Visuell-räumlicher Neglekt nach rechtshemisphäralem Schlaganfall: Verhaltensbezogene und elektrophysiologische Befunde
Visuell-räumlicher Neglekt (VSN), auch als Hemineglekt oder Hemiraumnachweis bekannt, ist ein neuropsychologisches Syndrom nach Hirnschädigung, das durch asymmetrisches räumliches Verhalten gekennzeichnet ist. In den meisten Fällen tritt VSN kontralateral zur geschädigten Hirnhemisphäre auf, obgleich selten auch ipsiläsionale Fälle berichtet wurden. Linksseitiger Neglekt dominiert klinisch, wobei rechtshemisphärische Läsionen für ca. 13–82% aller VSN-Fälle verantwortlich sind. Die pathogenetischen Mechanismen bleiben unklar, jedoch deuten neurobildgebende Studien auf Defizite in der visuellen Verarbeitung als Hauptfaktor hin.
Die verbreitetste Verhaltensdiagnostik bei VSN umfasst Papier-Bleistift-Tests, deren Sensitivität jedoch limitiert ist, da subklinische Fälle unentdeckt bleiben können. Ereigniskorrelierte Potentiale (EKPs) bieten eine nicht-invasive Methode zur Erfassung der hirnelektrischen Aktivität bei sensorischen, kognitiven und motorischen Reizen. Insbesondere die Komponenten P1, N1 und P300 wurden zur Evaluierung der Aufmerksamkeitsfunktion bei VSN genutzt. P1 repräsentiert die frühe räumliche Aufmerksamkeitsverarbeitung, wobei bei VSN eine verlängerte Latenz für kontraläsionale Reize beobachtet wurde. N1 ist bei Neglektpatienten attenuert, was auf eine Störung der linksseitigen visuellen Verarbeitung hinweist. Die späte P300-Komponente korreliert mit der Anzahl übersehener kontraläsionaler Ziele.
Diese Studie untersuchte verhaltensbezogene und EKP-Veränderungen bei Patienten mit und ohne VSN nach rechtshemisphäralem Schlaganfall im Vergleich zu gesunden Kontrollen. Die Studie umfasste 22 Patienten (11 mit VSN, 11 ohne VSN) und 11 gesunde Kontrollen. Die Diagnostik umfasste Verhaltenstests (Linienhalbierung, Linien-/Sterne-Streichung, Uhrenzeichnen, Lückenerkennung, Lesetest) sowie EKP-Messungen mittels 64-Kanal-EEG. Die EKP-Komponenten P1, N1 und P300 wurden hinsichtlich Latenz und Amplitude analysiert.
Die Ergebnisse zeigten verlängerte Reaktionszeiten bei beiden Patientengruppen gegenüber Kontrollen. Die Genauigkeit bei linksseitigen Reizen war in der VSN-Gruppe reduziert, gefolgt von der Nicht-VSN-Gruppe und Kontrollen. Die P1-Latenz war in der VSN-Gruppe signifikant verlängert, während die N1-Amplitude reduziert war. Bei rechtsseitigen Zielen wies die VSN-Gruppe eine geringere P300-Amplitude linkshemisphärisch auf. Die P300-Latenz beidseits war bei Patienten verlängert, jedoch ohne Unterschied zwischen VSN- und Nicht-VSN-Gruppen.
Im Linienhalbierungstest zeigte die VSN-Gruppe höhere Abweichungen vom Mittelpunkt, selbst bei fehlender klinischer Neglektmanifestation. Elektrophysiologisch war die linke Zielerkennung in der Nicht-VSN-Gruppe beeinträchtigt, unterstützt durch abnorme EKPs. Die frühen EKP-Komponenten (P1/N1) zeigten eine interhemisphärische Heterogenität, wobei die linke Hemisphäre stärker beeinträchtigt war. Trotz normaler Papier-Bleistift-Testleistung wiesen Nicht-VSN-Patienten EKP-Anomalien auf, einschließlich reduzierter P300-Amplitude und verlängerter Latenz.
Zusammenfassend zeigt diese Studie, dass die visuell-räumliche Aufmerksamkeitsfunktion nach rechtshemisphäralem Schlaganfall beeinträchtigt ist – unabhängig von klinisch manifestem Neglekt. Die EKP-Befunde unterstreichen die Lateralisation des VSN und liefern elektrophysiologische Evidenz für Störungen sowohl früher (P1/N1) als auch später (P300) Verarbeitungsstadien. Klinisch relevante subklinische Formen des VSN sollten bei der Diagnostik berücksichtigt werden.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000218