Ist die im Erwachsenenalter auftretende Colitis ulcerosa wirklich auf den Kolon beschränkt?
Die Colitis ulcerosa (CU) ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die traditionell auf den Dickdarm beschränkt bleibt. Typische Symptome umfassen blutige Diarrhö, Bauchschmerzen und Gewichtsverlust. Bisher galt die Beteiligung des oberen Gastrointestinaltrakts (GI-Trakt) oder Dünndarms als Charakteristikum des Morbus Crohn (MC). Aktuelle Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass auch bei CU eine Ausdehnung auf den oberen GI-Trakt möglich ist, was das traditionelle Verständnis der Erkrankung infrage stellt. Dieser Artikel präsentiert einen Fallbericht zur oberen GI-Beteiligung bei adult-onset CU und diskutiert klinische Implikationen, diagnostische Herausforderungen sowie Therapieansätze.
Fallpräsentation
Eine 24-jährige Frau wurde im Alter von 22 Jahren mit linksseitiger CU diagnostiziert. Unter oralem Mesalazin erreichte sie eine Remission, setzte die Medikation aber nach einem Jahr eigenständig ab. Elf Monate später traten erneut blutige Diarrhö, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen auf. In der Notaufnahme zeigte sie epigastrische und linksseitige Unterbauchschmerzen bei normaler Herzfrequenz und ohne Fieber.
Labordiagnostisch fielen ein CRP-Wert von 86 mg/dl, eine milde Anämie (Hämoglobin 10,6 g/dl) und Hypoalbuminämie (29,2 g/l Albumin) auf. Eine kontrastmittelfreie CT-Untersuchung offenbarte eine diffuse Gastroduodenitis neben einer kontinuierlichen Kolitis. Infektiöse Ursachen (Clostridium difficile, EBV, CMV) wurden ausgeschlossen.
Trotz Therapie mit Mesalazin (oral/topisch), intravenösen Protonenpumpenhemmern und empirischer Antibiotika verschlechterte sich die Symptomatik. Die Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) zeigte multiple fibrinbedeckte Erosionen in Magen und Duodenum, die koloskopischen CU-Läsionen ähnelten. Histologisch bestätigte sich die CU in Kolon und oberem GI-Trakt ohne Granulome oder Infektionsnachweis (H. pylori, CMV, EBV).
Diagnostische Bestätigung
Serologisch waren perinukleäre anti-neutrophile zytoplasmatische Antikörper (p-ANCA) positiv, Antikörper gegen Saccharomyces cerevisiae negativ. Die Kapselendoskopie zeigte unauffällige Dünndarmschleimhaut. Unter intravenösem Methylprednisolon (60 mg/Tag) kam es binnen drei Tagen zur Symptomremission. Eine Kontroll-CT nach fünf Tagen dokumentierte eine deutliche Besserung der gastroduodenalen Entzündung.
Die Patientin wurde mit ausschleichender Steroidtherapie und Mesalazin entlassen. Die Nachsorge-Endoskopie nach Steroidbehandlung bestätigte eine histologische Remission im Kolon und gebesserte gastroduodenale Entzündung mit persistierender granulärer Schleimhautoberfläche. Während der 20-monatigen Nachbeobachtung blieb die Patientin in Remission.
Diskussion
Der Fall widerspricht der Montreal-Klassifikation, die bei Erwachsenen-CU keine obere GI- oder Dünndarmbeteiligung vorsieht. Die Diagnose einer typischen Kolitis ulcerosa war durch klinische, endoskopische und histologische Kriterien gesichert. Die gastroduodenalen Läsionen wurden aufgrund ihres Ansprechens auf Steroide und morphologischer Ähnlichkeit mit kolonischen Veränderungen als CU-Manifestation eingestuft. Differenzialdiagnostisch wurden Infektionen, Medikamenteneffekte und andere Ursachen ausgeschlossen.
Frühere Studien beschrieben bereits diffuse Gastroduodenitiden bei CU, erfolgreich behandelt mit Infliximab, sowie schwere Komplikationen wie Blutungen oder Perforationen nach Kolektomie. Dies legt nahe, dass die obere GI-Beteiligung bei CU möglicherweise häufiger auftritt und ein eigenständiges Phänotypmerkmal darstellt.
Klinische Implikationen
Die Einordnung solcher Fälle als „atypische CU“ analog zur revidierten Porto-Klassifikation bei pädiatrischen Patienten könnte sinnvoll sein. Patienten mit oberer GI-Beteiligung haben möglicherweise ein erhöhtes Risiko für extraintestinale Manifestationen oder Pouchitis nach Chirurgie. Eine frühzeitige Erkennung ist für das Therapiemanagement entscheidend, ggf. mit aggressiveren Therapien wie Biologika.
Fazit
Dieser Fall unterstreicht, dass die obere GI-Beteiligung bei CU differenzialdiagnostisch erwogen werden muss. Die traditionelle Beschränkung der CU auf den Kolon sollte kritisch überdacht werden. Weitere Forschung ist nötig, um Prognose, klinischen Verlauf und optimale Therapiestrategien für diese Untergruppe zu definieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001384