Intraoperative Körpertemperatur und Aufwachdelir bei älteren Patienten nach nicht-kardiochirurgischen Eingriffen: Eine Sekundäranalyse einer prospektiven Beobachtungsstudie
Das Aufwachdelir (ED) ist eine transiente, aber bedeutsame neurologische Komplikation in der unmittelbaren postanästhesiologischen Phase. Es äußert sich durch Unaufmerksamkeit, verändertes Bewusstsein, kognitive Beeinträchtigungen und Schlafstörungen. Bei älteren Patienten tritt ED besonders häufig auf, mit Inzidenzen von 4–20 % in allgemeinchirurgischen Populationen und bis zu 37 % bei Senioren. Das ED ist mit ungünstigen klinischen Verläufen assoziiert, darunter verlängerte Krankenhausaufenthalte, pulmonale Komplikationen, postoperatives Delir (POD) und erhöhte Wiederaufnahmeraten. Die Ätiologie des ED ist multifaktoriell, wobei prädisponierende Faktoren (z. B. Alter, kognitive Vorerkrankungen) und auslösende Faktoren (z. B. Notfalloperationen, Hypothermie) eine Rolle spielen.
Die intraoperative Temperaturkontrolle ist ein kritischer Aspekt der perioperativen Versorgung. Allgemeinanästhetika stören die Thermoregulation, was zu Hypothermie führen kann. Bisherige Studien zeigen Zusammenhänge zwischen intraoperativer Hypothermie und POD, jedoch ist der Einfluss auf das ED unzureichend untersucht. Diese Studie analysiert den Zusammenhang zwischen intraoperativer Körpertemperatur und ED bei älteren Patienten nach nicht-kardiochirurgischen Eingriffen.
Methodik
In dieser Sekundäranalyse einer prospektiven Beobachtungsstudie am Peking University First Hospital wurden 874 Patienten (65–90 Jahre) eingeschlossen, die sich elektiven nicht-kardiochirurgischen Eingriffen unter Allgemeinanästhesie unterzogen. Ausgeschlossen wurden Patienten mit neuropsychiatrischen Erkrankungen oder vorangegangenen neurochirurgischen Eingriffen. Die Basistemperatur wurde präoperativ axillar mittels Quecksilberthermometer gemessen. Die intraoperative Kerntemperatur wurde kontinuierlich über einen ösophagealen Thermistensor erfasst. Absolute Hypothermie wurde definiert als Temperatur <36,0°C, <35,5°C oder <35,0°C; relative Hypothermie als Abfall von >0,5°C, >1,0°C oder >1,5°C gegenüber der Basistemperatur. Hyperthermie-Kriterien waren Temperaturen >37,0°C bzw. >37,5°C oder Anstiege >0,5°C bzw. >1,0°C.
Das primäre Outcome war die ED-Inzidenz, bewertet mittels der Confusion Assessment Method for the Intensive Care Unit (CAM-ICU) zu drei Zeitpunkten im Aufwachraum (PACU). Der ED-Subtyp (hyperaktiv, hypoaktiv, gemischt) wurde anhand der Richmond Agitation–Sedation Scale (RASS) klassifiziert. Sekundäre Outcomes umfassten POD innerhalb von fünf Tagen, nicht-delirante Komplikationen (30 Tage) sowie PACU- und Krankenhausverweildauer.
Ergebnisse
Bei 38,4 % der Patienten trat ein ED auf, vorwiegend vom hypoaktiven Subtyp (77,0 %). Die Inzidenz absoluter Hypothermie betrug 76,7 % (<36,0°C), 38,4 % (<35,5°C) und 17,5 % (<35,0°C). In der multivariablen logistischen Regression waren absolute Hypothermie (<35,5°C; adjustierte Odds Ratio [aOR]: 1,63; 95 %-KI: 1,11–2,38) und deren kumulative Dauer (pro Stunde: aOR 1,14; 95 %-KI: 1,02–1,27) unabhängige Risikofaktoren für ED. Relative Hypothermie (>1,0°C-Abfall; aOR: 1,91; 95 %-KI: 1,27–2,87) zeigte ähnliche Assoziationen. Relative Hyperthermie (>0,5°C-Anstieg; aOR: 0,50; 95 %-KI: 0,33–0,76) war dagegen mit reduziertem ED-Risiko verbunden.
Mittels restricted cubic spline (RCS)-Analyse wurde ein nicht-linearer Zusammenhang zwischen Hypothermie-Dauer und ED-Risiko nachgewiesen: Bereits kurze Hypothermiephasen (<30 Minuten) erhöhten die ED-Wahrscheinlichkeit signifikant.
Diskussion
Die Studie belegt erstmals, dass intraoperative Hypothermie ein unabhängiger Prädiktor für ED bei älteren Patienten ist. Pathophysiologisch könnten hypothermiebedingte zerebrale Hypoperfusion, Neurotransmitter-Dysregulation und Entzündungsreaktionen zur Delirentstehung beitragen. Interessanterweise zeigte relative Hyperthermie einen protektiven Effekt, möglicherweise durch verbesserte zerebrale Oxygenierung.
Klinisch relevant ist die Differenzierung zwischen absoluter und relativer Hypothermie: Während absolute Grenzwerte (z. B. 35,5°C) praxisnah sind, berücksichtigt die relative Temperaturabnahme individuelle physiologische Schwankungen. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer strikten Normothermie (36,0–37,5°C) bei Risikopatienten.
Schlussfolgerung
Intraoperative Hypothermie ist bei älteren Patienten häufig und signifikant mit ED assoziiert. Präventives Temperaturmanagement (z. B. aktive Erwärmung, Monitoring relativer Temperaturänderungen) könnte die postoperative Morbidität reduzieren. Künftige Studien sollten optimale Temperaturzielbereiche und den Einfluss gezielter Hyperthermie-Protokolle evaluieren.
Interessenkonflikt
Die Autoren erklären keine Interessenkonflikte.
Finanzierung
Gefördert durch den National Natural Science Foundation of China (82071208).
DOI
10.1097/CM9.0000000000002375