Körperoberfläche als neues anthropometrisches Maß für diabetische Retinopathie bei chinesischen Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes: eine fallkontrollierte Krankenhausregisterstudie
Die diabetische Retinopathie (DR) ist eine schwerwiegende Komplikation des Diabetes mellitus, gekennzeichnet durch mikrovaskuläre Schäden der Netzhaut. Als Hauptursache für Erblindung bei Erwachsenen stellt DR eine globale Public-Health-Herausforderung dar, die sowohl Diabetespatienten als auch die Allgemeinbevölkerung betrifft. Der Zusammenhang zwischen DR und gebräuchlichen anthropometrischen Messgrößen wie dem Body-Mass-Index (BMI) bleibt kontrovers. Die Körperoberfläche (BSA), ein weiterer aus Körpergröße und Gewicht berechneter Index, gilt als präziserer Indikator für Körpergröße und Unterscheidung zwischen Fett- und Muskelgewebe. Frühere Studien deuten zudem darauf hin, dass von Fettgewebe sezernierte Adipokine eine Schlüsselrolle bei den Mechanismen von Adipositas und Typ-2-Diabetes spielen. Insbesondere niedrige Adiponektinspiegel bei adipösen Personen könnten Insulinresistenz und Diabetes begünstigen. Diese Studie ist die erste, die den Zusammenhang zwischen BSA und DR bei chinesischen Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes untersucht und mit dem BMI vergleicht.
Die Studie wurde von der Ethikkommission des First Affiliated Hospital of China Medical University genehmigt; alle Teilnehmer gaben schriftliche Einwilligung. In diese fallkontrollierte Krankenhausregisterstudie wurden 2.454 chinesische stationäre Patienten ab 18 Jahren mit Typ-2-Diabetes eingeschlossen. Fall- und Kontrollauswahl erfolgte gemäß einem definierten Prozess (siehe Zusatzabbildung 1). Typ-2-Diabetes wurde nach ADA-Kriterien diagnostiziert, DR mittels Early Treatment Diabetic Retinopathy Study (ETDRS)- und International Classification Diabetic Retinopathy (ICDR)-Skalen evaluiert. Der DR-Schweregrad wurde in vier Stufen klassifiziert: keine DR, milde nicht-proliferative DR (NPDR), moderate NPDR und visusbedrohende DR (VTDR). Der BMI wurde als Gewicht (kg)/Größe (m²) berechnet, BSA mittels spezifischer Formel.
Tabelle 1 fasst die Basisdaten der Teilnehmer zusammen, einschließlich detaillierter Aufnahmeuntersuchungen. Einweg-ANOVA und Chi-Quadrat-Tests analysierten Variablenkorrelationen mit DR-Schweregrad. Diabetesdauer, Herzfrequenz, systolischer Blutdruck, Pulsdruck, Gewicht, BMI und BSA zeigten signifikante Assoziationen mit DR-Schweregrad. Die Korrelation zwischen DR jeglichen Schweregrads und BSA war signifikant (p=0,025), nicht jedoch mit BMI. Geschlechtsspezifisch nahm BSA bei Männern mit DR-Progression signifikant ab, nicht bei Frauen, vermutlich aufgrund geschlechtsspezifischer Fettverteilung.
Receiver-Operating-Characteristic-Kurven (ROC-Kurven) bewerteten die Vorhersagekraft von BMI und BSA anhand der Fläche unter der Kurve (AUC). BSA zeigte signifikante Prädiktion für VTDR in der Gesamtpopulation und bei Männern; BMI war ebenfalls für VTDR signifikant. Nur BSA wies relevante Vorhersageeffekte für DR jeglichen Schweregrads auf. Dies unterstreicht die engere Beziehung zwischen BSA und DR, insbesondere bei Männern.
BSA wurde in Quartile unterteilt; Variablenvergleiche erfolgten quartilsbasiert. Zusatzabbildung 2 zeigt den Trend der BSA-Quartile und DR-Schweregrade nach Geschlecht. Drei multivariable Modelle untersuchten mittels logistischer Regression die Assoziation zwischen DR-Schweregrad und BSA (Referenz: keine DR). Nach Adjustierung für Alter und Geschlecht war BSA signifikant mit DR jeglichen Schweregrads und VTDR assoziiert. Weitere Adjustierungen änderten dies nicht. Bei alleiniger Analyse männlicher Teilnehmer zeigten sich signifikantere Zusammenhänge für DR jeglichen Schweregrads, VTDR und milde NPDR.
Logistische Regressionen mit BSA-Quartilen als kategorisierte Variablen (Q1 als Referenz) offenbarten einen deutlichen Dosis-Wirkungs-Trend: Höhere BSA-Quartile korrelierten mit geringerem DR- und VTDR-Risiko. Ähnliche Zusammenhänge bestanden bei Männern mit milder NPDR.
Bislang existieren kaum Studien zum Zusammenhang zwischen BSA und diabetischer Mikroangiopathie. Diese Arbeit demonstriert, dass BSA im Vergleich zu BMI invers stärker mit DR-Schweregrad korreliert und ein unabhängiger Prädiktor für DR bei chinesischen Typ-2-Diabetespatienten ist. Bei Frauen bedarf diese Assoziation jedoch vorsichtiger Interpretation. Ob aktive Verbesserung von BMI/BSA DR präventiv beeinflusst, bleibt unklar. Weitere prospektive Studien, auch außerhalb von Krankenhauspopulationen, sind erforderlich, um potenzielle Vorteile höherer BSA-Werte für die DR-Prävention zu validieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001071