Altersbedingter Hörverlust in Verbindung mit psychomotorischer Geschwindigkeit und kognitiver Funktion bei älteren Erwachsenen: eine Querschnitts-Kohortenstudie
Einleitung
Altersbedingter Hörverlust (ARHL) gilt zunehmend als wichtiger Faktor für kognitive Beeinträchtigungen in alternden Bevölkerungen. Bei einer Prävalenz der leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) von 3–19 % bei Erwachsenen über 65 Jahren ist die Identifizierung modifizierbarer Risikofaktoren wie ARHL entscheidend. Während frühere Studien den Einfluss von ARHL auf Gedächtnis, exekutive Funktionen und Sprache untersuchten, fokussiert diese Arbeit erstmals auf die Assoziation mit Aufmerksamkeitswechsel und psychomotorischer Geschwindigkeit – Domänen, die für die Lebensqualität älterer Erwachsener zentral sind.
Studiendesign und Teilnehmermerkmale
In dieser Querschnitts-Kohortenstudie wurden Teilnehmer >55 Jahre von Juni bis September 2020 in der HNO-Ambulanz des West China Hospital der Sichuan-Universität rekrutiert. Ausschlusskriterien umfassten konduktive/schwerwiegende Sehdefizite oder Erkrankungen mit kognitivem Abbau. Die ethische Genehmigung (Nr. 20200285) und Einverständniserklärungen lagen vor.
Die Hörfähigkeit wurde mittels bilateraler Otoskopie, Tympanometrie, Tonschwellenaudiometrie (PTA) und Sprachaudiometrie bewertet. Die Hörschwellen (BEPTA) wurden kategorisiert: normal (≤25 dB HL), leicht (26–40 dB HL), moderat (41–60 dB HL), schwer (≥61 dB HL). Die Spracherkennungsrate (BEWRS) wurde prozentual erfasst.
Die kognitive Funktion wurde mit dem Mini-Mental State Examination (MMSE) und dem Digit Symbol Substitution Test (DSST) evaluiert. Der MMSE prüfte Orientierung, Registrierung, Aufmerksamkeit/Rechnen, Erinnern und Sprache; die MCI-Kriterien waren bildungsadjustiert. Der DSST maß die psychomotorische Geschwindigkeit durch Symbol-Zahlen-Zuordnungen innerhalb von 90 Sekunden.
Hauptergebnisse
Demografie und Hörprofile
Von 198 Teilnehmern wurden 144 als „non-MCI“ und 54 als „MCI“ klassifiziert. Die Gruppe mit schwerem Hörverlust wies längere Hörverlustdauer auf (Mittelwert: 15,6 vs. 4,0–8,2 Jahre). Die mittleren MMSE- und DSST-Werte betrugen 23,75 (SD: 3,97) bzw. 22,94 (SD: 8,93). Signifikante Unterschiede zeigten sich zwischen den Hörkategorien bei Alter, Hörverlustdauer, BEPTA, BEWRS, MMSE-Gesamtwert sowie Orientierungs- und Sprach-Subscores (alle p <0,05).
Kognitive Leistung nach Hörstatus
MCI-Teilnehmer hatten höhere BEPTA-Werte (39,7 vs. 33,6 dB HL; p = 0,033) und niedrigere BEWRS (85 % vs. 92 %; p = 0,037). MMSE- und DSST-Werte korrelierten negativ mit PTA-Schwellen (r² = 0,04; p <0,01), was auf schlechteres Hören als Prädiktor für kognitiven Abbau hindeutet.
In der logistischen Regression waren höheres Alter (OR = 0,94; 95 %-KI: 0,89–1,00; p = 0,042) und niedrigere DSST-Werte (OR = 0,89; 95 %-KI: 0,85–0,93; p <0,001) unabhängige MCI-Risikofaktoren. Geschlecht, Bildung und Hörverlustdauer zeigten keinen unabhängigen Einfluss.
Domänenspezifische kognitive Defizite
Die MMSE-Subscores offenbarten bei MCI signifikante Defizite:
- Orientierung: 6,35 vs. 7,98 (p <0,001)
- Aufmerksamkeit/Rechnen: 1,83 vs. 4,10 (p <0,001)
- Erinnern: 0,65 vs. 1,97 (p <0,001)
- Sprache: 7,54 vs. 8,54 (p <0,001)
Der Registrierungs-Subscore (Wiederholen von drei Wörtern) unterschied sich nicht, was auf intakte auditive Verarbeitung, aber beeinträchtigte Langzeitspeicherung hindeutet.
Psychomotorische Geschwindigkeit und Prädiktoren
Lineare Regressionen identifizierten Alter (β = −0,41; p <0,001), weibliches Geschlecht (β = −2,36; p = 0,029) und Bildung (β = 0,85; p <0,001) als DSST-Prädiktoren. MMSE-Subscores für Orientierung (β = 1,02; p <0,001) und Aufmerksamkeit (β = 0,30; p = 0,038) korrelierten mit psychomotorischer Geschwindigkeit.
Diskussion
Diese Studie unterstreicht die multifaktorielle Auswirkung von ARHL auf die Kognition. Die Assoziation zwischen hohen PTA-Schwellen und reduzierter MMSE-/DSST-Leistung stützt die kognitive Belastungshypothese: Kompensatorische Ressourcen für die auditive Verarbeitung mindern die Kapazität für Gedächtnis und exekutive Funktionen. Intakte Registrierung bei defizitärem Erinnern bestätigt die Informationsdegradationshypothese, wonach sensorische Defizite die Langzeitspeicherung beeinträchtigen.
Der DSST erwies sich als robustes Instrument zur Früherkennung kognitiven Abbaus bei ARHL, da er nicht von verbaler Kommunikation abhängt. Klinisch relevant ist die Integration des DSST in Routinescreenings für hörgeschädigte Senioren.
Stärken und Limitationen
Stärken sind standardisierte Audiometrie und duale kognitive Testung. Die Krankenhaus-basierte Stichprobe limitiert die Generalisierbarkeit; Querschnittsdesigns erlauben keine Kausalitätsbelege. Längsschnittstudien zu Hörgeräteinterventionen sind notwendig.
Schlussfolgerung
ARHL verstärkt kognitiven Abbau, besonders in Orientierung, Aufmerksamkeit, Erinnern und Sprache. Der DSST ergänzt den MMSE als sensitiver Indikator für psychomotorische Defizite. Kliniker sollten Hörrehabilitation priorisieren und den DSST in Screenings integrieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002224