Eine epidemiologische Studie zur Stuhlinkontinenz bei erwachsenen Chinesinnen in städtischen Gebieten
Stuhlinkontinenz (SI), definiert als der unwillkürliche Verlust von Gas, flüssigem oder festem Stuhl, ist eine belastende Erkrankung, die mit reduzierter Lebensqualität, sozialer Isolation und psychischer Belastung einhergeht. Während SI in westlichen Populationen umfassend untersucht wurde, sind Daten zur Epidemiologie in China, insbesondere bei städtischen Frauen, nach wie vor spärlich. Diese Studie schließt diese Lücke durch die erstmalige groß angelegte, populationsbasierte Untersuchung der Prävalenz, klinischen Merkmale und Risikofaktoren von SI bei erwachsenen Frauen in urbanen Regionen Chinas.
Studiendesign und Methodik
Die Forschung wurde als Subanalyse einer nationalen Beckenbodenerkrankungsstudie zwischen 2014 und 2015 durchgeführt. Insgesamt wurden 28.196 erwachsene Frauen aus städtischen Gebieten in sechs chinesischen Provinzen (Liaoning, Gansu, Guangdong, Jiangsu, Shanxi und Guizhou) eingeschlossen, um geografische und sozioökonomische Diversität abzubilden. Die Rekrutierung erfolgte mittels geschichteter Zufallsstichproben im Rahmen eines kostenlosen Zervix- und Brustkrebsscreenings. Ausschlusskriterien umfassten Schwangerschaft, Stillzeit oder Wohnsitz <5 Jahre.
Strukturierte Fragebögen erhoben demografische, medizinische und geburtshilfliche Daten. SI wurde als mindestens einmaliger unwillkürlicher Verlust von Gas, flüssigem oder festem Stuhl definiert. Der Schweregrad wurde mittels Wexner-Score (0–20 Punkte) bewertet, der Häufigkeit, Pad-Verwendung und Lebensstilauswirkungen erfasst. Klinische Untersuchungen, einschließlich POP-Q-Staging (Pelvic Organ Prolapse Quantification), wurden durchgeführt. Statistische Analysen nutzten Cochran-Armitage-Trendtests, Chi-Quadrat-Tests und multivariate logistische Regression zur Risikofaktoridentifikation.
Prävalenz und klinische Merkmale von SI
Die altersadjustierte SI-Prävalenz bei städtischen Chinesinnen betrug 0,43 % (95 %-KI: 0,35 %–0,51 %), signifikant niedriger als in westlichen Ländern (z. B. 5 %–14,4 % in den USA). Regionale Unterschiede zeigten eine höchste Prävalenz in Gansu (0,86 %) und niedrigste in Guangdong (0,04 %).
Flüssigstuhlinkontinenz war das häufigste Symptom (82,96 % der SI-Fälle), gefolgt von Gas (42,22 %) und festem Stuhl (42,96 %). Ein starker Altersgradient wurde beobachtet: Die Prävalenz stieg von 0,16 % bei 20–29-Jährigen auf 1,28 % bei ≥70-Jährigen (P für Trend <0,001). Der mittlere Wexner-Score betrug 4,0 (Range 0–20), wobei 12 % der Patientinnen ≥9 Punkte erreichten (schwere Funktionsbeeinträchtigung).
Risikofaktorenanalyse
Die multivariate logistische Regression identifizierte folgende modifizierbare und nicht-modifizierbare Risikofaktoren:
-
Demografische und Lebensstilfaktoren
- Alter: Frauen im Alter von 60–69 Jahren (OR 3,29; 95 %-KI 1,11–9,74) und ≥70 Jahren (OR 3,70; 95 %-KI 1,21–11,33) hatten signifikant höhere Risiken.
- Body-Mass-Index (BMI): Übergewicht (BMI 24–27,9 kg/m²: OR 1,59; 95 %-KI 1,07–2,35) und Adipositas (BMI ≥28 kg/m²: OR 1,86; 95 %-KI 1,02–3,38) waren unabhängig mit SI assoziiert.
- Alkoholkonsum: Konsumierende hatten ein 2,7-fach erhöhtes Risiko (OR 2,70; 95 %-KI 1,51–4,83).
-
Medizinische Komorbiditäten
- Chronische Obstipation: Fast verdoppeltes Risiko (OR 1,90; 95 %-KI 1,24–2,92).
- Chronischer Husten: 2,04-fache Risikoerhöhung (95 %-KI 1,14–3,65).
- Beckenvorfall (POP): POP-Q-Stadium II (OR 3,20; 95 %-KI 2,13–4,80) und III–IV (OR 3,03; 95 %-KI 1,58–5,82) erhöhten das SI-Risiko signifikant.
- Systemische Erkrankungen: Chronische Bronchitis (OR 2,15; 95 %-KI 1,13–4,08) und Krebs (OR 4,10; 95 %-KI 1,98–8,45) waren starke Prädiktoren.
-
Gynäkologische und geburtshilfliche Faktoren
- Vaginale Geburt: Bei gebärenden Frauen war vaginale Entbindung mit einem 4,31-fach höheren Risiko verbunden (95 %-KI 2,03–9,15) vs. Kaiserschnitt.
- Gynäkologische Entzündungen: 2,25-fache Risikoerhöhung (95 %-KI 1,44–3,53).
Diskussion und Implikationen
Die niedrige SI-Prävalenz in städtischen Chinesinnen kontrastiert mit westlichen Daten. Kulturelle Faktoren (Untererfassung durch Stigma) und methodische Limitationen (Ausschluss bettlägeriger Personen) könnten dies erklären. Ernährungsunterschiede, genetische Faktoren und variierende Beckenbodenresilienz bedürfen weiterer Forschung.
Modifizierbare Risikofaktoren wie Adipositas, Obstipation und Alkoholkonsum bieten Ansatzpunkte für Prävention. Kliniker sollten gezieltes SI-Screening bei Hochrisikogruppen (ältere Frauen, POP-Patientinnen, chronisch respiratorische/onkologische Erkrankungen) priorisieren.
Der Zusammenhang zwischen vaginaler Geburt und SI unterstreicht die Notwendigkeit postpartaler Beckenbodenrehabilitation. Geburtshilfliche Praktiken zur Minimierung von Dammtraumata und frühzeitige Interventionen könnten das Langzeitrisiko reduzieren.
Limitationen und zukünftige Forschung
Limitationen umfassen mögliche Untererfassung durch Selbstauskünfte, das Querschnittsdesign (keine Kausalitätsaussagen) und den Ausschluss ländlicher Populationen. Zukünftige Studien sollten SI in ländlichen Regionen untersuchen, objektive Diagnostik (z. B. anorektale Manometrie) integrieren und kulturspezifische Interventionen evaluieren.
Schlussfolgerung
Diese großangelegte Studie zeigt, dass SI bei städtischen Chinesinnen relativ selten, aber klinisch relevant ist. Identifizierte Risikofaktoren wie Alter, Adipositas, chronische Erkrankungen und vaginale Entbindung bieten Grundlagen für Präventionsstrategien und klinische Überwachung. Durch modifizierbare Risikofaktoren und verbessertes Bewusstsein kann die Versorgung dieser unterberichteten Erkrankung optimiert werden.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000552