Einflussfaktoren auf die Supplementierung von Folsäure, Multivitaminen und Kalzium bei schwangeren Frauen in China: Eine nationale Querschnittsstudie
Einleitung
Mikronährstoffmangel während der Schwangerschaft stellt ein globales Gesundheitsproblem dar, insbesondere in ressourcenbeschränkten Regionen. In China bleibt die unzureichende Aufnahme von Folat, Vitaminen und Kalzium bei Schwangeren weitverbreitet, obwohl nationale und internationale Leitlinien eine Supplementierung empfehlen. Kalziummangel ist hierbei besonders prävalent und wird in Studien als häufigster Nährstoffdefizit beschrieben. Die WHO und die Chinesische Medizinische Gesellschaft empfehlen eine tägliche Folsäuresupplementierung (0,4 mg) präkonzeptionell und im ersten Trimester, Multivitaminpräparate bei unzureichender Ernährung sowie Kalziumsupplementierung (1,5–2,0 g/Tag) ab der 20. Schwangerschaftswoche. Dennoch gibt es begrenzte Evidenz zur Einhaltung dieser Empfehlungen oder zu sozioökonomischen, demografischen und klinischen Einflussfaktoren in China. Diese Studie zielte darauf ab, diese Lücke durch die Analyse einer großangelegten nationalen Erhebung zu schließen.
Studiendesign und Methodik
Eine nationale multizentrische Querschnittsstudie wurde zwischen September und November 2016 in 24 Krankenhäusern über 16 Provinzen durchgeführt. Die Krankenhäuser wurden mittels mehrstufiger geschichteter proportionaler Stichprobenziehung aus sechs geografischen Regionen (Norden, Nordosten, Osten, Süden, Südwesten, Nordwesten) ausgewählt, die etwa 750 Millionen Einwohner repräsentieren. Es wurden Daten von 12.403 Schwangeren aus Krankenakten, elektronischen Gesundheitsdaten und strukturierten Interviews erhoben.
Schlüsselvariablen und Endpunkte
Die primären Endpunkte umfassten das Supplementierungsverhalten bezüglich Folsäure, Multivitaminen und Kalzium (Beginn, Dauer, Dosierung). Folsäuresupplementierung wurde als tägliche Einnahme von 0,4 mg definiert. Multivitaminpräparate beinhalteten Produkte wie „Multivitamin A“ (Folsäure, Vitamine A, B1, B2, B6, B12, C, D3, E, Biotin, Kalzium, Magnesium, Spurenelemente) und „Multivitamin B“ (Vitamine A, D, E, B-Komplex, β-Carotin). Kalziumpräparate enthielten 1,5–2,0 g elementares Kalzium täglich.
Einflussfaktoren waren u. a. geografische Region, Alter, Ethnizität, Bildung, Wohnstatus, Haushaltstyp, Einkommen, Rauchen/Alkoholkonsum, geburtshilfliche Anamnese (Parität, spontane Aborte, assistierte Reproduktionstechnologie [ART]), präkonzeptioneller BMI, Schwangerschaftsübelkeit (NVP), Trimester, Mehrlingsschwangerschaften und Komplikationen.
Statistische Analyse
Univariable Analysen untersuchten Assoziationen zwischen Supplementierung und Einzelfaktoren. Generalisierte lineare gemischte Modelle (GLMMs) wurden verwendet, um Krankenhaus-Clustering und Störvariablen zu adjustieren. Drei Modelle (Folsäure, Multivitamine, Kalzium) berechneten adjustierte Odds Ratios (aOR) mit 95%-Konfidenzintervallen (KI). Die Analysen erfolgten in R (Version 3.6.1) bei einer Signifikanzschwelle von p < 0,05.
Ergebnisse
Teilnehmercharakteristika
Die Kohorte (Durchschnittsalter 30,0 Jahre, SD 4,2) bestand zu 90 % aus Han-Chinesinnen. Die Mehrheit hatte eine höhere Bildung (80 % ≥10 Schuljahre), lebte urban (88,8 %) und rauchte nicht (99,6 %). Über 90 % befanden sich im zweiten/ dritten Trimester, was auf eine Selektion durch späte Schwangerschaftsvorsorge hindeutet. Spontanaborte in der Anamnese traten bei 27,5 % auf; 2,6 % nutzten ART. Schwangerschaftskomplikationen (z. B. Hypertonie, Diabetes) betrafen 27,5 %.
Prävalenz der Supplementierung
- Folsäure: 83,25 % (n = 10.326) nahmen Supplemente, 80 % starteten präkonzeptionell oder im ersten Trimester.
- Multivitamine: 65,22 % (n = 8.098); 35,5 % begannen 1–3 Monate präkonzeptionell, 19,2 % über >6 Monate.
- Kalzium: 64,83 % (n = 8.041) supplementierten, meist ab der 16.–28. Woche. Die Dauer betrug 1–3 Monate (22,0 %) oder 3–6 Monate (24,2 %).
Einflussfaktoren
Folsäure (Modell 1)
Eine höhere Einnahmewahrscheinlichkeit korrelierte mit moderater/starker NVP (aOR: 1,35 [1,20–1,53]; 1,48 [1,25–1,73]). Geringere Adhärenz zeigte sich bei:
- Bildung ≤12 vs. >17 Jahre (aOR 0,79 [10–12 Jahre]; 0,52 [≤9 Jahre]).
- Einkommen ≥200.000 CNY vs. <80.000 CNY (aOR 0,79).
- Multiparität (aOR 0,74), Spontanabort-Anamnese (aOR 0,81) und ART-Nutzung (aOR 0,57).
Multivitamine (Modell 2)
Positive Prädiktoren waren urbaner Wohnsitz (aOR 1,16–1,76 je nach Einkommen), ART (aOR 2,69), zweites/drittes Trimester (aOR 2,26–3,07) und NVP (aOR 1,15–1,18). Negative Assoziationen fanden sich bei niedriger Bildung (aOR 0,31–0,75 für ≤16 vs. >17 Jahre) und Multiparität (aOR 0,73).
Kalzium (Modell 3)
Eine höhere Supplementierung war mit urbanem Wohnsitz (aOR 1,14), Einkommen >120.000 CNY (aOR 1,23–1,32), ART (aOR 1,33), zweitem/drittem Trimester (aOR 8,81–30,72) und NVP (aOR 1,20) verbunden. Multiparität reduzierte die Einnahme (aOR 0,85). Regionale Unterschiede waren ausgeprägt: Der Südwesten zeigte höhere Kalziumsupplementierung (geringe Sonnenexposition, niedrige Ernährungswerte), während nördliche Regionen mit ausreichender Sonneneinstrahlung geringere Raten aufwiesen.
Diskussion
Die Studie verdeutlicht eine suboptimale Leitlinienadhärenz, insbesondere für Kalzium, und identifiziert sozioökonomische und klinische Einflussfaktoren.
Schlüsselfaktoren
- Sozioökonomischer Status: Höhere Bildung und Einkommen prädizierten Multivitamin- und Kalziumeinnahme (höhere Gesundheitskompetenz, finanzielle Mittel). Geringverdienerinnen hielten sich häufiger an Folsäureempfehlungen (staatliche Programme).
- Geburtshilfliche Anamnese: Frauen mit Spontanaborten oder ART-Nutzung zeigten proaktives Supplementierungsverhalten (erhöhtes Risikobewusstsein). Multiparität korrelierte mit geringerer Einnahme (Sorglosigkeit, finanzielle Belastung).
- Regionale Unterschiede: Umwelt- und Ernährungsfaktoren erfordern gezielte Interventionen.
- Klinische Faktoren: Stärkere NVP erhöhte die Adhärenz (höhere Aufmerksamkeit, ärztliche Empfehlungen).
Empfehlungen für die Praxis
- Zielgerichtete Aufklärung: Geringgebildete, multipare und einkommensschwache Frauen benötigen gezielte Beratung.
- Kalziumkampagnen: Priorisierung in Regionen mit niedriger Nahrungskalziumaufnahme (z. B. Südwestchina).
- Integration in die Schwangerschaftsvorsorge: Regelmäßige Mikronährstoffkontrolle, insbesondere bei Risikogruppen (ART, Abortanamnese).
Limitationen
Krankenhausbasierte Stichprobe (unterrepräsentierte ländliche Gebiete), Überrepräsentation später Trimester, selbstberichtete Daten (Recall-Bias), fehlende Biomarker.
Fazit
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse zum Supplementierungsverhalten chinesischer Schwangerer. Die Reduktion von Disparitäten durch Bildung, regionale Gesundheitsinitiativen und klinische Einbindung könnte die Leitlinienadhärenz verbessern. Zukünftige Forschung sollte Langzeiteffekte auf Geburtsoutcomes untersuchen und regionsspezifische Empfehlungen optimieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002202