Vergleich der kornealen Biomechanik zwischen primärem Offenwinkelglaukom mit Normaldruck oder Hypertonie und Kontrollgruppen

Vergleich der kornealen Biomechanik zwischen primärem Offenwinkelglaukom mit Normaldruck oder Hypertonie und Kontrollgruppen

Das Glaukom ist eine progressive Optikusneuropathie, charakterisiert durch Veränderungen des Sehnervenkopfes (ONH) und korrespondierende Gesichtsfelddefekte, mit oder ohne erhöhten intraokulären Druck (IOP). Das Normaldruckglaukom (NTG) ist eine Sonderform des primären Offenwinkelglaukoms (POAG), bei dem glaukomatöse Schäden des Sehnervs (GON) trotz normaler IOP-Werte auftreten. Im Gegensatz dazu ist das POAG mit Hypertonie (HTG) mit erhöhtem IOP assoziiert. Die Wechselwirkung zwischen IOP-bedingter Belastung und den biomechanischen Eigenschaften des ONH spielt vermutlich eine entscheidende Rolle für das Ausmaß der Sehnervenschädigung. Dies könnte erklären, warum einige Patienten bereits bei normalen IOP-Werten anfällig für glaukomatöse Schäden sind. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die korneale Biomechanik, welche die Verformbarkeit der Hornhaut widerspiegelt, Aufschluss über die Suszeptibilität des ONH für glaukomatöse Schäden geben könnte. Diese Studie zielte darauf ab, die kornealen biomechanischen Eigenschaften zwischen NTG-, HTG- und Kontrollgruppen zu vergleichen sowie deren Korrelationen mit bekannten Glaukomrisikofaktoren zu analysieren.

Es handelte sich um eine Querschnittsbeobachtungsstudie mit 49 NTG-Patienten, 45 HTG-Patienten und 50 Kontrollpersonen. Alle Teilnehmer unterzogen sich einer umfassenden ophthalmologischen Untersuchung, einschließlich Spaltlampenbiomikroskopie, Fundusuntersuchung, IOP-Messung mittels Goldmann-Applanationsstonometrie (GAT) und Gonioskopie. Die zentrale Hornhautdicke (CCT) wurde mittels Pentacam gemessen, die Achsenlänge (AL) mit einem IOL-Master 500. Die korneale Biomechanik wurde mittels kornealer Visualisierungsscheimpflug-Technologie (CST) evaluiert, welche dynamische korneale Responseparameter (DCRs) liefert. Die analysierten DCRs umfassten den maximalen inversen konkaven Radius (MICR), das Deformationsamplitudenverhältnis bei 2 mm (DAR 2 mm) und 1 mm (DAR 1 mm), den integrierten Radius (IR) sowie den Steifigkeitsparameter bei der ersten Applanation (SP-A1). Höhere Werte von MICR, DAR 2 mm, DAR 1 mm und IR weisen auf eine höhere Verformbarkeit der Hornhaut hin, während ein niedrigerer SP-A1-Wert eine erhöhte Deformierbarkeit anzeigt.

Die Ergebnisse zeigten signifikante Unterschiede in der kornealen Biomechanik zwischen der NTG-Gruppe und der Kontrollgruppe. Die NTG-Gruppe wies höhere MICR- (NTG: 0,18 [0,17; 0,20] mm⁻¹; Kontrolle: 0,17 [0,16; 0,18] mm⁻¹; P = 0,033), DAR-2-mm- (NTG: 4,87 [4,33; 5,39]; Kontrolle: 4,37 [4,07; 4,88]; P < 0,001) und DAR-1-mm-Werte (NTG: 1,62 [1,58; 1,65]; Kontrolle: 1,58 [1,54; 1,61]; P < 0,001) auf, was auf eine stärker deformierbare Hornhaut bei NTG-Patienten hinweist. Zudem zeigte die NTG-Gruppe im Vergleich zur HTG-Gruppe höhere IR- (NTG: 8,40 ± 1,07 mm⁻¹; HTG: 7,64 ± 1,31 mm⁻¹; P = 0,026) und DAR-2-mm-Werte (NTG: 4,87 [4,33; 5,39]; HTG: 4,44 [4,12; 5,02]; P < 0,007) sowie niedrigere SP-A1-Werte (NTG: 91,23 [77,45; 107,45]; HTG: 102,36 [85,77; 125,12]; P = 0,007). Somit ist die Hornhaut bei NTG-Patienten auch deformierbarer als bei HTG-Patienten. Zwischen HTG- und Kontrollgruppe wurden keine signifikanten Unterschiede in den DCRs festgestellt.

In der univariaten Analyse korrelierte die CCT negativ mit MICR, DAR 2 mm, DAR 1 mm und IR (r = -0,502; -0,752; -0,673; -0,736; jeweils P < 0,05) und positiv mit SP-A1 (r = 0,791; P < 0,05). Der IOP korrelierte negativ mit DAR 2 mm und IR (r = -0,560; -0,611; jeweils P < 0,05) sowie positiv mit SP-A1 (r = 0,672; P < 0,05). Die multivariate Regressionsanalyse bestätigte diese Zusammenhänge: CCT korrelierte negativ mit MICR, DAR 2 mm und IR (r = -0,238; -0,520; -0,529; jeweils P < 0,05) und positiv mit SP-A1 (r = 0,560; P < 0,05). Der IOP korrelierte negativ mit IR (r = -0,650; P < 0,05) und positiv mit SP-A1 (r = 0,642; P < 0,05). Keine signifikanten Korrelationen bestanden zwischen Alter oder AL und DCRs.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass NTG-Patienten eine stärker deformierbare Hornhaut aufweisen, was auf eine höhere Vulnerabilität des ONH gegenüber IOP-bedingtem Stress hinweisen könnte – selbst bei normalen IOP-Werten. Die Verformbarkeit der Hornhaut wird durch CCT und IOP beeinflusst: Dünnere Hornhäute und niedrigerer IOP korrelieren mit erhöhter Deformierbarkeit. Dies stützt die Hypothese, dass korneale Biomechanik als Surrogatmarker für die schwer messbare ONH-Biomechanik dienen könnte.

Limitationen der Studie sind der Querschnittscharakter, der keine Kausalität belegt, sowie die begrenzte Stichprobengröße. Längsschnittstudien sind notwendig, um den prädiktiven Wert kornealer Biomechanik für Glaukomentstehung oder -progression zu evaluieren.

Zusammenfassend zeigt diese Studie, dass NTG-Patienten im Vergleich zu HTG-Patienten und Kontrollen eine deformierbarere Hornhaut besitzen. Diese Unterschiede könnten die unterschiedliche Suszeptibilität des ONH für glaukomatöse Schäden widerspiegeln. Die Integration kornealer Biomechanik in die Risikostratifizierung und Therapieentscheidungen könnte die Glaukomversorgung verbessern. Weitere Forschung ist erforderlich, um das klinische Potenzial dieser Parameter zu validieren.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000001399

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