Bewertung des vaginalen Mikrobioms in der klinischen Diagnose und Behandlung vaginaler Infektionskrankheiten
Das vaginale Mikrobiom ist ein komplexes und dynamisches Ökosystem, das eine entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung der vaginalen Gesundheit spielt. Dysbiosen in diesem Mikrobiom können zu verschiedenen vaginalen Infektionen führen, wie vulvovaginaler Candidose (VVC), bakterieller Vaginose (BV) und aerober Vaginitis (AV). Das Verständnis des vaginalen Mikrobioms und seiner Veränderungen ist entscheidend für die genaue Diagnose und effektive Behandlung dieser Infektionen. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung des vaginalen Mikrobioms in der klinischen Praxis, die Entwicklung des Vaginalen Mikroökologie-Bewertungssystems (VMES) und dessen Anwendung bei der Diagnose und Therapie vaginaler Infektionskrankheiten.
Einführung in das vaginale Mikrobiom
Das humane Mikrobiom, oft als „zweites menschliches Genom“ bezeichnet, umfasst die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den menschlichen Körper besiedeln. Der Urogenitaltrakt trägt etwa 9 % zum gesamten humanen Mikrobiom bei, während der Gastrointestinaltrakt 29 % ausmacht. Das vaginale Mikrobiom ist besonders komplex und besteht aus diversen mikrobiellen Gemeinschaften, die sich schnell durch Faktoren wie Alter, Schwangerschaft, Menstruation und Antibiotikaeinnahme verändern können. Diese Veränderungen können Dysbiosen begünstigen, die mit Infektionen wie VVC, BV und AV assoziiert sind.
In gesunden Frauen dominieren Lactobacillus-Arten das vaginale Mikrobiom. Diese Bakterien schützen durch die Produktion von Milchsäure, Wasserstoffperoxid (H₂O₂) und Bakteriozinen, die ein saures Milieu (pH 3,8–4,4) schaffen, das pathogene Mikroorganismen hemmt. Zudem verhindern Laktobazillen die Anheftung von Pathogenen an Vaginalepithelzellen durch kompetitive Ausschließung. Eine Störung dieses Gleichgewichts kann jedoch Infektionen auslösen, die klinisch behandelt werden müssen.
Das Vaginale Mikroökologie-Bewertungssystem (VMES)
Zur umfassenden Analyse des vaginalen Mikrobioms wurde das Vaginale Mikroökologie-Bewertungssystem (VMES) entwickelt. Dieses System bewertet morphologische und funktionelle Indikatoren, um die mikrobielle Zusammensetzung und Funktionalität des vaginalen Ökosystems zu erfassen. Das VMES unterstützt Kliniker bei der Diagnose und Therapie vaginaler Infektionen.
Morphologische Indikatoren
Morphologische Indikatoren umfassen bakterielle Dichte, Diversität der Flora, dominante Bakterienarten, Entzündungsmarker (z. B. Leukozytenzahl) und das Vorhandensein pathogener Mikroorganismen. Zusätzlich integriert das System den Nugent-Score für BV und den AV-Score für AV.
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Bakterielle Dichte: Reflektiert die Gesamtbiomasse. Der Normalbereich liegt bei Grad II (10–100 Bakterien pro Gesichtsfeld) und III (100–1000 Bakterien pro Gesichtsfeld). Grad I (1–10) und IV (>1000) deuten auf Abnormalitäten hin.
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Diversität der Flora: Misst die Vielfalt der Bakterienarten. Normal sind Grad II (4–6 Arten) und III (7–9 Arten). Grad I (1–3) und IV (>10) gelten als abnormal.
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Dominante Flora: Bei gesunden Frauen dominieren grampositive Stäbchen (Lactobacillus spp.). Grampositive Kokken (z. B. Staphylococcus aureus) oder gramnegative Stäbchen (z. B. Escherichia coli) können auf Dysbiosen hinweisen.
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Nugent-Score: Diagnostiziert BV (0–3: negativ; 4–6: intermediär; 7–10: positiv).
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AV-Score: Ein Score ≥3 bestätigt AV.
Funktionelle Indikatoren
Funktionelle Indikatoren bewerten den metabolischen Status des Mikrobioms, einschließlich vaginalem pH, H₂O₂-Produktion und Enzymaktivitäten (Sialidase, β-Glucuronidase, Leukozytenesterase, Acetylglucosaminidase).
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Vaginaler pH: Normalbereich 3,8–4,5. Abweichungen deuten auf Dysbiosen hin.
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H₂O₂-Produktion: Reflektiert die Aktivität von Laktobazillen.
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Enzymaktivität: Sialidase (BV-Marker), β-Glucuronidase (AV-Marker), Leukozytenesterase (Entzündung) und Acetylglucosaminidase liefern diagnostische Zusatzinformationen.
Vaginale Reinheit
Die vaginale Reinheit wird in vier Graden eingeteilt. Grad II–III entsprechen einem normalen mikroökologischen Status, Grad III–IV deuten auf Entzündungen oder Infektionen hin.
Das vaginale Mikrobiom bei gesunden Frauen
Bei gesunden Frauen dominieren Lactobacillus-Arten, die durch Glykogenabbau ein saures Milieu aufrechterhalten. Das Humane Mikrobiom-Projekt zeigte, dass die vaginale Flora gesunder Frauen 10⁸–10⁹ koloniebildende Einheiten pro Gramm (KBE/g) enthält, wobei Laktobazillen 10⁷–10⁸ KBE/g Vaginalflüssigkeit ausmachen. Häufige Arten sind Lactobacillus crispatus, L. iners, L. jensenii und L. gasseri.
Management der vulvovaginalen Candidose (VVC)
VVC ist die zweithäufigste vaginale Infektion. Die Diagnose erfolgt mikroskopisch durch Nachweis von Sporen, Hyphen oder Blastosporen. Die Erstlinientherapie umfasst Azole oder Polyen-Antimykotika. Probiotika, insbesondere Lactobacillus-Arten, verbessern die Heilungsraten und reduzieren Rezidive durch Wiederherstellung des physiologischen pH-Werts und kompetitive Pathogenhemmung.
Management der bakteriellen Vaginose (BV)
BV ist durch dünnflüssigen, fischig riechenden Ausfluss charakterisiert. Die Diagnose kombiniert den Nugent-Score mit dem Nachweis von Clue-Zellen. Sialidase dient als spezifischer BV-Marker. Die Standardtherapie umfasst Clindamycin-Creme, Metronidazol-Gel oder orales Metronidazol. Die Kombination mit Laktobazillen-Probiotika oder vaginaler Borsäure verbessert die Rezidivprophylaxe.
Management der aeroben Vaginitis (AV)
AV zeigt sich durch eitrigen Ausfluss und starke Entzündungsreaktionen. Die Diagnose basiert auf dem AV-Score und β-Glucuronidase-Aktivität (assoziiert mit E. coli und Streptokokken der Gruppe B). Therapieansätze umfassen Probiotika und bei ausgeprägter parabasaler Zellkomponente lokale Östrogentherapie zur Schleimhautrestitution.
Fazit
Das VMES ist ein essenzielles Instrument zur Diagnose und Therapie vaginaler Infektionen. Durch die umfassende Bewertung des mikrobiellen Status ermöglicht es eine zielgerichtete Behandlung, die auf die Wiederherstellung des physiologischen vaginalen Mikrobioms abzielt. Dies verbessert die Patientenergebnisse und reduziert Rezidivrisiken.
DOI: 10.1097/CM9.0000000000000211