Variationstrend der repetitiven Nervenstimulationswellenform bei amyotropher Lateralsklerose
Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine progressive neurodegenerative Erkrankung, die sowohl das obere als auch das untere Motoneuron betrifft. Trotz umfangreicher Forschung existiert derzeit keine wirksame Therapie. Elektrophysiologische Studien zeigen bei ALS-Patienten dekrementielle Antworten unter niedrigfrequenter repetitiver Nervenstimulation (RNS), zusätzlich zu diffusen neurogenen Aktivitäten. Die Unterschiede in den Wellenformmerkmalen zwischen ALS und generalisierter Myasthenia gravis (GMG) bleiben jedoch unklar. Diese Studie untersucht den Amplitudenverlauf unter niedrigfrequenter RNS bei ALS- und GMG-Patienten sowie mögliche pathophysiologische Mechanismen.
Einleitung
ALS, erstmals 1869 von Jean-Martin Charcot beschrieben, ist die häufigste Motoneuronerkrankung. Sie zeichnet sich durch einen schleichenden Beginn und einen unaufhaltsamen Verlauf aus, der Pyramidenzellen, Hirnstammkerne, Pyramidenbahnen und Vorderhornzellen des Rückenmarks betrifft. Die Inzidenz liegt bei 1,5–2,5 Fällen pro 100.000 Personen/Jahr, mit einer medianen Überlebenszeit von 30 Monaten. Etwa 10 % der Patienten überleben ≥10 Jahre.
Aktuelle Studien deuten auf eine Beteiligung der neuromuskulären Endplatte (NMJ) bei ALS hin. Die RNS dient zur Evaluierung der NMJ-Funktion. 1959 beschrieb Mulder erstmals dekrementielle Antworten unter 3-Hz-RNS bei ALS-Patienten mit muskulärer Fatigue. Dieses Muster tritt am häufigsten am Nervus accessorius auf, selten am Nervus facialis.
Methoden
85 ALS- und 41 GMG-Patienten der Peking Union Medical College Hospital (PUMCH) wurden zwischen 1. Juli 2012 und 28. Februar 2015 eingeschlossen. Die RNS umfasste 3-Hz- und 5-Hz-Stimulation des N. ulnaris, N. accessorius und N. facialis. Die Amplitudenreduktion der vierten/fünften Welle gegenüber der ersten wurde berechnet; ein Dekrement ≥15 % galt als pathologisch.
Ergebnisse
In der ALS-Gruppe zeigten 54,1 % (46/85) ein pathologisches Dekrement am N. accessorius, 8,2 % (7/85) am N. ulnaris und 0 % am N. facialis. Alle GMG-Patienten (41/41) wiesen ein Dekrement am N. accessorius auf. Signifikante Unterschiede bestanden im Amplitudenverlauf ab der sechsten Welle: GMG-Patienten zeigten eine „U-förmige“ Erholung (Nadir bei Welle 4–5, anschließender Anstieg), während ALS-Patienten ein persistierendes „L-förmiges“ Dekrement ohne Erholung aufwiesen.
Diskussion
Das Dekrement bei GMG resultiert aus postsynaptischen Acetylcholin-Rezeptor-Antikörpern (AChR-AK), die die Transmission blockieren. Die „U-förmige“ Erholung erklärt sich durch die Wiederauffüllung synaptischer Vesikel und Kalziumhomöostase in der Präsynapse. Bei ALS liegt eine komplexe NMJ-Dysfunktion vor: Chronische Denervierung und Kollateralsprossung führen zu unreifen NMJ-Strukturen mit reduzierter Acetylcholin-Freisetzung und vermindertem „Sicherheitsfaktor“ der Erregungsübertragung, was das „L-förmige“ Muster bedingt.
Die höhere RNS-Positivität bei ALS-Patienten mit Extremitätenbeginn (vs. bulbär) und schwerer Parese (Grad 0–III vs. IV–V) unterstreicht den Zusammenhang zwischen Krankheitsprogression und NMJ-Schädigung.
Schlussfolgerung
Der Dekrementkurvenverlauf unter RNS reflektiert unterschiedliche Pathomechanismen der NMJ-Dysfunktion bei ALS und GMG. Die „U-förmige“ Erholung bei GMG weist auf eine postsynaptische Störung hin, während das „L-förmige“ Muster bei ALS auf strukturelle NMJ-Veränderungen durch Denervierung und Regeneration zurückgeht. Diese Erkenntnisse unterstützen die Differenzialdiagnose und pathophysiologische Forschung.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000117