Einseitige Nackenschmerzen und Kopfschmerzen, Heiserkeit, Schluckbeschwerden und Synkopen: Ein Fallbericht zur idiopathischen Karotidynie mit ungewöhnlichen klinischen Manifestationen
Die idiopathische Karotidynie ist eine Erkrankung, die durch einseitige Nackenschmerzen und Druckschmerz über der Karotisarterie gekennzeichnet ist. Neuere Fortschritte in der Radiologie und Sonographie legen nahe, dass es sich um ein eigenständiges Krankheitsbild mit spezifischen bildgebenden Merkmalen wie kontrastmittelverstärkten Signalen um die Karotisarterie oder einer Verdickung der Karotiswand handeln könnte. Patienten sprechen typischerweise gut auf nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) oder Steroide an. Dieser Fallbericht beschreibt eine seltene klinische Präsentation der idiopathischen Karotidynie mit Heiserkeit, Schluckstörungen und Synkopen zusätzlich zu den klassischen Symptomen.
Fallpräsentation
Eine 71-jährige Patientin wurde mit einer 10-tägigen Anamnese von Schmerzen im linken Nacken und temporalen Bereich stationär aufgenommen. Sie berichtete zudem über Heiserkeit, Schluckbeschwerden und vorübergehende Bewusstseinsverluste. Anfangs traten dumpfe Kopfschmerzen auf, die sich zu stechenden Schmerzen im linken temporalen Kopf- und oberen Nackenbereich entwickelten. Die Schmerzen verstärkten sich progressiv. Beim Schlucken kam es zu schmerzverstärktem Husten und Würgereiz. In den letzten zwei Taten ereigneten sich zwei Synkopen (je 2–3 Minuten) ohne Myoklonien. Die Anamnese war unauffällig.
Klinische Untersuchung
Die Patientin zeigte einen reduzierten Allgemeinzustand mit heiserer Stimme. Palpatorisch bestand ein Druckschmerz entlang der linken Arteria carotis. Die Berührung der linken Larynxwand löste Schmerzen aus, der Würgreflex war intakt. Die Karotissinus-Massage induzierte keine Synkope. Übrige Befunde waren unauffällig.
Bildgebung
In der zervikalen MRT zeigten sich hyperintense T2-gewichtete Signale im Weichteilgewebe und eine Kontrastmittelanreicherung zwischen der linken Karotisarterie und Vena jugularis interna innerhalb der Karotisscheide. Die Signale erstreckten sich von proximal bis distal entlang der Arteria carotis communis, mit maximaler Ausprägung im proximalen Abschnitt (circa 50% der Zirkumferenz). Die CTA von Kopf und Hals wies keine Aneurysmen, Dissektionen oder Stenosen auf, lediglich eine kleine verkalkte Plaque im Ursprung der linken Arteria carotis interna. Die Bariumschluckuntersuchung ergab eine asymmetrische Recessus piriformis und eine leichte Dysfunktion der Epiglottisbewegung. Zervikale und kraniale MRT zeigten alte Lakuneninfarkte, chronische Sinusitis und degenerative Halswirbelsäulenveränderungen. Der Duplex-Ultraschall bestätigte eine hyperechogene Plaque (8,2 mm × 2,4 mm) ohne hämodynamische Relevanz.
Laborbefunde
Laborchemisch waren hs-CRP, BSG, Rheumafaktor, Komplement C3/C4 sowie Autoantikörper (ANA, ANCA), Syphilis-, Borreliose- und Hepatitis-Serologie unauffällig. Blutbild, Leber-, Nieren- und Schilddrüsenfunktion lagen im Normbereich.
Diagnose und Therapie
Die Diagnose einer idiopathischen Karotidynie wurde aufgrund der klinischen und bildgebenden Befunde nach Ausschluss anderer Ursachen gestellt. Unter intravenöser Steroidtherapie (Dexamethason 10 mg täglich) bildeten sich die Schmerzen innerhalb von drei Tagen zurück. Die bulbärpareseähnlichen Symptome und Synkopen remittierten vollständig. Bei Entlassung nach 11 Tagen bestand Beschwerdefreiheit. Die Kontroll-MRT nach einem Monat zeigte eine partielle Rückbildung der entzündlichen Veränderungen.
Diskussion
Die Symptomatik mit ipsilateralen Nacken-Kopf-Schmerzen, Karotisdruckschmerz, entzündlicher Karotisscheiden-Beteiligung in der Bildgebung und gutem Steroidansprechen erfüllt die diagnostischen Kriterien der idiopathischen Karotidynie nach IHS (1988) und Tardy et al.
Ungewöhnliche Manifestationen
Die Heiserkeit, Schluckstörungen und Synkopen lassen auf eine Mitbeteiligung des Nervus vagus und glossopharyngeus infolge der Entzündung in der Karotisscheide schließen. Die Synkopen könnten durch eine Überstimulation des Karotissinus-Barorezeptors bedingt sein. Bisher wurde nur ein Fall mit Synkopen (Sato et al.), jedoch ohne weitere Hirnnerven-Symptome, beschrieben.
Ausgedehnte entzündliche Veränderungen
Auffällig war die ausgedehnte entzündliche Affektion entlang der gesamten Karotisscheide, während in der Literatur meist nur der Karotisbifurkationsbereich betroffen ist. Dies deutet auf ein breiteres pathologisches Spektrum der Erkrankung hin.
Zusammenfassung
Dieser Fall unterstreicht das Potenzial für komplexe klinische Manifestationen der idiopathischen Karotidynie. Begleitsymptome wie Heiserkeit, Schluckstörungen und Synkopen können durch eine entzündliche Mitbeteiligung des Vagus und Glossopharyngeus entstehen. Die ausgedehnte entzündliche Schädigung entlang der Karotisscheide weist auf eine mögliche systemischere Pathologie hin als bisher angenommen.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000466