Zusammenhang zwischen dem Hämoglobin-Glykierungsindex und 5-Jahres-schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen: Die REACTION-Kohortenstudie
Diabetes mellitus zählt weltweit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen und ist mit zahlreichen Komplikationen, einschließlich kardiovaskulärer Erkrankungen (CVD), assoziiert. Glykosyliertes Hämoglobin (HbA1c) gilt als Goldstandard zur Beurteilung der Langzeit-Blutzuckerkontrolle bei Diabetikern. Allerdings wird HbA1c nicht nur vom mittleren Blutzucker, sondern auch von Faktoren wie Erythrozytenumsatz oder Glukosegradienten über die Erythrozytenmembran beeinflusst. Bis zu 20–40 % der HbA1c-Variabilität lassen sich nicht durch den Blutzucker erklären. Der Hämoglobin-Glykierungsindex (HGI) wurde entwickelt, um individuelle Unterschiede im Glukosestoffwechsel und der HbA1c-Bildung zu quantifizieren. Diese Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen HGI und dem Risiko für 5-Jahres-schwerwiegende unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) in einer großen chinesischen Kohorte.
Die prospektive REACTION-Studie umfasste 9.791 Teilnehmer, die basierend auf HGI-Quantilen in fünf Subgruppen eingeteilt wurden: Q1 (≤5. Perzentil), Q2 (>5. bis ≤33,3. Perzentil), Q3 (>33,3. bis ≤66,7. Perzentil), Q4 (>66,7. bis ≤95. Perzentil) und Q5 (>95. Perzentil). Mittels multivariater logistischer Regression und restriktiver kubischer Spline-Modellierung wurde die Assoziation zwischen HGI und MACE-Risiko analysiert.
Es zeigte sich ein U-förmiger Zusammenhang zwischen HGI und dem 5-Jahres-MACE-Risiko. Die Gesamtrate für MACE betrug 6,87 % (673/9.791). Nach Adjustierung für kardiovaskuläre Risikofaktoren wiesen Teilnehmer mit HGI ≤–0,75 oder >0,82 signifikant höhere Odds Ratios (OR) im Vergleich zur Referenzgruppe (HGI –0,75 bis –0,20) auf: OR 1,471 (95 %-KI 1,027–2,069) für HGI ≤–0,75 und OR 2,222 (95 %-KI 1,641–3,026) für HGI >0,82. Diese U-förmige Korrelation blieb auch nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, BMI, Hypertonie, periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), Raucherstatus und Ernährungsgewohnheiten bestehen.
Die Subgruppe Q5 (höchster HGI) wies den höchsten BMI, HbA1c- und LDL-C-Spiegel sowie die intensivste antidiabetische Therapie (Kombination aus oralen Antidiabetika und Insulin) auf. Die Dichteverteilung von HbA1c variierte signifikant zwischen den HGI-Subgruppen, während die Verteilungen von Nüchternblutzucker (FBG) und postprandialem Blutzucker (2-hPBG) ähnlich waren. Die restriktive kubische Spline-Analyse identifizierte mit HGI –0,257 den Punkt des geringsten MACE-Risikos. Abweichungen nach oben oder unten erhöhten das Risiko kontinuierlich.
Subgruppenanalysen bestätigten das U-förmige Risikoprofil: Bei Teilnehmern <65 Jahren sowie bei Personen ohne koronare Herzkrankheit (KHK) war das MACE-Risiko in den extremen HGI-Subgruppen (Q1 und Q5) signifikant erhöht. Dies unterstreicht, dass sowohl niedrige als auch hohe HGI-Werte unabhängig von etablierten Risikofaktoren mit adversen kardiovaskulären Outcomes assoziiert sind.
Frühere Studien deuten darauf hin, dass hohe HGI-Werte mit Entzündung, oxidativem Stress und fortgeschrittenen Glykierungsendprodukten (AGEs) korrelieren, die zur Endothelschädigung beitragen. Paradoxerweise sind auch niedrige HGI-Werte mit kardiovaskulären Risiken verbunden, möglicherweise aufgrund einer dysregulierten mitochondrialen Funktion oder erhöhten Hypoglykämieneigung. Die vorliegenden Ergebnisse stehen im Einklang mit Daten aus der DEVOTE- und AleCardio-Studie, die jeweils HGI als prädiktiven Marker für kardiovaskuläre Mortalität identifizierten.
Trotz methodischer Stärken (prospektives Design, große Kohorte) bestehen Limitationen: Die HGI-Berechnung basiert auf populationsspezifischen Gleichungen, was die Generalisierbarkeit einschränken könnte. Unberücksichtigte Confounder wie genetische Faktoren oder Schwankungen des HGI über die Zeit erfordern weitere Untersuchungen.
Zusammenfassend zeigt diese Studie, dass HGI einen unabhängigen U-förmigen Zusammenhang mit dem 5-Jahres-MACE-Risiko aufweist. Die Identifikation von Patienten mit extremen HGI-Werten könnte frühzeitige präventive Strategien ermöglichen, um das kardiovaskuläre Risiko in Hochrisikopopulationen zu mindern.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002717