Fabry-Krankheit mit akutem zerebralem Infarkt als Erstsymptom

Fabry-Krankheit mit akutem zerebralem Infarkt als Erstsymptom bei einem jungen Patienten

Die Fabry-Krankheit (FK) ist eine seltene, X-chromosomal-rezessiv vererbte Lysosomale Speicherkrankheit, die vorwiegend Kinder und Jugendliche betrifft. Charakteristisch ist die Akkumulation von Globotriaosylceramid (Gb3) in verschiedenen Zelltypen, darunter Nieren, Blutgefäße und das Nervensystem, was zu multisystemischen Schäden führt. Die durchschnittliche Diagnoseverzögerung beträgt bei männlichen Patienten 13,7 Jahre und bei weiblichen 16,3 Jahre, was die Herausforderungen einer rechtzeitigen Diagnosestellung unterstreicht. Dieser Fallbericht beschreibt einen 27-jährigen Patienten mit akutem zerebralem Infarkt als initialer Manifestation der FK, um das klinische Bewusstsein für diese Erkrankung zu schärfen.

Fallpräsentation
Ein 27-jähriger Mann berichtete über seit sechs Tagen bestehende Doppelbilder. Anamnestisch bestanden gelegentliche Kopfschmerzen, jedoch keine Übelkeit, Erbrechen, Dysarthrie oder Bewegungsstörungen. Vorerkrankungen umfassten Nikotinabusus, intermittierende Diarrhö und allergische Rhinitis. Die Vitalparameter waren unauffällig: Temperatur 36,5°C, Blutdruck 118/85 mmHg, Herzfrequenz 67/min, Atemfrequenz 18/min. Die neurologische Untersuchung zeigte isoliert eine Diplopie. Eine familiäre Belastung mit neurologischen Erkrankungen lag nicht vor.

Diagnostische Befunde
Die Magnetresonanztomographie (MRT) ergab ein langstreckiges T2-signalintensives Areal im linken Hirnstamm. Die Magnetresonanzangiographie (MRA) zeigte unauffällige vordere und hintere Stromgebiete. Die 3D-VISTA-Sequenz (volumetrische isotrope Turbo-Spin-Echo-Akquisition) detektierte eine Gefäßwandverdickung der bilateralen Aa. vertebrales, der A. basilaris und der bilateralen Aa. cerebri posteriores. Die Nieren- und Harnleitersonographie war unauffällig.

Laborparameter
Auffällig waren:

  • Erhöhtes Serum-Homocystein: 44,70 mmol/l (Norm: 0–20) bei reduziertem Folat: 1,80 ng/ml (Norm: 3,1–19,9).
  • Erhöhtes hs-CRP: 11 mg/l (Norm: 0–3,5) und BSG: 70 mm/1h (Norm: 0–15).
  • Granuläre ANA-Titer (1:100).
  • Liquoranalyse:
    • Öffnungsdruck: 240 mmH₂O (Norm: 80–180)
    • Proteinerhöhung: 0,67 g/l (Norm: 0,15–0,45)
    • Hypoglykorachie: 2,05 mmol/l (Norm: 2,3–4,1)
    • IgG-Erhöhung: 68 mg/l (Norm: 0–34)
    • Zytologie: 27 Zellen/μl (63% Lymphozyten, 31% Granulozyten, 6% Monozyten).
    • Myelin-Basischem Protein erhöht: 2,88 (Norm: <0,55).

Urinanalyse

  • Proteinurie (PRO 3+), 24h-Sammelurin:
    • α1-Mikroglobulin: 29,32 mg/24h (Norm: <24)
    • IgG: 106,80 mg/24h (Norm: 0–17)
    • Leichtketten LAM: 22,68 mg/24h (Norm: <7,8) und KAP: 40,40 mg/24h (Norm: <14,2)
    • Gesamtprotein: 3,44 g/24h (Norm: <0,2)
    • Mikroalbuminurie: 2492 mg/24h (Norm: 0–60).

Histopathologie und Genetik
Die Nierenbiopsie zeigte unter Lichtmikroskopie glomeruläre Sklerose (10/23 Glomeruli), mesangiale Hyperplasie, podozytäre Vakuolisierung sowie tubuläre Atrophie mit Schaumzellen. Immunfluoreszenz und Elektronenmikroskopie bestätigten eine FK-Nephropathie. Genetisch wurde die pathogene Variante c.426C>A (p.Cys142Ter) im GLA-Gen nachgewiesen.

Diskussion
Die FK (Synonym: Anderson-Fabry) ist eine lysosomale Speicherstörung mit multiorgansystemischer Gb3-Akkumulation. Über 50% der männlichen und 20% der weiblichen Patienten entwickeln eine Nephropathie, wobei Proteinurie ein Frühmarker ist. Zerebrale Manifestationen umfassen transiente ischämische Attacken und Schlaganfälle. Die Schlaganfallinzidenz bei FK-Patienten im Alter von 25–44 Jahren liegt 12-fach über der Allgemeinbevölkerung.

Dieser Fall unterstreicht die Notwendigkeit, die FK bei jungen Schlaganfallpatienten mit Proteinurie differenzialdiagnostisch zu erwägen, selbst bei fehlender Familienanamnese. Hochauflösende MRT-Gefäßwandbildgebung sowie histopathologische und genetische Abklärung sind essenziell. Die Therapie erfolgt mittels Enzymersatztherapie (rekombinante α-Galaktosidase A) und symptomorientierten Maßnahmen. Bei unserem Patienten führte die symptomatische Therapie zu einer leichten Besserung der Diplopie vor Entlassung.

DOI: 10.1097/CM9.0000000000000089

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