anschließenden Operation erfolgten eine rechtsseitige Parathyreoidektomie und bilaterale totale Thyreoidektomie. Die histopathologische Aufarbeitung bestätigte:
- Bilaterale multinoduläre Struma
- Linksseitiges Schilddrüsenadenom
- Rechtsseitiges follikuläres Schilddrüsenkarzinom (1,2 × 1,0 × 1,0 cm) mit mikroskopischer Kapselinvasion
- Papilläres Mikrokarzinom (0,5 × 0,4 × 0,3 cm)
- Nebenschilddrüsenadenom
Postoperativ normalisierte sich der Serumkalziumspiegel auf 2,2 mmol/L. Die Patientin konnte nach vier Tagen entlassen werden.
Dieser Fall stellt die erste dokumentierte Synchronität von pHPT mit beiden Schilddrüsenkarzinomtypen dar. Bisherige Berichte beschrieben lediglich pHPT in Kombination mit medullären oder papillären Karzinomen. Die präoperative Detektion beider Pathologien gelang durch Sonographie, FNAZ und SPECT/CT, was eine simultane chirurgische Sanierung ermöglichte.
Obwohl der Pathomechanismus der pHPT-NMTC-Koexistenz ungeklärt bleibt, unterstreicht dieser Fall die klinische Relevanz des Screenings bei Schilddrüsenknoten oder pHPT. Die Schilddrüsensonographie bietet sich hier als kosteneffektives Erstlinienverfahren an. Bei pHPT-Diagnose sollte stets eine gründliche Schilddrüsenuntersuchung erfolgen, um Synchromalitäten frühzeitig zu erkennen und Reoperationen zu vermeiden.
Zusammengefasst demonstriert dieser Bericht den Nutzen multimodaler Diagnostik bei endokrinen Erkrankungen. Weiterführende Forschung zur Klärung der zugrundeliegenden Mechanismen und zur Entwicklung standardisierter Screeningprotokolle erscheint notwendig.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000018