Die Belastung durch Epilepsie in China, 1990 bis 2019

Die Belastung durch Epilepsie in China und seinen Provinzen, 1990 bis 2019: Ergebnisse der Global Burden of Disease Study 2019

Epilepsie gehört weltweit zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen und betrifft rund 70 Millionen Menschen. Sie ist gekennzeichnet durch abnormale neuronale Entladungen im Gehirn, die zu wiederkehrenden Anfällen sowie neurobiologischen, kognitiven und psychosozialen Folgen führen. Die Erkrankung beeinträchtigt nicht nur die physische und mentale Gesundheit der Patient:innen, sondern stellt auch eine erhebliche Belastung für Familien, Gemeinschaften und die Gesellschaft dar. Entwicklungsländer tragen etwa 90 % der globalen Krankheitslast durch Epilepsie, wobei China aufgrund seiner großen Bevölkerung mehr als 12 % der weltweiten Epilepsiefälle ausmacht. Obwohl die standardisierte Inzidenz- und Prävalenzrate in China unter dem globalen Durchschnitt liegt, bleibt die Belastung beträchtlich: 2019 entfielen 10 % der globalen behinderungsbereinigten Lebensjahre (DALYs) und 94 % der DALYs in Ostasien auf China.

Diese Studie bewertet umfassend die Belastung durch Epilepsie in China und seinen Provinzen, regierungsunmittelbaren Städten und autonomen Regionen von 1990 bis 2019. Die Belastung wurde anhand von sechs epidemiologischen Indikatoren gemessen: Inzidenz, Prävalenz, Todesfälle, mit Behinderung gelebte Jahre (YLDs), durch vorzeitigen Tod verlorene Jahre (YLLs) und DALYs. Diese Kennzahlen wurden nach Alter, Geschlecht, Jahr und Provinz analysiert. Zudem untersuchte die Studie den Zusammenhang zwischen dem soziodemografischen Index (SDI) und den altersstandardisierten DALY-Raten, um den Einfluss sozioökonomischer Entwicklung auf die Epilepsiebelastung zu erfassen.

Methoden

Die Daten stammten aus der Global Burden of Disease (GBD)-Datenbank 2019, die Schätzungen zur Krankheitslast für 204 Länder und Regionen liefert. Provinzspezifische Mortalitätsdaten in China wurden hauptsächlich aus dem Disease Surveillance Point-System, dem Maternal and Child Surveillance System, dem China Cancer Registry und dem Meldesystem für Todesursachen des Chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) extrahiert. Nicht-tödliche Outcomes wurden aus nationalen Surveys, Krankenhausdaten und publizierten Studien abgeleitet. Der SDI (Skala: 0 = niedrigste, 100 = höchste Entwicklungsstufe) diente zur Analyse des Zusammenhangs zwischen Provinzentwicklung und Epilepsiebelastung.

Epilepsie wurde gemäß der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) als hirnbasiertes Krankheitsbild mit anhaltender Neigung zu epileptischen Anfällen definiert. Die Fallidentifikation erfolgte über ICD-9- und ICD-10-Codes. Die altersstandardisierten Raten wurden unter Berücksichtigung demografischer Unterschiede berechnet. Die statistischen Analysen erfolgten mit SAS und R unter Angabe von 95 %-Unsicherheitsintervallen (UI).

Ergebnisse

2019 verursachte Epilepsie in China 1.367,51 Tausend DALYs, mit einer altersstandardisierten DALY-Rate von 99,77 pro 100.000 Einwohner:innen. Die altersstandardisierten Inzidenz- und Prävalenzraten lagen 2019 bei 24,65 bzw. 219,69 pro 100.000 – ein Anstieg um 45,00 % bzw. 35,72 % seit 1990. Dagegen sanken die altersstandardisierten Mortalitäts- und DALY-Raten um 53,34 % bzw. 34,98 %.

Die altersspezifische Analyse zeigte deutliche Verschiebungen: 1990 wiesen Kinder unter fünf Jahren die höchsten DALY-Raten auf (356,34 bzw. 305,61 pro 100.000 bei Jungen bzw. Mädchen). Bis 2019 lag das Maximum bei Personen ab 85 Jahren (156,19 bzw. 114,61 pro 100.000). Der DALY-Anteil der unter 25-Jährigen sank kontinuierlich, während er bei über 50-Jährigen signifikant anstieg (von 9,45 %/10,22 % in 1990 auf 29,01 %/32,72 % bei Männern/Frauen in 2019).

Geografisch variierte die Belastung erheblich: 2019 wiesen Tibet (Prävalenz: 438,85/100.000) und Ningxia (302,19/100.000) die höchsten Raten auf. Die höchsten Mortalitätsraten fanden sich in Tibet (4,26/100.000), Qinghai (1,80/100.000) und Yunnan (1,30/100.000), die niedrigsten in Guangdong (0,48/100.000) und Shanghai (0,57/100.000). Die DALY-Rate Tibets (400,55/100.000) übertraf die von Zhejiang (81,47/100.000) um das 4,92-Fache.

Ein klarer inverser Zusammenhang zwischen SDI und DALY-Raten belegte den Einfluss sozioökonomischer Entwicklung: Höhere SDI-Werte gingen mit geringerer Epilepsiebelastung einher.

Diskussion

Die Studie unterstreicht die anhaltend hohe Belastung durch Epilepsie in China, insbesondere in westlichen Provinzen. Trotz gesunkener Mortalitäts- und DALY-Raten deuten steigende Inzidenz- und Prävalenzraten auf verbesserte Diagnostik und Behandlung hin. Die Verschiebung der Belastung hin zu älteren Bevölkerungsgruppen spiegelt den demografischen Wandel und die Zunahme altersassoziierter Komorbiditäten (z. B. Schlaganfall, neurodegenerative Erkrankungen) wider.

Regionale Disparitäten erfordern gezielte Interventionen, insbesondere in Tibet. Gründe für die hohe Belastung umfassen geografische Isolation, kulturelle Barrieren und begrenzten Zugang zur Versorgung. Die Ergebnisse betonen die Notwendigkeit, sozioökonomische Entwicklung voranzutreiben, um die Versorgungslücke zu schließen.

Limitationen

Einschränkungen umfassen Modellierungsunsicherheiten der GBD-Daten, insbesondere in datenarmen Regionen wie Tibet. Urbane-rurale Unterschiede konnten nicht analysiert werden. Breite UIs schränken die Vergleichbarkeit zwischen Provinzen ein. Eine Zuschreibung der Belastung zu Risikofaktoren war mangels Daten nicht möglich.

Fazit

Die Epilepsiebelastung in China bleibt substanziell, mit steigender Inzidenz und zunehmender Betroffenheit älterer Menschen. Die Ergebnisse liefern entscheidende Evidenz für die Anpassung nationaler und regionaler Gesundheitsstrategien. Prioritäre Maßnahmen sollten den Zugang zu Therapien verbessern, Aufklärung fördern und Stigmatisierung reduzieren – besonders in unterversorgten Provinzen.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000002526

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