Negative Assoziation zwischen Time-in-Range und UAER bei T2DM

Negative Assoziation zwischen Time-in-Range und der Urinären Albuminausscheidungsrate bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus: Eine retrospektive Studie an stationären Patienten

Einleitung

Typ-2-Diabetes mellitus (T2DM) stellt ein zunehmendes globales Gesundheitsproblem dar, wobei Komplikationen wie die diabetische Nephropathie erheblich zu Morbidität und Mortalität beitragen. Die diabetische Nephropathie, gekennzeichnet durch eine erhöhte urinäre Albuminausscheidungsrate (UAER), ist eine Hauptursache für terminales Nierenversagen. Während glykosyliertes Hämoglobin A1c (HbA1c) der Goldstandard zur Beurteilung der glykämischen Kontrolle bleibt, erfasst es weder glykämische Variabilität, hypoglykämische Episoden noch tägliche Glukosemuster. Time-in-Range (TIR), definiert als der prozentuale Anteil der Zeit innerhalb eines Zielglukosebereichs (3,90–10,00 mmol/L), hat sich als ergänzende Metrik zur Bewertung des Glukosemanagements etabliert. Diese Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen TIR und dem Schweregrad der UAER bei hospitalisierten T2DM-Patienten.

Methoden

Studiendesign und Teilnehmer
Retrospektiv wurden 1.014 stationäre T2DM-Patienten der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Peking University International Hospital (2018–2019) analysiert. Einschlusskriterien: Alter ≥18 Jahre, T2DM-Diagnose nach WHO-Kriterien und stabile glukosesenkende Therapie ≥3 Monate. Ausschlusskriterien umfassten diabetische Ketoazidose, hyperosmolares Hyperglykämie-Syndrom, schwere Hypoglykämien in der Anamnese, Malignome oder schwere Organdysfunktion.

Datenerhebung
Die Blutglukose wurde sechsmal täglich (prä- und postprandial, nüchtern, nachts) über drei aufeinanderfolgende Tage gemessen. TIR wurde als Prozentsatz der Messwerte innerhalb von 3,90–10,00 mmol/L berechnet. Glykämische Variabilitätsparameter wie Variationskoeffizient (CV) und mittlere Amplitude der glykämischen Exkursionen (MAGE) wurden ebenfalls erfasst.

Die UAER wurde mittels 24-Stunden-Urinproben über drei Tage bestimmt. Die Albuminquantifizierung erfolgte via Immunoturbidimetrie. Der Schweregrad wurde kategorisiert als:

  • Normal: <30 mg/g Kreatinin,
  • Mikroalbuminurie: 30–300 mg/g Kreatinin,
  • Makroalbuminurie: >300 mg/g Kreatinin.

Basisklinikparameter (Alter, Geschlecht, BMI, Blutdruck, HbA1c, Lipidprofil, Kreatinin) wurden elektronischen Patientenakten entnommen.

Statistische Analyse
Kontinuierliche Variablen wurden mittels ANOVA oder Jonckheere-Terpstra-Test analysiert. Der Zusammenhang zwischen TIR und UAER-Schweregrad wurde mittels multinomialer logistischer Regression unter Adjustierung für Störfaktoren (Alter, Geschlecht, BMI, Diabetesdauer, systolischer Blutdruck, HbA1c, Triglyzeride, Kreatinin) untersucht. Patienten wurden in TIR-Quartile eingeteilt: Q1 (<55%), Q2 (55–72%), Q3 (73–83%), Q4 (>83%).

Ergebnisse

Baseline-Charakteristika
Die Kohorte (mittleres Alter: 55,6 Jahre, Diabetesdauer: 8,9 Jahre, BMI: 26,0 kg/m², HbA1c: 8,4%) zeigte bei Patienten mit Makroalbuminurie signifikant höhere Werte für Alter (61,3 vs. 54,4 Jahre), Diabetesdauer (15,2 vs. 7,9 Jahre), systolischen Blutdruck (141,5 vs. 130,5 mmHg) und Kreatinin (94,4 vs. 67,1 mmol/L) im Vergleich zu normaler UAER (alle P < 0,001).

TIR und UAER-Schweregrad
Die mittlere TIR betrug 70% ± 20%. TIR nahm mit zunehmender UAER ab:

  • Normal: 70% ± 20%,
  • Mikroalbuminurie: 50% ± 20%,
  • Makroalbuminurie: 30% ± 20% (alle P < 0,001).

Die Stratifizierung nach TIR-Quartilen ergab:

  • Mikroalbuminurie-Prävalenz: 41,1% (Q1), 21,6% (Q2), 7,1% (Q3), 5,5% (Q4),
  • Makroalbuminurie-Prävalenz: 24,2% (Q1), 1,1% (Q2), 1,4% (Q3), 0% (Q4) (alle P < 0,001).

Multivariate Analyse
Nach Adjustierung war jeder 10%ige TIR-Anstieg mit reduzierter Odds für Mikroalbuminurie (OR: 0,58; 95%-KI: 0,52–0,65) und Makroalbuminurie (OR: 0,26; 95%-KI: 0,18–0,38) assoziiert. Diese Assoziationen blieben auch unter Berücksichtigung glykämischer Variabilitätsparameter (CV, MAGE) bestehen.

Diskussion

Die Studie zeigt eine inverse Beziehung zwischen TIR und UAER-Schweregrad bei T2DM-Patienten. Niedrigere TIR-Werte korrelierten unabhängig von HbA1c, Blutdruck oder Diabetesdauer mit erhöhtem Risiko für Albuminurie.

Klinische Implikationen
TIR liefert detaillierte Einblicke in glykämische Muster, die HbA1c nicht erfasst. Beispielsweise können zwei Patienten mit identischem HbA1c aufgrund von Glukosefluktuationen unterschiedliche TIR aufweisen. Die Ergebnisse decken sich mit früheren Studien, die TIR mit mikrovaskulären Komplikationen verknüpfen. So zeigte der Diabetes Control and Complications Trial (DCCT), dass jede 10%ige TIR-Reduktion das Risiko für Retinopathieprogression (64%) und Mikroalbuminurie (40%) erhöhte. Ähnlich prädizierte bei Lu et al. (2018) die mittels kontinuierlichem Glukosemonitoring (CGM) gemessene TIR die diabetische Retinopathie bei T2DM.

Pathophysiologische Mechanismen
Chronische Hyperglykämie und glykämische Variabilität induzieren oxidativen Stress und endotheliale Dysfunktion, die zur Nierenschädigung beitragen. Die inverse Assoziation von TIR mit UAER legt nahe, dass eine anhaltende Glukosekontrolle im Zielbereich diese Prozesse abschwächt. Bemerkenswert ist das nahezu vollständige Fehlen von Makroalbuminurie im höchsten TIR-Quartil (Q4: >83%), was auf potenzielle renoprotektive Effekte einer TIR-Optimierung hindeutet.

Limitationen
Retrospektives Design, Einzelzentrum-Kohorte und kurzer Beobachtungszeitraum schränken die Generalisierbarkeit ein. Tagbetonte Glukosemessungen unterschätzen möglicherweise nächtliche Schwankungen. Zudem ist die Fingerstich-Methode im Vergleich zu CGM weniger umfassend.

Schlussfolgerung

TIR ist eine klinisch relevante Metrik, die eng mit dem UAER-Schweregrad bei T2DM assoziiert ist. Die Optimierung von TIR könnte das Risiko früher diabetischer Nierenschäden reduzieren und stellt somit eine sinnvolle Ergänzung zu HbA1c dar. Prospektive Studien mit CGM-basierter TIR-Messung sind erforderlich, um diese Ergebnisse in diversen Populationen zu validieren.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000001914

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