Prävalenz der Psoriasis-Arthritis in der chinesischen Bevölkerung mit Psoriasis: Eine multizentrische Studie unter Leitung erfahrener Rheumatologen
Einleitung
Die Psoriasis-Arthritis (PsA) ist eine systemisch-entzündliche Gelenkerkrankung, die mit Psoriasis assoziiert ist und durch heterogene klinische Manifestationen wie periphere Arthritis, axiale Beteiligung, Enthesitis, Daktylitis sowie Haut- oder Nagelveränderungen gekennzeichnet ist. Historisch variierte die berichtete Prävalenz der PsA unter Psoriasis-Patient:innen regional und ethnisch stark (6 %–42 %). In China wurde die PsA-Prävalenz in früheren Studien deutlich niedriger eingeschätzt (0,69 %–7,14 %) als in anderen asiatischen Ländern und westlichen Populationen. Diese Schätzungen basierten jedoch häufig auf dermatologisch geleiteten Studien, bei denen Unterdiagnosen und unzureichende rheumatologische Abklärungen die Prävalenz unterschätzt haben könnten. Diese multizentrische Studie unter rheumatologischer Leitung zielte darauf ab, diese Lücken durch systematische Evaluierung der PsA-Prävalenz bei chinesischen Psoriasis-Patient:innen mithilfe validierter Screeninginstrumente und standardisierter Diagnosesicherung zu schließen.
Methoden
Studiendesign und Teilnehmende
In die Studie wurden 2.434 konsekutive Patient:innen mit bestätigter Psoriasis-Diagnose aus neun dermatologischen Kliniken in fünf Shanghai-Krankenhäusern eingeschlossen. Personen unter 18 Jahren und Nicht-Chines:innen wurden ausgeschlossen. Eine Fallzahlberechnung basierend auf einer geschätzten Prävalenz von 5,8 % ergab, dass mindestens 2.099 Teilnehmende benötigt wurden, um eine 95 %-Konfidenz (KI) mit einer Fehlerspanne von 1 % zu erreichen.
Screening- und Diagnoseprozess
Alle Teilnehmenden füllten einen 16-Item-modifizierten Early Arthritis for Psoriatic Patients (mEARP)-Fragebogen zur Identifikation potenzieller PsA-Fälle aus. Der mEARP kombinierte Fragen aus vier etablierten Screeningtools (EARP, PASE, PASQ, PEST) zur Maximierung der Sensitivität. Patient:innen mit ≥1 positiver Antwort wurden von zwei erfahrenen Rheumatolog:innen untersucht. Die PsA-Diagnose wurde gemäß den Classification Criteria for Psoriatic Arthritis (CASPAR) bestätigt.
Datenerfassung
Erhobene demografische und klinische Daten umfassten Alter, Geschlecht, Psoriasis-Manifestationsalter, Erkrankungsdauer, Familienanamnese, Psoriasis-Subtyp, Nagelbeteiligung und Arthritis-Phänotyp. Der Schweregrad der Plaque-Psoriasis wurde anhand der betroffenen Körperoberfläche (BSA) kategorisiert: <5 %, 5 %–10 % und ≥10 %. Die Gelenkbeteiligung wurde als oligoartikulär (1–4 Gelenke), polyartikulär (≥5 Gelenke), distale Interphalangeal(DIP)-betonte Arthritis, axiale Erkrankung oder mutilierende Arthritis klassifiziert.
Statistische Analyse
Kontinuierliche Variablen wurden als Mittelwert ± Standardabweichung oder Median (Q1, Q3) dargestellt, kategoriale Variablen als Häufigkeiten und Prozentsätze. Der Mann-Whitney-U-Test verglich kontinuierliche Variablen; kategoriale Unterschiede wurden mittels Chi-Quadrat-Test analysiert. ROC-Kurven (Receiver Operating Characteristic) evaluierten die Leistung der Screeningtools. Sensitivität, Spezifität, positive/negative prädiktive Werte und Likelihood-Ratios wurden für mEARP und EARP berechnet.
Ergebnisse
Prävalenz der PsA
Unter 2.434 Psoriasis-Patient:innen (1.561 Männer; 873 Frauen) wurde bei 252 eine PsA diagnostiziert, was einer Gesamtprävalenz von 10,4 % (95 %-KI: 9,1 %–11,7 %) entspricht. Die Prävalenz unterschied sich nicht signifikant zwischen Männern (10,8 %; 95 %-KI: 9,2 %–12,5 %) und Frauen (9,6 %; 95 %-KI: 7,7 %–11,9 %; P=0,38). Neudiagnostizierte PsA-Fälle machten 49,6 % (125/252) aus, was einer unerkannten PsA-Prävalenz von 5,2 % (95 %-KI: 4,4 %–6,2 %) unter allen Psoriasis-Patient:innen entspricht.
Alters- und Krankheitsverlauf
Die Prävalenz stieg progressiv bei Patient:innen unter 50 Jahren (P<0,01) und erreichte ihren Höhepunkt in der Altersgruppe 41–50 Jahre. Die Psoriasis manifestierte sich am häufigsten im Alter von 21–30 Jahren (53 % der Fälle), während die PsA-Symptomatik typischerweise zwischen 31–50 Jahren begann (47 % der PsA-Fälle).
Klinische Charakteristika der PsA-Patient:innen
Demografie und Psoriasis-Merkmale
Zwischen PsA- und rein kutaner Psoriasis (PsC) fanden sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Alter, Geschlecht, Erkrankungsdauer oder Plaque-Psoriasis-Schweregrad. PsA-Patient:innen wiesen jedoch höhere Raten von Nagelläsionen (Grübchenbildung: 34,5 % vs. 26,4 %; Onycholyse: 32,5 % vs. 26,8 %; Hyperkeratose: 26,6 % vs. 18,2 %; alle P<0,001) und Psoriasis-Familienanamnese (16,3 % vs. 8,7 %; P<0,001) auf.
Arthritis-Phänotypen
Der häufigste Phänotyp war oligoartikulär (44 %), gefolgt von polyartikulär (36,1 %), axialer Beteiligung (19 %) und DIP-betonter Erkrankung (10,7 %). Eine Daktylitis trat bei 39,3 % der PsA-Fälle auf. Im Vergleich zu Neudiagnosen zeigten bereits diagnostizierte PsA-Patient:innen höhere Schwellungsgelenkzahlen (Median 2 vs. 1; P<0,001) und längere Erkrankungsdauern (Psoriasis: 14,3 vs. 9,5 Jahre; Arthritis: 7,0 vs. 2,0 Jahre).
Komorbiditäten
PsA-Patient:innen wiesen erhöhte Raten von Uveitis (4,4 % vs. 0,1 %) und chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (2,4 % vs. 0,0 %; P<0,001) im Vergleich zu PsC-Patient:innen auf.
Leistungsfähigkeit der Screeningtools
Der mEARP übertraf den originalen EARP in der diagnostischen Genauigkeit sowohl für Neudiagnosen (AUC: 0,96 vs. 0,94) als auch für bekannte PsA-Fälle (AUC: 0,98 vs. 0,97). Optimale mEARP-Cut-offs lagen bei 4 Punkten (Neudiagnosen) und 5 Punkten (bekannte Fälle). Sensitivität und Spezifität für Neudiagnosen betrugen 89,6 % bzw. 97,9 % (mEARP) vs. 80,8 % bzw. 97,3 % (EARP).
Diskussion
Prävalenz und Unterdiagnose
Die Studie zeigt, dass die PsA-Prävalenz in China mit 10,4 % fast doppelt so hoch ist wie frühere Schätzungen (5,8 %) aus dermatologisch geleiteten Studien. Die hohe Rate unerkannter PsA-Fälle (5,2 %) unterstreicht systemische Diagnoselücken in dermatologischen Einrichtungen, analog zu globalen Trends (z. B. 15 %–41 % in Europa).
Ethnische und geografische Variationen
Die niedrigere PsA-Prävalenz in China im Vergleich zu kaukasischen Populationen (22,7 % in Europa) könnte genetische Unterschiede (z. B. HLA-Allele) oder methodische Disparitäten widerspiegeln. Die Übereinstimmung mit anderen asiatischen Ländern (z. B. Südkorea: 10,4 %) deutet jedoch darauf hin, dass frühere chinesische Schätzungen eher methodische Artefakte als ethnische Besonderheiten darstellten.
Klinische Implikationen
Die Häufigkeit axialer Beteiligung (19 %) und Daktylitis (39,3 %) unterstreicht die Notwendigkeit umfassender muskuloskelettaler Untersuchungen bei Psoriasis-Patient:innen. Erhöhte Komorbiditäten wie Uveitis und Darmentzündungen betonen den systemischen Charakter der PsA.
Stärken und Limitationen
Stärken umfassen die große multizentrische Kohorte, rheumatologisch gesicherte Diagnosen und den Einsatz sensitiver Screeningtools. Limitationen sind mögliche Untererfassung asymptomatischer axialer PsA und die Beschränkung auf Shanghai. Dennoch ist die Übertragbarkeit auf urbane chinesische Populationen plausibel.
Schlussfolgerung
Die Studie belegt, dass 10,4 % der chinesischen Psoriasis-Patient:innen an PsA leiden, wobei fast die Hälfte zuvor unerkannt blieb. Der mEARP erwies sich als effektives Screeningtool. Die Ergebnisse fordern routinemäßige rheumatologische Abklärungen in der Psoriasis-Versorgung, um Frühdiagnosen und Gelenkschäden zu reduzieren. Zukünftige Studien sollten diese Ergebnisse in ländlichen Populationen validieren und genetische/umweltbedingte PsA-Risikofaktoren untersuchen.
DOI: doi.org/10.1097/CM9.0000000000002683