ART-naive Menschen mit HIV-Infektion zeigen tendenziell schwerere COVID-19-Symptome
Die globale Pandemie der Coronavirus-Krankheit 2019 (COVID-19), verursacht durch das Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2), hatte weltweit erhebliche wirtschaftliche und gesundheitspolitische Auswirkungen. Gleichzeitig stellt das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) weiterhin eine große globale Gesundheitsherausforderung dar, wobei etwa 39 Millionen Menschen Ende 2022 mit HIV lebten (PLWH). Schätzungsweise 9,2 Millionen davon erhielten keine antiretrovirale Therapie (ART), was sie möglicherweise einem höheren Risiko für Immundefizienz aussetzt. Trotz der Überschneidung der Herausforderungen durch HIV und COVID-19 gibt es nur begrenzte Forschung zu den Auswirkungen von COVID-19 auf PLWH, insbesondere auf ART-naive Personen. Diese Studie vergleicht retrospektiv den Schweregrad von COVID-19 bei ART-erfahrenen und ART-naiven PLWH mittels einer Fall-Kontroll-Studie.
Methoden
Die Studie wurde am Shanghai Public Health Clinical Center (SPHCC) durchgeführt und von dessen Ethikkommission genehmigt. Aufgrund des retrospektiven und anonymisierten Designs wurde auf eine schriftliche Einwilligung verzichtet. Das Fall-Kontroll-Verhältnis betrug 1:2, um die geringe Fallzahl in der Zielpopulation zu berücksichtigen. Die Mindeststichprobengröße wurde mit 44 Fällen und 88 Kontrollen ermittelt (Signifikanzniveau 0,05; Power 0,9).
Medizinische Daten von zwischen März 2022 und Juli 2023 hospitalisierten PLWH mit SARS-CoV-2-Infektion wurden analysiert. Erhobene Parameter umfassten Alter, Geschlecht, CD4+-T-Zellzahl, CD4+/CD8+-Verhältnis, HIV-Viruslast, ART-Anamnese, Komorbiditäten, klinische COVID-19-Symptome, radiologische Befunde, Impfstatus und Dauer der Virusausscheidung. Die klinische Schwereklassifizierung folgte dem Corona Virus Disease 2019 Diagnosis and Treatment Program (Trial 10th Edition). Statistische Analysen erfolgten mit Stata 16 und GraphPad Prism 9.0.0.
Ergebnisse
An der Studie nahmen 132 Personen teil (125 Männer, 7 Frauen; mittleres Alter 45 Jahre). Die ART-naive Gruppe (n=44) wies im Vergleich zu ART-erfahrenen Personen (n=88) signifikant niedrigere CD4+-T-Zellzahlen (18,34 vs. 127,94 Zellen/mm³), ein geringeres CD4+/CD8+-Verhältnis (0,07 vs. 0,58) und höhere HIV-Viruslasten (5,83 vs. 1,34 log10 Kopien/mL) auf. Opportunistische Infektionen traten bei 52,27 % der ART-naiven vs. 25,64 % der ART-erfahrenen Teilnehmer auf.
Klinisch zeigten ART-naive PLWH häufiger Fieber (84,09 % vs. 65,12 %), produktiven Husten (72,73 % vs. 44,19 %), Thoraxenge (47,73 % vs. 18,60 %) und Schwäche (63,64 % vs. 34,88 %). Die maximale Fiebertemperatur lag höher (39,05 °C vs. 38,71 °C), und radiologische Pneumoniezeichen traten bei 54,54 % vs. 23,86 % auf. Schwere/critische COVID-19-Verläufe waren in der ART-naiven Gruppe häufiger (54,55 % vs. 23,86 %). Die mediane Virusausscheidungsdauer betrug 30 Tage (ART-naiv) vs. 15 Tage (ART-erfahren).
In der ordinalen logistischen Regression war ART-Nichtanwendung der stärkste Prädiktor für COVID-19-Schwere (OR=5,06; 95 %-KI 2,14–12,01). Alter, Impfstatus und Komorbiditäten zeigten keine signifikante Assoziation.
Diskussion
Die Ergebnisse unterstreichen, dass ART-naive PLWH aufgrund ausgeprägter Immunsuppression (CD4+ <50 Zellen/mm³) ein höheres Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. ART scheint nicht nur die HIV-Progression zu kontrollieren, sondern könnte durch Modulation entzündlicher Pathways auch protektive Effekte gegen SARS-CoV-2 vermitteln. Die verlängerte Virusausscheidung bei niedriger CD4+-Zahl korreliert mit Befunden bei anderen immunsupprimierten Gruppen.
Limitationen umfassen den retrospektiven Ansatz und die Fokussierung auf hospitalisierte Patienten. Zukünftige Studien sollten ambulante Kohorten und spezifische ART-Regime untersuchen.
Schlussfolgerung
Eine zeitnahe ART-Einleitung bei HIV-Diagnose ist entscheidend, um sowohl die HIV-bedingte Morbidität als auch die COVID-19-Prognose zu verbessern. Die Integration von ART in pandemische Präventionsstrategien für PLWH wird empfohlen.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002902