Geringe Inanspruchnahme von Prä-Expositions- und Post-Expositionsprophylaxe sowie hohe Prävalenz übertragener Resistenzen bei neu diagnostizierten primären HIV-Infektionen in Shenzhen, China: Eine retrospektive Realweltstudie
Diese Studie präsentiert eine umfassende Analyse der Charakteristika neu diagnostizierter primärer HIV-1-Infektionen in Shenzhen, China, mit Fokus auf die Nutzung von Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) und Post-Expositionsprophylaxe (PEP) sowie die Prävalenz übertragener Resistenzen (TDR). Zwischen Januar 2021 und März 2022 durchgeführt, liefert die Forschung kritische Einblicke in demografische Muster, klinische Manifestationen, diagnostische Herausforderungen, die Umsetzung präventiver Strategien in der Praxis und die Entstehung arzneimittelresistenter HIV-Varianten.
Studiendesign und Population
Die retrospektive Studie umfasste 87 Personen mit neu diagnostizierter primärer HIV-1-Infektion am Third People’s Hospital in Shenzhen. Eine primäre Infektion wurde definiert durch serologische Bestätigung (Western Blot, WB), positive HIV-Antigen/-Antikörper-Tests (Ag/Ab) mit indeterminiertem WB-Ergebnis plus hoher Viruslast (HIV-RNA ≥5.000 Kopien/ml) oder zwei positive HIV-RNA-Tests nach negativem Antikörpertest. Chronische Infektionen oder unklare Anamnese wurden ausgeschlossen. Daten zu Demografie, Epidemiologie, Diagnostik, Resistenzen und Therapieerfolgen wurden analysiert.
Demografische und epidemiologische Merkmale
Die Kohorte bestand überwiegend aus jungen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Unter 87 Teilnehmenden waren 96,6 % (84/87) männlich, 88,5 % (77/87) identifizierten sich als MSM. Das mediane Alter betrug 29,0 Jahre (Interquartilbereich [IQR]: 24,0–34,0), 54,0 % (47/87) waren 20–29 Jahre alt. Insgesamt 85,1 % (74/87) berichteten über riskantes Sexualverhalten mit Gelegenheitspartnern, 62,1 % (54/87) über ungeschützten Verkehr. Nur 28,7 % (25/87) nutzten Kondome konsequent. Bei 13,1 % (11/84) der MSM erfolgte die HIV-Übertragung beim ersten gleichgeschlechtlichen Kontakt, darunter zwei Fälle sexualisierter Gewalt. Diese Ergebnisse unterstreichen die Vulnerabilität junger, lediger MSM in Shenzhen, bedingt durch häufige Partnerwechsel und unzureichenden Kondomgebrauch.
Klinische Präsentation und diagnostische Herausforderungen
Ein akutes Retroviralsyndrom (ARS) zeigte sich bei 54,0 % (47/87). Der mediane Zeitraum zwischen Risikokontakt und Symptombeginn betrug 12,0 Tage (IQR: 10,0–20,0). Häufige Symptome waren Fieber (44,8 %, 39/87), Hautausschlag (13,8 %, 12/87), Halsschmerzen (12,6 %, 11/87) und Lymphadenopathie (12,6 %, 11/87). Schwere Komplikationen wie akutes Nierenversagen (2,3 %, 2/87) und Myokarditis (1,1 %, 1/87) traten ebenfalls auf.
Diagnostisch wurden 56,3 % (49/87) der Fälle zunächst durch HIV-Selbsttests erkannt, 29,9 % (26/87) während klinischer Untersuchungen. Die Bestätigung primärer Infektionen stützte sich auf HIV-RNA-Tests (54,0 %, 47/87) und WB-Ergebnisse (32,2 %, 28/87). Die mediane Viruslast bei Diagnose lag bei 376.000 Kopien/ml (IQR: 62.200–2.350.000). Die Intervalle zwischen Risikokontakt und erstem positiven Screening-, WB- bzw. RNA-Test betrugen 30,0 (IQR: 16,1–44,8), 35,5 (IQR: 23,3–50,0) und 42,5 Tage (IQR: 23,5–60,3). Bemerkenswert ist, dass 40,2 % (35/87) zuvor nie einen HIV-Test durchgeführt hatten.
Suboptimale Umsetzung von PrEP und PEP
Obwohl 41,4 % (36/87) der Teilnehmenden PrEP/PEP kannten, nutzten nur 8,0 % (7/87) diese Maßnahmen zeitnah zum Risikokontakt. Davon verwendeten vier PrEP und drei PEP, wobei lediglich 35,3 % (6/17) die Therapie korrekt einhielten. Kritisch ist, dass 58,8 % (10/17) PrEP/PEP-Medikamente ohne ärztliche Beratung online bezogen; nur zwei Personen folgten korrekten Protokollen. Eine vorherige PrEP/PEP-Anwendung gaben 19,5 % (17/87) an, jedoch zeigten 64,7 % (11/17) inadäquate Adhärenz. Diese Ergebnisse verdeutlichen strukturelle Defizite, darunter begrenzter Zugang zu medizinischer Begleitung, unregulierte Medikamentenbeschaffung und unzureichende Aufklärung.
Hohe Prävalenz übertragener Resistenzen
Genotypische Resistenztests (GRT) bei 56 Personen ergaben eine TDR-Prävalenz von 33,9 % (19/56). Die Verteilung der Mutationen war wie folgt:
- Nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI): 10,7 % (6/56), einschließlich M184V (4 Fälle), M184V/I (1) und L210W (1).
- Nicht-nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTI): 25,0 % (14/56), vorwiegend V179E (9 Fälle), V179D (1) und K103N (1).
- Proteaseinhibitoren (PI): 8,9 % (5/56) mit L10I (4) und L33F (1).
- Dualklassenresistenzen (NRTI + NNRTI): 10,7 % (6/56).
Resistenzen gegen Integrasehemmer (INSTI) fehlten bei allen 25 getesteten Fällen. Die häufigsten HIV-Subtypen waren zirkulierende rekombinante Formen CRF_BC (46,4 %, 26/56), CRF01_AE (21,4 %, 12/56) und Subtyp A (12,5 %, 7/56). Die hohe TDR-Prävalenz, insbesondere gegenüber NNRTI, wirft Fragen zur Wirksamkeit der First-Line-Therapie in Shenzhen auf.
Therapieergebnisse und Immunrekonstitution
Alle Teilnehmenden begannen die antiretrovirale Therapie (ART) median 45,0 Tage (IQR: 30,0–66,5) postexpositionell. Eingesetzte Regime umfassten Integrasehemmer-basierte Therapien (66,7 %, 58/87) und NNRTI/PI-Kombinationen (33,3 %, 29/87). Nach 12 Wochen erreichten 91,9 % (80/87) eine Virussuppression (HIV-RNA <500 Kopien/ml). Immunologisch stieg die CD4+-T-Zellzahl von 355,4 ± 139,9 Zellen/μl auf 537,9 ± 186,8 Zellen/μl (P <0,0001), während CD8+-T-Zellen von 1861,0 ± 1321,0 auf 995,0 ± 458,8 Zellen/μl abnahmen (P <0,0001). Das CD4/CD8-Verhältnis verbesserte sich von 0,33 ± 0,26 auf 0,85 ± 0,67 (P <0,0001).
Public-Health-Implikationen und Empfehlungen
Die Studie identifiziert kritische Lücken in der HIV-Prävention und -Behandlung in Shenzhen:
- Geringe PrEP/PEP-Nutzung: Trotz Bewusstsein behindern strukturelle Barrieren wie mangelnde medizinische Begleitung und inadäquate Adhärenz die Umsetzung. Notwendig sind gezielte Aufklärung, kostenlose Medikamentenprogramme und regulierte Online-Angebote.
- Hohe Resistenzlast: Die TDR-Rate von 33,9 % erfordert routinemäßige Resistenztests und INSTI-basierte First-Line-Regime.
- Frühe Diagnostik: HIV-RNA-Tests und Selbsttests können Diagnoseverzögerungen reduzieren, insbesondere in der akuten Phase mit hohem Übertragungsrisiko.
- Zielgruppenspezifische Interventionen für MSM: Kampagnen zu Kondomnutzung, regelmäßigen Tests und Partnerbenachrichtigung sind essenziell.
Limitationen
Die retrospektive Design und kleine Stichprobe begrenzen die Generalisierbarkeit. GRT-Daten fehlten für 31 Teilnehmende, möglicherweise wurde die TDR-Prävalenz unterschätzt. Die unzureichende Überwachung von INSTI-Resistenzen bedarf weiterer Forschung.
Fazit
Diese Realweltstudie unterstreicht den dringenden Bedarf, HIV-Prävention und Resistenzmonitoring in Shenzhen zu optimieren. Verbesserter Zugang zu PrEP/PEP, resistenzgeleitete ART-Strategien und verstärkte Aufklärung sind entscheidend, um die UNAIDS-95-95-95-Ziele zu erreichen. Nachhaltige Bemühungen in Public Health, Gemeindearbeit und Gesundheitssystemreformen sind erforderlich, um die HIV-Epidemie in China einzudämmen.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002510