Der prognostische Wert des zweiten Revisions des Internationalen Stadieneinteilungssystems (R2-ISS) in einer realen Kohorte von Patienten mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom
Das multiple Myelom (MM) ist eine Plasmazellerkrankung mit heterogenen Merkmalen. Eine präzise Risikostratifizierung ist entscheidend, um die unterschiedlichen Prognosen von Patienten vorherzusagen und risikoadaptierte Therapien zur Lebensverlängerung zu steuern. Kürzlich führte das European Myeloma Network (EMN) eine retrospektive Analyse mit über 7000 Myelompatienten durch und entwickelte das R2-ISS-Modell. Dieses Modell zeigte eine exzellente Risikostratifizierung in klinischen Studien, jedoch ist die Übertragbarkeit auf reale Behandlungsszenarien unzureichend untersucht. Die vorliegende Studie evaluierte die Anwendbarkeit des R2-ISS in einer chinesischen Population.
Methoden
Das R2-ISS basiert auf gewichteten Risikopunkten: ISS II (1,0 Punkt), ISS III (1,5 Punkte), del(17p) (1,0), erhöhte LDH (1,0), t(4;14) (1,0) und 1q21+ (0,5). Patienten wurden in vier Risikogruppen eingeteilt: R2-ISS I (0 Punkte), II (0,5–1,0), III (1,5–2,5) und IV (3,0–5,0).
Retrospektiv wurden 505 neu diagnostizierte MM-Patienten (Januar 2013–Dezember 2019) der Hämatologischen Klinik der Chinesischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften analysiert. Alle erhielten initial Proteasominhibitoren (PI) oder immunmodulatorische Medikamente (IMiD). Zytogenetische Aberrationen wurden mittels FISH an CD138+-Zellen bestimmt. Das Gesamtüberleben (OS) und progressionsfreie Überleben (PFS) wurden mittels Kaplan-Meier-Methode und Log-Rank-Test verglichen.
Ergebnisse
Das mediane Alter betrug 58 Jahre, 19,2 % waren >65 Jahre. Die ISS-Stadienverteilung war ISS I (18,0 %), II (36,2 %) und III (45,7 %). 63,8 % erhielten PI-basierte Therapien, 26,1 % PI+IMiD-Kombinationen, 32,3 % eine autologe Stammzelltransplantation (ASCT). Die mediane Nachbeobachtungszeit lag bei 38,3 Monaten, das mediane PFS bei 41,6 Monaten und OS bei 71,5 Monaten.
Verglichen mit der EMN-Kohorte wies unsere Population mehr ISS-III-Patienten und 1q21+-Aberrationen auf. Die 1q21+-Träger hatten kürzeres PFS (HR 1,54; p=0,002) und OS (HR 1,72; p=0,005). Die R2-ISS-Verteilung war: I (11,3 %), II (20,8 %), III (52,3 %), IV (15,6 %). Das mediane OS war für R2-ISS I/II nicht erreicht (NR), für III 63,8 Monate und IV 48,2 Monate (p<0,001). PFS: I (76,6 Monate), II (64,3), III (33,8), IV (30,7).
Die R2-ISS-stratifizierte OS-Vorhersage war in Subgruppen (Alter, Therapieregime, Nicht-ASCT) valide, nicht jedoch bei ASCT-Patienten (p=0,094). Die Umverteilung der R-ISS-II-Patienten in R2-ISS-II/III/IV reduzierte die prognostische Heterogenität (OS: p=0,013).
Diskussion
Das R2-ISS bietet eine präzisere Risikoeinteilung als das R-ISS, besonders durch die Reduktion der Heterogenität in der R-ISS-II-Gruppe. Die höhere Prävalenz von 1q21+ in unserer Kohorte unterstreicht regionale Unterschiede, die eine Überprüfung der gewichteten Punkte für 1q21+ in nichteuropäischen Populationen erfordern. Limitationen umfassen den einzelzentrischen Ansatz und die geringe ASCT-Rate (32,3 %), was die Generalisierbarkeit einschränkt.
Schlussfolgerung
Das R2-ISS-Modell ist ein zuverlässiges Werkzeug zur Prognoseabschätzung bei chinesischen MM-Patienten in realen Behandlungsszenarien. Multicenterstudien sind notwendig, um die Gewichtung von 1q21+ global zu validieren.
Interessenkonflikte
Keine.
DOI: 10.1097/CM9.0000000000002735