Hämatologische Risikofaktoren für Angina-pectoris-Episoden bei Patienten mit COVID-19 und stabiler Angina pectoris

Hämatologische Risikofaktoren für Angina-pectoris-Episoden bei Patienten mit COVID-19 und stabiler Angina pectoris

Die Wechselwirkungen zwischen COVID-19 und kardiovaskulären Erkrankungen, insbesondere der koronaren Herzkrankheit (KHK), stehen seit Pandemiebeginn im Fokus der Forschung. Patienten mit vorbestehender KHK und COVID-19 haben ein erhöhtes Risiko für kardiale Komplikationen, einschließlich rezidivierender Angina-pectoris-Episoden. Diese Studie untersucht hämatologische Marker als potenzielle Risikofaktoren für Angina-Ereignisse bei Patienten mit stabiler Angina pectoris (AP) und COVID-19, um pathophysiologische Zusammenhänge zwischen Virusinfektion und koronarer Ischämie aufzuzeigen.

Studiendesign und Patientencharakteristika

In dieser retrospektiven Beobachtungsstudie wurden Daten von 132 Patienten aus zwei Kohorten analysiert: 83 Patienten mit stabiler AP und bestätigter COVID-19-Infektion (behandelt im Wuhan Thunder God Mountain Hospital, Februar–März 2020) sowie 49 Patienten mit stabiler AP ohne COVID-19 (Shenyang Fourth People’s Hospital, März–April 2020). Die COVID-19-Diagnose erfolgte mittels RT-PCR und Thorax-CT, wobei der Schweregrad gemäß Chinas Behandlungsprotokoll (Version 6) als „common type“ klassifiziert wurde. Angina-Episoden wurden durch typische Symptome (Thoraxbeschwerden, Ausstrahlung, Belastungsabhängigkeit, Nitrat-responsiv) und EKG-Veränderungen (62 % der Fälle) definiert.

Die COVID-19 + AP-Gruppe wurde in Patienten mit Angina-Ereignissen während der Infektion (COVID-AP-Ereignisgruppe, n=50) und ohne Ereignisse (COVID-keine-AP-Gruppe, n=33) unterteilt. Beide Gruppen zeigten keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Alter (Durchschnitt ~65 Jahre), Geschlecht (~51 % männlich), Raucherstatus (~45 %) oder Komorbiditäten wie Hypertonie (~40 %), Diabetes (~20 %) oder ischämischer Schlaganfall (~9 %).

Analyse der Blutparameter

Untersucht wurden Neutrophilenzahl, Lymphozytenzahl, Thrombozytenzahl, mittleres Thrombozytenvolumen (MPV) sowie die Ratios NLR (Neutrophilen-Lymphozyten-Ratio), PLR (Thrombozyten-Lymphozyten-Ratio) und MPVLR (MPV-Lymphozyten-Ratio). Die statistische Auswertung erfolgte mittels t-Test, Mann-Whitney-U-Test oder Chi²-/Fisher-Test.

COVID-19 vs. stabile AP ohne COVID-19

Im Vergleich zur AP-Kontrollgruppe wies die COVID-19 + AP-Gruppe signifikant höhere Neutrophilenwerte (5,80 ± 1,58 vs. 3,91 ± 1,02 ×10⁹/L; P=0,041), MPV (11,50 ± 2,12 vs. 8,12 ± 1,65 fL; P=0,034) und PLR (Median 182,03 vs. 169,35; P=0,021) auf. Die Lymphozytenzahl war bei COVID-19-Patienten reduziert (1,14 ± 0,39 vs. 1,91 ± 0,46 ×10⁹/L; P=0,047).

COVID-AP-Ereignis vs. COVID-keine-AP

Innerhalb der COVID-19-Kohorte zeigten Patienten mit Angina-Episoden ausgeprägtere hämatologische Auffälligkeiten:

  • Erhöht: Neutrophilenzahl (6,47 ± 1,41 vs. 4,58 ± 1,52 ×10⁹/L; P=0,002), Thrombozytenzahl (201,16 ± 28,74 vs. 175,55 ± 31,47 ×10⁹/L; P=0,006), MPV (11,88 ± 1,64 vs. 8,77 ± 0,79 fL; P=0,003), NLR (Median 11,85 vs. 7,42; P=0,013), PLR (Median 220,00 vs. 127,42; P=0,001) und MPVLR (Median 11,69 vs. 6,59; P=0,003).
  • Erniedrigt: Lymphozytenzahl (1,05 ± 0,40 vs. 1,23 ± 0,43 ×10⁹/L; P=0,036).

Risikofaktorenidentifikation

In der univariablen Analyse korrelierten folgende Parameter mit Angina-Episoden:

  • Positive Assoziation: Neutrophilenzahl (OR=3,248; 95 %-KI=1,859–5,678; P<0,001), Thrombozytenzahl (OR=1,013; 95 %-KI=1,000–1,026; P=0,042), NLR (OR=1,196; 95 %-KI=1,063–1,346; P=0,003), MPV (OR=2,547; 95 %-KI=1,516–4,282; P=0,033).
  • Negative Assoziation: Lymphozytenzahl (OR=0,241; 95 %-KI=0,073–0,798; P=0,020).

In der multivariablen Analyse blieben Neutrophilenzahl (OR=2,501; 95 %-KI=1,322–4,733; P=0,008) und MPV (OR=3,077; 95 %-KI=1,094–8,658; P=0,033) als unabhängige Prädiktoren signifikant.

Pathophysiologische Mechanismen

  1. Neutrophilenvermittelte Entzündung: Erhöhte Neutrophile fördern durch Freisetzung von NETs (neutrophile extrazelluläre Fallen) Endotheldysfunktion, Mikrothrombosen und Plaque-Destabilisierung.
  2. Thrombozytenaktivierung: Ein erhöhter MPV reflektiert hyperaktive Thrombozyten, die die koronare Perfusion durch aggregationsbedingte Durchblutungsstörungen verschlechtern.

Der durch COVID-19 verstärkte Zytokinsturm (IL-6, TNF-α) und die begleitende Lymphopenie begünstigen ischämische Ereignisse bei vorbestehender KHK.

Klinische Relevanz

Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung des Monitorings von Neutrophilenzahl und MPV bei COVID-19-Patienten mit stabiler AP. Frühzeitige antiinflammatorische oder antithrombozytäre Therapien könnten das Angina-Risiko reduzieren. Zudem sind integrierte Versorgungsmodelle erforderlich, um virale und kardiovaskuläre Pathologien simultan zu adressieren.

Fazit

Neutrophilenzahl und MPV sind unabhängige hämatologische Risikofaktoren für Angina-pectoris-Episoden bei COVID-19-Patienten mit stabiler AP. Die Interaktion von viraler Entzündung und Thrombozytenhyperaktivität erklärt die erhöhte kardiovaskuläre Vulnerabilität. Diese Erkenntnisse betonen die Notwendigkeit individueller Therapieansätze für Hochrisikopopulationen.

doi:10.1097/CM9.0000000000002334

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