Übersetzung und Validierung der tibetischen Version der Confusion Assessment Method for the Intensive Care Unit
Delir ist ein bedeutendes klinisches Syndrom, das durch akute Verwirrtheit, Aufmerksamkeitsstörungen, desorganisiertes Denken und veränderte Bewusstseinslagen gekennzeichnet ist. Es ist eine häufige Komplikation bei Patienten auf Intensivstationen (ICU), mit Inzidenzraten zwischen 16 % und 87 %, die bei älteren und mechanisch beatmeten Patienten sogar höher liegen. Delir verlängert nicht nur den ICU- und Krankenhausaufenthalt, sondern erhöht auch die Behandlungskosten sowie das Risiko langfristiger kognitiver Einschränkungen. Zudem weisen Patienten mit Delir eine höhere Mortalität auf als solche ohne. Angesichts dieser gravierenden Folgen empfehlen die Leitlinien der Society of Critical Care Medicine (SCCM) ein routinemäßiges Delir-Screening bei ICU-Patienten.
Unter den verfügbaren Assessment-Tools hat sich die Confusion Assessment Method for the Intensive Care Unit (CAM-ICU) als eines der am weitesten verbreiteten Instrumente etabliert. Die CAM-ICU, entwickelt von Ely et al., ist ein einfaches, reliables und valides Tool zur Erfassung von Delir bei ICU-Patienten, insbesondere bei Personen mit Sprachbarrieren aufgrund von Intubation oder Tracheotomie. Das Tool zeichnet sich durch eine hohe Spezifität (98 %–100 %) und Sensitivität (93 %–100 %) aus und kann nach kurzer Schulung von nicht-psychiatrischem Personal in wenigen Minuten durchgeführt werden. Bislang wurde die CAM-ICU in über 40 Sprachen übersetzt, eine tibetische Version fehlte jedoch, was ihre Anwendung in Tibet – wo rund 3,31 Millionen Menschen Tibetisch sprechen – einschränkte. Diese Studie zielte darauf ab, die CAM-ICU für den klinischen Einsatz in tibetischen ICUs zu übersetzen und zu validieren.
Die Studie wurde zwischen Juli 2018 und November 2018 am Tibet Autonomous Region People’s Hospital durchgeführt, einem universitätsaffilierten Krankenhaus mit 800 Betten und 18 ICU-Betten für Erwachsene. Eingeschlossen wurden erwachsene ICU-Patienten mit einem Aufenthalt von über 24 Stunden und tibetischer Sprachkompetenz. Ausgeschlossen wurden Patienten mit vorbestehender Psychose oder neurologischer Erkrankung, komatöse oder moribunde Patienten, solche mit vordiagnostiziertem Delir und Antipsychotika-Verordnung, Patienten mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen sowie Personen, die keine Einwilligung erteilten.
Die Übersetzung der CAM-ICU ins Tibetische erfolgte durch muttersprachliche Tibetischsprecher mit Englischkenntnissen gemäß den Richtlinien der Translation and Cultural Adaptation Group. Nach unabhängigen Übersetzungen durch die Autoren wurde eine konsentierte tibetische Version erstellt, die von einem professionellen Übersetzer rückübersetzt und vom Originalautor E. Wesley Ely genehmigt wurde. Die tibetische CAM-ICU wurde auf einer internationalen Website für Mediziner veröffentlicht.
Zur Validierung führten zwei Studienpflegekräfte unabhängig voneinander Delir-Assessments mit der tibetischen CAM-ICU durch. Ein Neurologe mit über 10 Jahren Erfahrung bewertete parallel anhand der DSM-IV-Kriterien als Referenzstandard. Alle Assessments erfolgten zwischen 10:00 und 13:00 Uhr, um tageszeitbedingte Verzerrungen zu minimieren.
Von 268 aufgenommenen ICU-Patienten erfüllten 96 die Einschlusskriterien. Laut DSM-IV entwickelten 42 von 96 Patienten (43,8 %) ein Delir. Die Sensitivitäten der tibetischen CAM-ICU betrugen 90,5 % (Pflegekraft 1) und 92,9 % (Pflegekraft 2), die Spezifitäten 85,2 % bzw. 90,7 %. Die positiven prädiktiven Werte (PPV) lagen bei 82,6 % und 88,6 %, die negativen prädiktiven Werte (NPV) bei 92,0 % und 94,2 %. Die Interrater-Reliabilität zwischen den Pflegekräften war mit einem Kappa-Koeffizienten von 0,91 ausgezeichnet.
Die Ergebnisse belegen, dass die tibetische CAM-ICU eine hohe Sensitivität und Spezifität gegenüber DSM-IV-Referenzbewertungen aufweist, was sie zu einem validen und reliablem Tool für die Delir-Erfassung in tibetischen ICUs macht. Limitationen umfassen den hohen Ausschlussanteil aufgrund neurologischer Vorerkrankungen, fehlende detaillierte klinische Daten zu ausgeschlossenen Patienten sowie die Verwendung von DSM-IV statt DSM-V als Referenz. Zukünftige Studien sollten den Einfluss unterschiedlicher Diagnosekriterien untersuchen.
Die tibetische CAM-ICU stellt einen Meilenstein für die medizinische Versorgung in Tibet dar. Durch die Kooperation des nationalen medizinischen Hilfsteams mit Experten des Peking Union Medical College Hospital (PUMCH) konnte die CAM-ICU erstmals ins Tibetische übertragen werden. Dies unterstreicht die Bedeutung kulturadaptierter Tools und fördert die Entwicklung der Intensivmedizin in der Autonomen Region Tibet.
Zusammenfassend ist die tibetische CAM-ICU ein valides, reliables und praktikables Instrument für das Delir-Screening bei tibetischsprachigen ICU-Patienten. Ihre Verfügbarkeit ermöglicht eine breitere Implementierung von Delir-Assessments und könnte die Patientenversorgung in Tibet signifikant verbessern.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000168