Neonatale Sepsis: In und außerhalb Chinas
Die neonatale Sepsis bleibt weltweit eine bedeutende Ursache für Morbidität und Mortalität bei Neugeborenen, wobei sich die epidemiologischen und klinischen Merkmale in verschiedenen Regionen unterscheiden. Dieser Artikel bietet eine umfassende Übersicht zur neonatalen Sepsis mit Fokus auf Epidemiologie, Erregerprofile, diagnostische Ansätze und Behandlungsstrategien, insbesondere im Kontext Chinas im Vergleich zu anderen industrialisierten und nicht-industrialisierten Ländern.
Einführung
Die neonatale Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Zustand, der ohne rechtzeitige Diagnose und Behandlung zu schweren Komplikationen und Tod führen kann. Die globale Inzidenz wird auf 2202 Fälle pro 100.000 Lebendgeburten geschätzt, mit Mortalitätsraten zwischen 11 % und 19 %. In China liegt die Inzidenz bei 25,6 pro 1000 Lebendgeburten, wobei die Mortalität zwischen 1996 und 2015 von 0,4 auf 0,1 pro 1000 Lebendgeburten sank. Trotz dieser Verbesserung bestehen erhebliche regionale Unterschiede in der Mortalität.
Die neonatale Sepsis wird nach dem Infektionszeitpunkt in früh einsetzende Sepsis (EOS, innerhalb der ersten 3–6 Lebenstage) und spät einsetzende Sepsis (LOS, nach 4–7 Tagen bis zu drei Monaten) unterteilt. Erreger können pränatal, während der Geburt durch die mütterliche Mikrobiota oder postnatal durch Krankenhaus- oder Gemeinschaftsumgebungen übertragen werden.
Früh einsetzende neonatale Sepsis (EOS)
Inzidenzen und Erregerprofile
In industrialisierten Ländern wie den USA liegt die EOS-Inzidenz seit zwei Jahrzehnten stabil bei 0,8 Fällen pro 1000 Lebendgeburten. Gruppe-B-Streptokokken (GBS) und Escherichia coli dominieren mit 36 % bzw. 25 % der Fälle. Allerdings nahmen GBS-bedingte EOS-Fälle ab, während E. coli-Fälle zunahmen.
In anderen Industrieländern (z.B. UK, Niederlande) stagnieren oder steigen GBS-Inzidenzen leicht, möglicherweise bedingt durch Populationsstrukturen, neue GBS-Klone und geänderte Diagnosekriterien.
In nicht-industrialisierten Ländern sind GBS-bedingte EOS-Inzidenzen aufgrund unzureichender Surveillance unklar. Asiatische Studien zeigen jedoch einen Rückgang der EOS-Inzidenz und Letalität zwischen 2005 und 2009.
In China betrug die EOS-Inzidenz bei Frühgeborenen <34 Schwangerschaftswochen 9,7/1000 Lebendgeburten. Dominante Erreger waren gramnegative Bakterien (GNB; 20,3 % E. coli) und koagulasenegative Staphylokokken (CoNS; 16,5 %). GBS war selten (2,5 %), die Letalität lag bei 19 %.
Intrapartale Antibiotikaprophylaxe (IAP)
In den USA empfiehlt das American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) universelles GBS-Screening in der 36.–38. SSW und IAP bei kolonisierten Müttern, was GBS-EOS signifikant reduziert.
In Europa wird häufig risikobasiert ohne universelles Screening vorgegangen. Trotzdem stiegen GBS-EOS-Inzidenzen in einigen Ländern leicht an.
In China existieren keine einheitlichen Leitlinien zum GBS-Screening. Die mütterliche Kolonisationsrate liegt bei 5,7–14,5 %, die Inzidenz invasiver GBS-Infektionen bei Säuglingen <3 Monate bei 0,31/1000 Lebendgeburten. Nur 13,2 % der Mütter von GBS-Fällen wurden pränatal gescreent.
Spät einsetzende neonatale Sepsis (LOS)
Postpartale GBS-Übertragung
Etwa ein Drittel der neonatalen GBS-Sepsisfälle sind LOS mit höherer Letalität (7,7 % vs. 5,2 % bei EOS). Postpartale mütterliche Übertragung spielt eine wichtige Rolle: Neugeborene GBS-kolonisierter Mütter mit IAP sind bei Entlassung seltener kolonisiert, können aber später noch infiziert werden.
Gramnegative Bakterien und schwere LOS
GNB wie E. coli verursachen schwere LOS-Manifestationen (z.B. Meningitis) mit höherer Mortalität, besonders bei sehr niedrigem Geburtsgewicht (VLBW). In Frankreich ist E. coli-Meningitis bei Frühgeborenen siebenmal häufiger als bei Reifgeborenen (mittleres Diagnosealter: 14 Tage).
Erregerprofile bei ambulant und nosokomial erworbener LOS
In der Schweiz dominieren bei ambulant erworbener LOS GBS und E. coli, während bei nosokomialer LOS CoNS, Staphylococcus aureus und andere GNB vorherrschen. In Entwicklungsländern variieren die Erreger stark; in Süd- und Südostasien sind Salmonella enterica Serovar Typhi, Streptococcus pneumoniae und Haemophilus influenzae verbreitet.
Virale neonatale Sepsis
Viren werden als Sepsiserreger oft unterschätzt. In Südasien lag die Inzidenz viraler Infektionen bei 10,1/1000 Lebendgeburten, hauptsächlich verursacht durch Respiratory-Syncytial-Virus (RSV).
Herpes-simplex-Virus (HSV)
HSV-Infektionen (Inzidenz: 0,4 % bei getesteten Säuglingen) verlaufen oft schwer. Eine rasche Acyclovir-Gabe ist entscheidend.
Enteroviren
Enteroviren verursachen zunehmend Meningitis, Sepsis-ähnliche Erkrankungen und Fieber unklarer Genese. In China waren Enteroviren bei 99,2 % der Stuhlproben und 44,3 % der Liquorproben febriler Neugeborener nachweisbar.
Diagnostik bei Verdacht auf neonatale Sepsis
Blutkulturen (1–2 ml Blut) bleiben Goldstandard. Bei stabilen Säuglingen sollten zusätzlich Urin und Liquor untersucht werden. Biomarker wie Procalcitonin (PCT), CRP und Leukozytenzahl unterstützen die Diagnose, sind jedoch unspezifisch. Der Lab-score (PCT, CRP, Urinteststreifen) hat hohe Prädiktionskraft für Harnwegsinfektionen.
Die Lumbalpunktion ist bei Sepsisverdacht obligat. Die direkte Liquoruntersuchung bestimmt den Erregertyp und leitet die empirische Therapie.
Empirische Therapie der neonatalen Sepsis
Die empirische Antibiotikatherapie sollte umgehend begonnen werden. Für EOS wird Ampicillin/Penicillin plus Gentamicin empfohlen. Bei GBS-Nachweis wird Gentamicin nach 48 h abgesetzt.
Bei nosokomialer LOS ist Vancomycin (wegen methicillinresistenter CoNS) erste Wahl. Bei GNB-Infektionen werden Aminoglykoside bevorzugt, bei Resistenzen Cephalosporine der 3. Generation oder Carbapeneme.
Die Therapiedauer richtet sich nach Kulturergebnissen und klinischem Ansprechen. Sterile Kulturen erfordern ein Absetzen der Antibiotika; Biomarker allein rechtfertigen keine Fortführung.
Antibiotikaresistenzen
In China erschweren multiresistente Erreger, insbesondere ESBL-bildende Enterobakterien und Carbapenem-resistente Stämme, die Therapie. Resistenzen gegen Cephalosporine der 3. Generation und Carbapeneme sind alarmierend hoch.
Supportive Therapie
Bei septischem Schock sind Volumengabe und Vasopressoren indiziert, jedoch sollte eine übermäßige Volumenbelastung (Risiko für Hirn-/Lungenödeme) vermieden werden. Intravenöse Immunglobuline (IVIG) zeigen keine Wirksamkeit in der Sepsisbehandlung.
Schlussfolgerungen
Epidemiologie und Erregerprofile der neonatalen Sepsis variieren global erheblich, was regionsspezifische Ansätze erfordert. In China stellt die hohe Antibiotikaresistenzrate eine große Herausforderung dar, die kontinuierliches Monitoring und antimikrobielle Stewardship erfordert. Frühdiagnostik, adäquate empirische Therapie und rationaler Antibiotikaeinsatz sind entscheidend für die Optimierung der neonatologischen Versorgung.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000935