Überlegenheit von Sugammadex bei der Prävention postoperativer pulmonaler Komplikationen
Postoperative pulmonale Komplikationen (PPK) stellen eine erhebliche Belastung für chirurgische Patienten dar und sind mit erhöhter Mortalität sowie hohen finanziellen Kosten verbunden. Diese Komplikationen treten bei fast 5 % der operierten Patienten auf und werden häufig mit einer Residuallähmung nach der Anwendung neuromuskulär blockierender Medikamente (NMB) unter Allgemeinanästhesie assoziiert. Neostigmin, ein gebräuchlicher Antagonist zur Aufhebung der NMB, weist Limitationen wie cholinerge Nebenwirkungen und eine unzureichende Wirksamkeit bei tiefen Blockaden auf. Sugammadex, ein modernerer Antagonist, inaktiviert Aminosteroid-NMB durch Komplexbildung und könnte dadurch das Risiko residueller Muskelblockaden und folgender PPK reduzieren. Diese Metaanalyse untersucht, ob Sugammadex Neostigmin in der Reduktion von PPK überlegen ist.
Methoden
Es wurde eine systematische Literaturrecherche in PubMed, Embase, Web of Science, Medline, Cochrane Library, Wanfang, China National Knowledge Infrastructure und Chinese BioMedical Literature Databases bis zum 24. Juni 2021 durchgeführt. Eingeschlossen wurden Studien mit Patienten ≥18 Jahren, die Sugammadex versus Neostigmin zur NMB-Antagonisierung verglichen und PPK als primären Endpunkt untersuchten. Sekundäre Endpunkte umfassten spezifische PPK wie Pneumonie, respiratorische Insuffizienz und Atelektasen. Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und Kohortenstudien wurden berücksichtigt; Fallberichte, Reviews und Konferenzbeiträge ausgeschlossen.
Ergebnisse
In die Metaanalyse wurden 17 Studien (9 RCTs, 8 Kohortenstudien) eingeschlossen. Der primäre Endpunkt „zusammengesetzte PPK“ wurde in sechs Kohortenstudien und einer RCT analysiert. Die gepoolten Daten der Kohortenstudien zeigten eine signifikante Risikoreduktion für zusammengesetzte PPK unter Sugammadex (relatives Risiko [RR]: 0,73; 95 %-Konfidenzintervall [KI]: 0,60–0,89; p = 0,002; I² = 81 %). Die Evidenz war jedoch durch die geringe Anzahl an RCTs und Confounding-Faktoren in Kohortenstudien eingeschränkt. Nur eine RCT berichtete über zusammengesetzte PPK mit einer niedrigeren Inzidenz unter Sugammadex, wies aber methodische Unklarheiten auf.
Bei spezifischen PPK ergaben Kohortendaten eine signifikant reduzierte Inzidenz von Pneumonien (RR: 0,64; 95 %-KI: 0,48–0,86; I² = 42 %) und respiratorischer Insuffizienz (RR: 0,48; 95 %-KI: 0,41–0,56; I² = 0 %) unter Sugammadex. RCT-Daten zeigten hingegen keine signifikanten Unterschiede bei Pneumonien (RR: 0,58; 95 %-KI: 0,24–1,40; I² = 0 %) oder respiratorischer Insuffizienz (nicht berichtet). Für Atelektasen bestanden weder in RCTs (RR: 0,85; 95 %-KI: 0,69–1,05; I² = 0 %) noch in Kohortenstudien (RR: 1,01; 95 %-KI: 0,87–1,18; I² = 0 %) signifikante Unterschiede.
Diskussion
Die Metaanalyse deutet auf potenzielle Vorteile von Sugammadex hin, insbesondere in Kohortenstudien. Die Evidenz bleibt jedoch aufgrund limitierter RCT-Daten und heterogener Studiendesigns unklar. Subgruppenanalysen zeigten eine PPK-Reduktion bei Patienten <60 Jahren (RR: 0,74; 95 %-KI: 0,69–0,80; I² = 0 %), nicht jedoch bei ≥60-Jährigen (RR: 0,58; 95 %-KI: 0,29–1,16; I² = 90 %).
Schlussfolgerung
Obwohl Sugammadex in Kohortenstudien mit einer Reduktion von PPK assoziiert war, ist die Evidenz durch die Qualität und Größe der RCTs begrenzt. Großangelegte RCTs, insbesondere bei Hochrisikopatienten, sind erforderlich, um die Überlegenheit von Sugammadex zu bestätigen. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit optimierter Strategien zur NMB-Antagonisierung zur Verbesserung postoperativer Outcomes.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002381