Rekonstruktion des vorderen Kreuzbands mit direkter femoraler Faserinsertion

Rekonstruktion des vorderen Kreuzbands mit direkter femoraler Faserinsertion: Eine neuartige Technik

Risse des vorderen Kreuzbands (VKB) zählen zu den häufigsten Verletzungen in der Sportmedizin. Das VKB spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung der statischen und dynamischen Stabilität des Kniegelenks, und dessen Verletzung führt oft zu erheblichen funktionellen Einschränkungen. Die präzise Positionierung der femoralen und tibialen Tunnel während der VKB-Rekonstruktion ist essenziell, um die Kniestabilität und Kinematik wiederherzustellen. Traditionelle Techniken wie Einzelbündel- oder Doppelbündel-Rekonstruktionen sind weit verbreitet, erreichen jedoch häufig nicht die vollständige Wiederherstellung der biomechanischen Eigenschaften des Knies. Diese Studie stellt eine neuartige chirurgische Technik zur VKB-Rekonstruktion vor, die auf die direkte Faserinsertion des VKB am femoralen Ansatzpunkt abzielt, um funktionelle Ergebnisse zu verbessern.

Hintergrund und Rationale

Das VKB besteht aus zwei funktionellen Bündeln: dem anteromedialen (AM-) und dem posterolateralen (PL-) Bündel. Diese Bündel wirken synergistisch, um das Knie während verschiedener Bewegungen zu stabilisieren. Die femorale Insertion des VKB umfasst direkte und indirekte Fasern. Direkte Fasern setzen näher am „resident ridge“ bandförmig an, während indirekte Fasern stärker dispers verteilt sind. Studien zeigen, dass direkte Fasern maßgeblich zum Widerstand gegen die ventrale Tibiaverlagerung beitragen (66–84 % im vorderen Schubladentest), wohingegen indirekte Fasern nur 11–15 % ausmachen. Finite-Elemente-Analysen bestätigen, dass die mechanische Belastung des VKB vorwiegend im Bereich der direkten Faserinsertion lokalisiert ist.

Traditionelle VKB-Rekonstruktionstechniken positionieren den femoralen Tunnel häufig zentral im VKB-Fußabdruck, was eher den indirekten Fasern entspricht. Dies könnte erklären, warum diese Methoden die Kniestabilität nicht konsistent wiederherstellen. Die hier beschriebene Technik fokussiert auf die Rekonstruktion der direkten Faserinsertion, um die funktionelle Integrität effektiver zu restaurieren.

Chirurgische Technik

Der Eingriff beginnt mit der arthroskopischen Bestätigung des VKB-Risses. Ein Hamstringsehnenautograft wird entnommen und präpariert. Das Transplantat wird in zwei bis drei Stränge geteilt (dickerer Strang für das AM-Bündel, dünnerer für das PL-Bündel). Der „resident ridge“ und „bifurcated ridge“ werden mittels Shaver und Elektrothermiegerät freigelegt, während die hinteren indirekten Fasern und die Synovialis der femoralen VKB-Insertion erhalten bleiben. Der tibiale VKB-Stumpf wird möglichst geschont.

Die Schlüsselstelle ist die Lokalisation der direkten Faserinsertion: Der Schnittpunkt der posterioren femoralen Kortikalis und der Blumensaat-Linie dient als Referenz. Die AM-Bündel-Bohrung wird maximal posterior platziert (posteriore Tunnelwandstärke: 1–2 mm; Knochenbrücke zwischen AM- und PL-Tunnel: 1–2 mm). Bei 120° Knieflexion erfolgt die Bohrung, um horizontale Tunnel und die Integrität der posterioren AM-Tunnelwand zu gewährleisten.

Der tibiale Tunnel wird mit einem Führungssystem und einem 5–8 mm-Bohrer angelegt. Knochenfeilen glätten die intraartikulären Tunnelausgänge. Das PL-Transplantat wird zuerst eingebracht, gefolgt vom AM-Transplantat. Die femorale Fixation erfolgt mittels justierbarer extrakortikaler Titanplatte, die tibiale Fixation mit resorbierbarer Interferenzschraube in Kniestreckung.

Postoperative Rehabilitation

Postoperativ tragen Patienten für zwei Monate eine Oberschenkelorthese. Teil- oder Vollbelastung und Gehen mit Krücken sind erlaubt. Aktive Flexion und passive Extension beginnen ab dem zweiten Tag. Joggen ist nach drei Monaten, nicht-kontaktive Sportarten nach 6–9 Monaten und kontaktsportliche Aktivitäten nach zwölf Monaten möglich.

Klinische Evaluation

Die Effektivität wird mittels Pivot-Shift-Test, Lachman-Test, Lysholm-Score, IKDC-Score und KT-2000-Seitenvergleich bewertet. 3D-CT in der ersten postoperativen Woche bestätigt die Tunnelpositionierung in der direkten Faserinsertionszone. 3-Tesla-MRT nach zwei Jahren beurteilt Transplantatheilung und -form.

Von Juni 2016 bis Juni 2018 wurden 26 Patienten (15 Männer, 11 Frauen; Durchschnittsalter 30,5 Jahre) operiert. Die durchschnittliche Verletzungs-to-Operations-Zeit betrug 7,3 Tage. Keine Transplantatrupturen, Frakturen oder Infektionen traten auf. Die Operationsdauer lag bei 56,16 Minuten, der intraoperative Blutverlust bei 35,31 ml.

Präoperativ zeigten sich im Pivot-Shift-Test Grad I (2 Fälle), II (11) und III (13); im Lachman-Test Grad II (8) und III (18). Postoperativ waren alle Pivot-Shift-Tests negativ; ein Lachman-Test blieb Grad I. Nach zwei Jahren waren alle Tests negativ. Der Lysholm-Score verbesserte sich von 56,50 auf 88,50; der IKDC-Score von 48,30 auf 92,50. Die KT-2000-Differenz reduzierte sich von 5,60 mm auf 1,50 mm. MRT zeigte nach zwei Jahren homogen niedrige T2-Signalintensität der Transplantate ohne Tunnelaufweitung oder Impingement.

Biomechanische Analyse

Finite-Elemente-Analysen ergaben, dass die maximale Belastung der Patella und femoralen Trochlea der operierten Knie den kontralateralen Kniegelenken entsprach, was die mechanische Funktionswiederherstellung bestätigt.

Diskussion

Der Kern dieser Technik liegt in der femoro-tibialen Tunnelplatzierung im Zentrum der direkten Faserinsertion statt des gesamten VKB-Fußabdrucks. Dies ermöglicht eine isometrischere Kraftübertragung während der Kniebeugung, die traditionelle Methoden nicht erreichen. Biomechanisch zeigen Doppelbündel-Rekonstruktionen mit kleineren Transplantatdurchmessern eine bessere Überdeckung des Fußabdrucks und Wiederherstellung der Rotationsstabilität.

Die arthroskopische Identifikation der direkten Faserinsertion – präklinisch durch 3D-CT und Kadaversrudien validiert – ist entscheidend. Histologische Untersuchungen lokalisieren die direkte Insertion ca. 4 mm posterior des femoralen Knorpelrands.

Limitationen

Die Studie weist Einschränkungen auf: Die klinische Validierung erfordert größere Fallzahlen. Zweiteingriffsarthroskopien zur Transplantatbeurteilung fehlen. Langzeitstudien müssen die Haltbarkeit der Technik prüfen.

Fazit

Die VKB-Rekonstruktion mit direkter femoraler Faserinsertion stellt eine innovative Methode dar, die die anteriore und rotatorische Kniestabilität effektiv wiederherstellt. Sie bietet exzellente frühfunktionelle Ergebnisse und repliziert die physiologische Kinematik. Diese Technik markiert einen bedeutenden Fortschritt in der VKB-Chirurgie.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000001771

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