Veränderungen der HIV-Belastung weltweit und in China über drei Jahrzehnte: Eine Sekundäranalyse globaler HIV-Statistiken
Einleitung
Die globale HIV/AIDS-Epidemie hat in den letzten drei Jahrzehnten erhebliche Veränderungen durchlaufen, bedingt durch Fortschritte in Prävention, Behandlung und politischen Maßnahmen. Die „90-90-90“-Strategie des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/AIDS (UNAIDS) zielte darauf ab, bis 2020 sicherzustellen, dass 90 % der HIV-Infizierten ihren Status kennen, 90 % der Diagnostizierten eine antiretrovirale Therapie (ART) erhalten und 90 % der Behandelten eine Virussuppression erreichen. Während global beträchtliche Fortschritte erzielt wurden, bestehen kritische Lücken. In China bleibt die HIV/AIDS-Epidemie trotz des Nationalen Kostenlosen ART-Programms und anderer Interventionen eine Herausforderung für die öffentliche Gesundheit, mit steigenden Sterblichkeitsraten in den letzten Jahren. Diese Studie analysiert Daten der Global Burden of Disease (GBD)-Studie 2019, um Trends von HIV-Inzidenz, Prävalenz, Mortalität und Mortalitäts-Prävalenz-Verhältnis (MPR) weltweit und in China von 1990 bis 2019 unter Berücksichtigung von Geschlechts- und Altersdisparitäten zu untersuchen.
Methoden
Die Studie umfasste eine Sekundäranalyse der GBD-2019-Daten, die Schätzungen für 369 Krankheiten und Verletzungen in 204 Ländern liefern. HIV-Inzidenz, Prävalenz und Mortalitätsraten wurden nach Geschlecht und Altersgruppen (0–14, 15–49, 50–69, ≥70 Jahre) stratifiziert. Der MPR (Mortalität geteilt durch Prävalenz) diente als Indikator für Krankheitslast und Gesundheitssystemleistung. Eine Joinpoint-Regressionsanalyse identifizierte signifikante Trendwechsel, wobei die jährliche prozentuale Veränderung (APC) und die durchschnittliche jährliche prozentuale Veränderung (AAPC) zur Quantifizierung der Ratenänderungen verwendet wurden. Die statistische Signifikanz wurde bei P < 0,05 festgelegt.
Globale Trends der HIV-Belastung (1990–2019)
Inzidenz, Prävalenz und Mortalität
Weltweit erreichte die HIV-Inzidenz 1996 mit 56,0 pro 100.000 Personen (95 %-KI: 47,5–67,2) ihren Höhepunkt und nahm danach ab (AAPC: −1,4 %; 95 %-KI: −1,6 bis −1,2), was auf verbesserte Prävention wie Kondomnutzung und PrEP zurückzuführen ist. Die Prävalenz stieg kontinuierlich auf 476,2 pro 100.000 (95 %-KI: 454,3–502,2) im Jahr 2019 (AAPC: +4,1 %; 95 %-KI: 4,0–4,3). Die Mortalität erreichte 2004 mit 28,5 pro 100.000 (95 %-KI: 22,3–35,2) ihren Höhepunkt, sank jedoch danach (AAPC: +2,0 %; 95 %-KI: 1,7–2,3) aufgrund von ART-Ausweitung. Der MPR sank global (AAPC: −2,1 %; 95 %-KI: −2,3 bis −1,8), was auf verbessertes Überleben von Menschen mit HIV (PLWH) hinweist.
Geschlechterdisparitäten
Frauen wiesen weltweit höhere Inzidenz-, Prävalenz- und Mortalitätsraten auf als Männer. In Subsahara-Afrika waren die Inzidenzraten bei Frauen während der Spitzenjahre 50–70 % höher. Geschlechterunterschiede verringerten sich jedoch nach 2000 durch gezielte Interventionen wie Programme zur Verhinderung der Mutter-zu-Kind-Übertragung (PMTCT).
Altersspezifische Muster
Junge und mittelalte Erwachsene (15–49 Jahre) trugen die höchste Last, mit Inzidenzraten 3–5-mal höher als andere Altersgruppen. Bei Kindern (0–14 Jahre) sank die Mortalität stark (AAPC für MPR: −6,7 %) aufgrund frühzeitiger ART-Einleitung. Ältere Erwachsene (≥50 Jahre) verzeichneten steigende Mortalitätsraten, bedingt durch späte Diagnosen und Komorbiditäten.
Nationale Trends in China (1990–2019)
Inzidenz, Prävalenz und Mortalität
Chinas HIV-Epidemie folgte einem anderen Verlauf: Die Inzidenz erreichte 2005 mit 4,8 pro 100.000 (95 %-KI: 3,2–6,9) ihren Höhepunkt (AAPC: +3,5 %; 95 %-KI: 2,2–4,8). Die Prävalenz stieg bis 2014 (Höchstwert: 41,9 pro 100.000), bevor sie stabilisierte (AAPC: +6,9 %; 95 %-KI: 6,8–7,0). Die Mortalität stieg kontinuierlich, mit einem Höchstwert von 2,2 pro 100.000 im Jahr 2018 (AAPC: +8,1 %; 95 %-KI: 7,1–9,1). Der MPR schwankte und stieg von 0,03 im Jahr 1990 auf 0,06 im Jahr 2019 (AAPC: +1,2 %; 95 %-KI: 0,1–2,3), was auf späte Diagnosen und fortgeschrittene HIV-Erkrankungen hinweist.
Geschlechterdisparitäten
Im Gegensatz zu globalen Trends dominierte in China die HIV-Belastung bei Männern. Die Inzidenzraten bei Männern waren 2–3-mal höher als bei Frauen, bedingt durch risikoreiches Verhalten bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Die Mortalitätsraten stiegen bei Männern schneller (AAPC: +8,6 %; 95 %-KI: 7,7–9,6) als bei Frauen (AAPC: +7,1 %; 95 %-KI: 5,5–8,7), verbunden mit spätem Testen und Stigma.
Altersspezifische Muster
Die Epidemie verlagerte sich in China auf ältere Erwachsene. Personen ≥50 Jahre verzeichneten steigende Inzidenz (Höhepunkt 2012; AAPC: +3,3 %; 95 %-KI: 2,2–4,5) und stellten 2019 60 % der Prävalenzfälle. Die Mortalität in dieser Gruppe stieg stark (AAPC: +8,0 %; 95 %-KI: 6,9–9,0), beeinflusst durch geringen Kondomgebrauch und begrenztes HIV-Bewusstsein. Bei Kindern (0–14 Jahre) blieb die Inzidenz stabil (AAPC: +2,1 %; 95 %-KI: 0,8–3,4) aufgrund erfolgreicher PMTCT-Programme.
Joinpoint-Regressionsanalyse von Alters- und Geschlechtstrends in China
Inzidenzraten
- Kinder (0–14 Jahre): Höhepunkt 2016 (APC: +6,6 %), gefolgt von starkem Rückgang (APC: −16,9 % bei Frauen, −16,3 % bei Männern).
- Erwachsene (15–49 Jahre): Rückgang ab 2005 (AAPC: −10,3 %; 95 %-KI: −11,0 bis −9,6) aufgrund vermehrter Screenings.
- Ältere Erwachsene (≥50 Jahre): Anstieg bis 2015 (APC: +27,3 % bei 50–69 Jahren), danach Stabilisierung.
Mortalitätsraten
- Kinder: Stetiger Rückgang (AAPC: −6,7 %; 95 %-KI: −7,0 bis −6,4).
- Ältere Erwachsene: Mortalitätsraten verdoppelten sich von 2013 bis 2016 (APC: +26,7 %; 95 %-KI: 12,7–42,6).
MPR-Trends
Während der MPR global in allen Altersgruppen sank, stagnierte er in China bei älteren Erwachsenen (AAPC: −5,3 %; 95 %-KI: −5,7 bis −4,9), was Defizite in der geriatrischen HIV-Versorgung unterstreicht.
Diskussion
Unterschiedliche globale und nationale Verläufe
Globale Rückgänge von Inzidenz und MPR spiegeln erfolgreiche Test- und ART-Programme wider. In China deuten steigende Mortalität und MPR trotz stabiler Prävalenz auf Herausforderungen bei früher Diagnose und alternden PLWH hin. Der dominante HIV-Subtyp CRF01_AE, der mit schnellem Krankheitsverlauf assoziiert ist, verschärft die Mortalität bei spät diagnostizierten Fällen.
Hohe Belastung älterer Erwachsener in China
Ältere Menschen sehen sich mit Stigma, geringem Risikobewusstsein und begrenzter Gesundheitskompetenz konfrontiert. Kommerzieller Sex bei älteren Männern ohne Kondomnutzung treibt die Transmission. Zielgerichtete Interventionen wie gemeindebasierte Screenings und altersgerechte Aufklärung sind entscheidend.
Geschlechtsspezifische Vulnerabilitäten
Weltweit resultiert die höhere Belastung von Frauen aus biologischer Suszeptibilität und Geschlechterungleichheit. In China treibt die MSM-bedingte Transmission männerdominierte Trends. Schadensminderungsprogramme für MSM und skalierbare PrEP könnten diese Disparität verringern.
Politische Implikationen
- Erweiterte Screenings: Fokus auf ältere Erwachsene und Hochrisikogruppen.
- Verbesserte HIV-Versorgung: Stärkung der Behandlungskette für spät Diagnostizierte.
- Management von Komorbiditäten: Integration von HIV-Versorgung in chronische Krankheitsdienste für alternde PLWH.
Fazit
Über drei Jahrzehnte nahmen die globale HIV-Inzidenz und der MPR ab, während China mit steigender Mortalität und anhaltender Transmission unter älteren Erwachsenen konfrontiert ist. Die Bekämpfung von Lücken in Testung, Behandlung und zielgruppenspezifischen Interventionen ist entscheidend, um die Epidemie einzudämmen.
doi.org/10.1097/cm9.0000000000002500