Ein solitärer anulärer Plaque am Kiefer: Eine atypische Manifestation der sekundären Syphilis
Die sekundäre Syphilis, eine durch Treponema pallidum verursachte Infektionsstufe, ist klassischerweise durch generalisierte mukokutane Eruptionen gekennzeichnet. Atypische Manifestationen können jedoch zu diagnostischen Unsicherheiten führen. Dieser Fallbericht beschreibt eine ungewöhnliche Präsentation der sekundären Syphilis bei einem 33-jährigen Mann mit einem solitären anulären Plaque am linken Kiefer und unterstreicht die Bedeutung klinischer Verdachtsmomente, histopathologischer Befunde und spezialisierter Tests zur Diagnosesicherung.
Klinische Präsentation
Der Patient stellte sich mit einem seit 4 Wochen bestehenden, solitären anulären Plaque am linken Kiefer vor. Die Läsion begann als asymptomatischer, kleiner Fleck und vergrößerte sich zentrifugal auf einen Durchmesser von 5,5 cm. Die körperliche Untersuchung zeigte einen scharf begrenzten, erhabenen, infiltrierten anulären Plaque mit feiner Schuppung am Rand [Abbildung 1A]. Neben einer linksseitigen submandibulären Lymphadenopathie wurden keine weiteren Hautläsionen oder systemischen Symptome wie Fieber oder Malaise festgestellt.
Histopathologische und immunhistochemische Befunde
Eine Stanzbiopsie der Läsion ergelt deutliche histopathologische Auffälligkeiten: Die Epidermis wies eine Akanthose und Orthokeratose mit neutrophilen Exsudaten auf. In der Dermis zeigten sich oberflächliche und tiefe perivaskuläre Entzündungsherde um Haarfollikel, bestehend aus dichten Infiltraten von Plasmazellen, Lymphozyten und Eosinophilen [Abbildung 1B und 1C]. Die ausgeprägte Plasmazellinfiltration verstärkte den Verdacht auf eine syphilitische Genese.
Eine immunhistochemische Färbung mit T.-pallidum-spezifischen Antikörpern bestätigte die Diagnose durch den Nachweis zahlreicher Spirochäten in der Epidermis [Abbildung 1D].
Laboruntersuchungen
Serologische Tests bestätigten eine aktive Syphilis: Der T.-pallidum-Partikelagglutinationstest (TPPA) war positiv, und der Toluidinrot-unerhitzte Serumtest (TRUST) ergelt einen Titer von 1:64, was auf eine frische Infektion hinweist. Tests auf Hepatitis B, Hepatitis C und HIV-Antikörper fielen negativ aus.
Epidemiologische Anamnese
Der Patient gab ungeschützte außereheliche Sexualkontakte 8 Wochen vor Auftreten der Hautläsion an. Dieser Zeitrahmen korreliert mit der typischen Inkubationszeit der sekundären Syphilis (3–12 Wochen nach Primärinfektion).
Diagnose und Differentialdiagnosen
Die Diagnose einer sekundären Syphilis wurde durch klinische, histopathologische und serologische Befunde gesichert. Aufgrund der ungewöhnlichen Morphologie und Solitärläsion wurden zunächst andere Differenzialdiagnosen erwogen:
- Granuloma annulare: Typischerweise ohne Schuppung und plasmazellreiche Infiltrate.
- Tinea faciei: Nachweis von Hyphen mittels Kaliumhydroxid (KOH)-Präparat oder Pilzkultur.
- Plaque-Psoriasis: Fehlt Plasmazellinfiltrate trotz ähnlicher Schuppung.
- Subakuter kutaner Lupus erythematodes: Zeigt Interface-Dermatitis in der Histopathologie.
Die Plasmazellinfiltration (in 74 %–86,4 % der Syphilisfälle beobachtet) sowie der immunhistochemische Spirochätennachweis waren entscheidend.
Therapie und Verlauf
Gemäß WHO-Richtlinien erhielt der Patient Benzathin-Penicillin G (2,4 Millionen Einheiten intramuskulär, 3 Dosen im Wochenabstand). Vier Wochen nach Therapieende war die Läsion vollständig abgeheilt. Zur Überwachung des serologischen Ansprechens erfolgt eine langfristige Nachsorge.
Diskussion
Atypische kutane Manifestationen bei sekundärer Syphilis
Die sekundäre Syphilis ist als „großer Imitator“ für vielfältige Hautveränderungen bekannt. Neben makulösen oder papulösen Effloreszenzen treten in 10 %–15 % der Fälle atypische Formen (pustulös, nodulär, anulär) auf. Anuläre Läsionen im Gesicht sind jedoch extrem selten (< 2 % der Fälle).
Diagnostische Herausforderungen
Fehlende Leitsymptome (z. B. palmoplantare Beteiligung) können die Diagnose verzögern. Eine hohe klinische Wachsamkeit bei sexuell aktiven Patienten mit unklaren Hautläsionen ist entscheidend. Die Histopathologie (Plasmazellinfiltrate) und Immunhistochemie (höhere Sensitivität als Silberfärbungen) sind wegweisend.
Public-Health-Aspekte
Die weltweit steigenden Syphilis-Inzidenzen erfordern eine Sensibilisierung für atypische Verläufe. Verzögerte Therapien begünstigen Transmission und tertiäre Komplikationen. Co-Infektionen (z. B. HIV) sollten stets ausgeschlossen werden.
Fazit
Dieser Fall unterstreicht die diagnostische Komplexität der sekundären Syphilis bei solitären Gesichtsläsionen. Die Kombination aus Anamnese, Histopathologie und Immunhistochemie ist unverzichtbar. Kliniker sollten Syphilis stets differentialdiagnostisch erwägen, insbesondere bei Risikopersonen. Frühzeitige Therapie verhindert Komplikationen und Unterbrechung von Infektketten.
DOI: org/10.1097/CM9.0000000000000807