Auftreten, Risikofaktoren und Mikrobiologie von chirurgischen Wundinfektionen nach totaler Knieendoprothesenimplantation: Vorläufige Ergebnisse einer retrospektiven Studie
Die totale Knieendoprothesenimplantation (TKA) ist eine etablierte Behandlung für fortgeschrittene Gelenkerkrankungen. In China stieg die Zahl der TKA-Fälle zwischen 2011 und 2019 um das 5,9-Fache. Trotz des Erfolgs sind Komplikationen wie chirurgische Wundinfektionen (SSIs) gefürchtet. Aktuelle Berichte deuten auf eine unterschätzte Prävalenz von SSIs hin, mit einer prognostizierten Zunahme komplexer Infektionen nach Hüft- und Knieendoprothesen um 14 % zwischen 2020 und 2030. Für die chinesische Bevölkerung liegen jedoch kaum Daten vor. Diese retrospektive Studie untersucht Inzidenz, Risikofaktoren und mikrobiologische Muster von SSIs nach TKA in China.
Methodik
Die Studie wurde am Peking Union Medical College Hospital durchgeführt und umfasste Patienten mit primären TKA zwischen Januar 2009 und September 2021. SSIs wurden gemäß den Kriterien des National Healthcare Safety Network (NHSN) definiert, mit einer Nachbeobachtungszeit von 90 Tagen. Ausgeschlossen wurden Patienten ohne vollständige Nachverfolgung. Erfasste Daten umfassten Geschlecht, Alter, Komorbiditäten (autoimmunbedingte Erkrankungen, Diabetes mellitus, Hämophilie) und Operationstyp (einfache vs. komplexe Eingriffe).
Statistische Analyse
Die Datenanalyse erfolgte mit SPSS 19.0. Numerische Variablen wurden als Median (IQR), kategoriale als Häufigkeiten (%) dargestellt. Die SSI-Inzidenz wurde als Anteil der NHSN-konformen Fälle berechnet. Risikofaktoren wurden mittels logistischer Regression identifiziert, mit univariaten Tests (Chi-Quadrat, t-Test) und anschließender binärer Regression signifikanter Variablen. Die Erregerverteilung wurde deskriptiv analysiert.
Ergebnisse
Von 1447 Patienten (2084 TKA) entwickelten 14 Patienten (17 TKA) eine SSI, entsprechend einer Inzidenz von 0,97 %. Die mediane Zeit bis zur SSI-Diagnose betrug 12 Tage (IQR: 1–36). Die SSIs wurden klassifiziert in: oberflächlich (n = 7), tief (n = 3) und organ-/raumbezogen (n = 4). Alle organbezogenen SSIs entsprachen einer periprothetischen Infektion (PJI) und erforderten Revisionseingriffe.
In der univariaten Analyse waren Alter, autoimmunbedingte Erkrankungen und Hämophilie signifikante Risikofaktoren. Die logistische Regression bestätigte autoimmunbedingte Erkrankungen (OR: 7,190; 95 %-KI: 2,166–23,865) und Hämophilie (OR: 8,106; 95 %-KI: 1,747–28,910) als unabhängige Prädiktoren.
Mikrobiologische Tests bei 13/14 SSI-Fällen ergaben in 8 Fällen positive Befunde. Dominierend war Staphylococcus (n = 7), gefolgt von multiresistenten Erregern wie MRSA und Pseudomonas aeruginosa. Ein Fall mit multispecies-Infektion (inkl. Candida albicans) führte trotz agressiver Therapie (Vakuumdrainage, Antibiotikazement) zur Oberschenkelamputation.
Diskussion
Die SSI-Inzidenz von 0,97 % liegt unter früheren Berichten (1,10–2,03 %), möglicherweise bedingt durch kürzere Nachbeobachtung (NHSN-Kriterien ab 2010). Autoimmunbedingte Erkrankungen und Hämophilie erhöhen das SSI-Risiko signifikant, vermutlich durch Immunsuppression (Glukokortikoide) bzw. gestörte Wundheilung (Gerinnungsdefekte). Die hohe Rate an Antibiotikaresistenzen (β-Laktame, Cephalosporine) unterstreicht die Notwendigkeit gezielter Therapien.
Einschränkungen
Die kleine Fallzahl und fehlende Berücksichtigung von Faktoren wie BMI oder Komorbiditäten (Leber/Niere) limitieren die Aussagekraft. Multicenter-Studien und nationale Endoprothesenregister sind erforderlich, um die Epidemiologie von SSIs in China umfassend zu erfassen.
Schlussfolgerung
Diese Studie identifiziert autoimmunbedingte Erkrankungen und Hämophilie als kritische Risikofaktoren für SSIs nach TKA. Staphylococcus dominiert das mikrobiologische Spektrum, mit zunehmenden Herausforderungen durch Antibiotikaresistenzen. Weitere Forschung ist notwendig, um präventive und therapeutische Strategien zu optimieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002740