Analyse der Risikofaktoren im Zusammenhang mit der endoskopischen retrograden Cholangiopankreatikographie bei Patienten mit Leberzirrhose: Eine multizentrische, retrospektive, klinische Studie
Die endoskopische retrograde Cholangiopankreatikographie (ERCP) ist ein weit verbreitetes endoskopisches Verfahren zur Diagnose und Behandlung von Erkrankungen der Gallenwege und der Bauchspeicheldrüse. Die Durchführung einer ERCP bei Patienten mit Leberzirrhose, insbesondere bei dekompensierter Zirrhose, gilt jedoch als herausfordernd, da das Risiko für Komplikationen erhöht ist. Diese multizentrische, retrospektive klinische Studie zielte darauf ab, die Sicherheit und Wirksamkeit der ERCP bei Patienten mit Leberzirrhose zu bewerten, Risikofaktoren für postoperative Komplikationen zu identifizieren und die Ergebnisse zwischen zirrhotischen und nicht-zirrhotischen Patienten zu vergleichen.
Die Studie umfasste 567 Patienten, die zwischen Juni 2003 und August 2019 in vier großen Krankenhäusern in China einer ERCP unterzogen wurden. Darunter befanden sich 182 Patienten mit Leberzirrhose und 385 Patienten ohne Zirrhose als Kontrollgruppe. Die primären Endpunkte waren ERCP-bedingte unerwünschte Ereignisse, einschließlich Pankreatitis, Blutungen, Infektionen, Perforationen und Mortalität. Die Studie untersuchte auch den Einfluss verschiedener klinischer Faktoren auf die Häufigkeit von Komplikationen bei zirrhotischen Patienten.
Es wurde festgestellt, dass Patienten mit Zirrhose ein signifikant höheres Risiko für postoperative Komplikationen hatten als nicht-zirrhotische Patienten. Die Gesamtkomplikationsrate bei zirrhotischen Patienten betrug 63,2 %, wobei bei 44,0 % der Fälle eine postoperative Pankreatitis, bei 5,5 % verzögerte Blutungen und bei 13,7 % eine postoperative Cholangitis auftraten. Die multivariate logistische Regressionsanalyse ergab, dass zirrhotische Patienten ein höheres Odds Ratio (OR) für postoperative Komplikationen aufwiesen (OR, 4,172; 95 % Konfidenzintervall [KI], 1,232–7,031; P < 0,001), insbesondere für postoperative Pankreatitis (OR, 2,026; 95 % KI, 1,002–4,378; P = 0,001) und Cholangitis (OR, 3,903; 95 % KI, 1,001–10,038; P = 0,036).
Die Hauptindikationen für eine ERCP bei zirrhotischen Patienten waren Choledocholithiasis (55,5 %), gutartige Gallengangsstrikturen (25,3 %) und bösartige Gallengangsstrikturen (15,4 %). Unter den zirrhotischen Patienten wurden bei 12,6 % eine Ballondilatation und bei 43,4 % eine Sphinkterotomie durchgeführt. Die Studie identifizierte auch spezifische Risikofaktoren für postoperative Komplikationen bei zirrhotischen Patienten. Erhöhte Gesamtbilirubin (TBIL)-Werte (OR, 4,58; 95 % KI, 2,37–6,70) und ein Child-Pugh-Score von C (OR, 3,11; 95 % KI, 1,04–5,37) waren signifikant mit einem erhöhten Komplikationsrisiko verbunden.
Die Basiseigenschaften der eingeschlossenen Patienten wurden ebenfalls analysiert. Zirrhotische Patienten waren jünger (Durchschnittsalter, 58 Jahre) im Vergleich zu nicht-zirrhotischen Patienten (Durchschnittsalter, 63 Jahre). Zirrhotische Patienten hatten niedrigere Hämoglobinwerte (104,8 g/L vs. 123,7 g/L; P = 0,007), niedrigere Thrombozytenzahlen (150,4 × 10^9/L vs. 202,2 × 10^9/L; P < 0,001) und höhere TBIL-Werte (91,0 mmol/L vs. 36,3 mmol/L; P < 0,001), was auf eine schlechtere Anämie, Gerinnung und Leberfunktion hinweist. Darüber hinaus hatten zirrhotische Patienten seltener Begleiterkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Hypertonie und zerebralen Infarkt im Vergleich zu nicht-zirrhotischen Patienten.
Die Studie untersuchte weiterhin die Unterschiede in der Häufigkeit von Komplikationen zwischen zirrhotischen und nicht-zirrhotischen Patienten. Nach Anpassung für Alter und Geschlecht wurde festgestellt, dass zirrhotische Patienten ein höheres Risiko für postoperative Komplikationen hatten, insbesondere für Pankreatitis und Cholangitis. Die Häufigkeit von verzögerten Blutungen war zwischen den beiden Gruppen ähnlich (5,5 % bei zirrhotischen Patienten vs. 5,7 % bei nicht-zirrhotischen Patienten; P = 0,966).
In der univariaten Analyse der zirrhotischen Patienten waren sieben Faktoren signifikant mit postoperativen Komplikationen assoziiert: Alter (P = 0,006), Albuminspiegel (P = 0,001), TBIL-Wert (P = 0,001), Child-Pugh-Score (P < 0,001), Vorhandensein von Magenvarizen (P = 0,010), Anamnese von gastrointestinalen Blutungen (P < 0,001) und Vorhandensein von Aszites (P = 0,029). Diese Faktoren wurden in ein multivariates logistisches Regressionsmodell integriert, das bestätigte, dass höhere TBIL-Werte und ein Child-Pugh-Score von C unabhängige Risikofaktoren für postoperative Komplikationen bei zirrhotischen Patienten waren.
Die Studie diskutierte auch die Herausforderungen bei der Durchführung einer ERCP bei zirrhotischen Patienten, einschließlich des erhöhten Blutungsrisikos aufgrund von Koagulopathie, portaler Hypertonie und Ösophagusvarizen. Der schlechte Allgemeinzustand zirrhotischer Patienten, wie Hypoalbuminämie und Mangelernährung, erschwert den Eingriff weiter und erhöht das Risiko für Komplikationen. Die Autoren betonten die Bedeutung einer sorgfältigen präoperativen Bewertung und individueller Behandlungspläne, um das Risiko unerwünschter Ereignisse zu minimieren.
Trotz des erhöhten Komplikationsrisikos kam die Studie zu dem Schluss, dass die ERCP bei Patienten mit Leberzirrhose relativ sicher und effektiv ist, vorausgesetzt, der Eingriff wird von erfahrenen Endoskopikern durchgeführt und es werden angemessene Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die Autoren empfahlen, dass zukünftige Studien die Definition und Schweregradbeurteilung der Zirrhose verfeinern und den Einfluss zusätzlicher klinischer Faktoren auf die ERCP-Ergebnisse bewerten sollten.
Zusammenfassend liefert diese multizentrische, retrospektive Studie wertvolle Einblicke in die Sicherheit und Wirksamkeit der ERCP bei Patienten mit Leberzirrhose. Die Ergebnisse unterstreichen das erhöhte Risiko für postoperative Komplikationen bei zirrhotischen Patienten, insbesondere für Pankreatitis und Cholangitis, und identifizieren erhöhte TBIL-Werte und einen Child-Pugh-Score von C als signifikante Risikofaktoren. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer sorgfältigen Patientenauswahl, einer gründlichen präoperativen Bewertung und individueller Behandlungsstrategien, um die Ergebnisse in dieser Hochrisikopopulation zu optimieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002248