Gerinnungsstörungen bei Patienten mit abnormalen Serumkortisolspiegeln

Gerinnungsstörungen bei Patienten mit abnormalen Serumkortisolspiegeln

Kortisol, ein entscheidendes Hormon der Nebennieren, spielt eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der Homöostase, einschließlich der Hämostase. Sein Einfluss auf die Gerinnung wurde insbesondere bei Hyperadrenalismus-Zuständen wie dem Cushing-Syndrom (CS) untersucht, wo erhöhte Kortisolspiegel mit einem hyperkoagulablen Zustand assoziiert sind. Dennoch ist das hämostatische Profil bei Hypoadrenalismus-Patienten mit niedrigen Kortisolspiegeln kaum erforscht. Diese Studie zielte darauf ab, Gerinnungsanomalien bei Patienten mit Hypo- und Hyperadrenalismus zu evaluieren und neue Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Kortisolspiegeln und Hämostase zu liefern.

Studiendesign und Teilnehmer

Die retrospektive Analyse umfasste Patienten mit Hypophysenadenomen, die zwischen 2012 und 2018 in der Neurochirurgie des Peking Union Medical College Hospitals behandelt wurden. Das Protokoll wurde von der Ethikkommission genehmigt, und alle Teilnehmer gaben eine schriftliche Einwilligung. Die Patienten wurden basierend auf Kortisolspiegeln und Hypophysenfunktion in vier Gruppen eingeteilt:

  1. Hyperadrenalismus-Gruppe (hyperA): Patienten mit Cushing-Krankheit (CD) und exzessiver Kortisolproduktion.
  2. Hypoadrenalismus-Gruppe (hypoA): Patienten mit präoperativem morgendlichem Serumkortisol (MSCL) <138 nmol/L (5 µg/dL).
  3. Kontrollgruppe mit nicht-funktionellen Hypophysenadenomen (NFC): Patienten mit normalen endokrinologischen Befunden.
  4. Gesunde Kontrollgruppe (HC): Gesunde Probanden aus Routineuntersuchungen.

Ausschlusskriterien waren die Einnahme exogener Glukokortikoide innerhalb der letzten sechs Monate oder fehlende Gerinnungstestergebnisse.

Diagnostische Kriterien und Labormethoden

Die CD-Diagnose erfolgte klinisch, mittels MRT, Hormonanalysen und ACTH-Immunhistochemie. Nicht-funktionelle Adenome wurden durch negative Immunhistochemie und normale Hormonwerte bestätigt. Blutproben wurden um 08:00 Uhr für Gerinnungs- und Hormontests entnommen.

Gerinnungsparameter wie Prothrombinzeit (PT), INR, aktivierte partielle Thromboplastinzeit (APTT), Thrombinzeit (TT) und Fibrinogen wurden mit dem Sysmex CS-5100-System gemessen. Hormonanalysen (Kortisol, ACTH, IGF-1, Schilddrüsenfunktion) erfolgten mittels Chemilumineszenz-Immunoassays (ADVIA Centaur XP/IMMULITE 2000).

Ergebnisse

Es wurden 73 hypoA-, 136 hyperA-, 124 NFC- und 79 HC-Patienten eingeschlossen. Keiner hatte bekannte Gerinnungsstörungen.

Klinische und endokrinologische Merkmale

Die hypoA-Gruppe (Durchschnittsalter 45,0 Jahre; 30,1 % weiblich) zeigte signifikant niedrigere systolische Blutdruckwerte als die NFC-Gruppe, aber vergleichbare Werte zur HC-Gruppe. Leberfunktionstests wiesen geringe Unterschiede zwischen hypoA und HC auf, lagen jedoch im Referenzbereich.

Die hyperA-Gruppe hatte höhere MSCL- und ACTH-Spiegel, während die hypoA-Gruppe niedrigere Werte für freies Trijodthyronin, Thyroxin (T4), freies Thyroxin und IGF-1 im Vergleich zur NFC-Gruppe aufwies.

Gerinnungstestergebnisse

Signifikante Unterschiede zeigten sich in PT, INR und APTT zwischen den Gruppen. Die hypoA-Gruppe hatte verlängerte PT (Median 12,1 vs. 11,6 Sekunden), INR (1,034 vs. 0,988) und APTT (33,6 vs. 28,1 Sekunden) im Vergleich zur HC-Gruppe. Die hyperA-Gruppe wies hingegen verkürzte PT, INR und APTT auf. Zwischen NFC- und HC-Gruppen bestanden keine Unterschiede.

Fibrinogen war in der NFC- und hypoA-Gruppe höher als in der HC-Gruppe, jedoch nicht zwischen hyperA und HC.

Multivariable logistische Regressionsanalyse

Verlängerte APTT, jüngeres Alter, niedrigeres Albumin und niedrigeres T4 waren mit hypoA assoziiert. Kürzere APTT, jüngeres Alter, niedrigeres Albumin, niedrigeres T4, erhöhte ALT und weibliches Geschlecht korrelierten mit hyperA.

Diskussion

Diese erste umfassende Analyse von Gerinnungsstörungen bei Hypoadrenalismus zeigt gegensätzliche hämostatische Effekte abnormaler Kortisolspiegel. Die verlängerte APTT und PT bei hypoA deuten auf eine Beeinträchtigung der intrinsischen und extrinsischen Gerinnungswege hin, möglicherweise durch verminderte Faktor-VIII- und IX-Spiegel. Bei hyperA bestätigen die verkürzten Gerinnungszeiten den bekannten hyperkoagulablen Zustand unter Hyperkortisolismus.

Klinische Implikationen

APTT könnte als Biomarker für die Glukokortikoid-Ersatztherapie (GRT) bei Hypoadrenalismus dienen. Eine verlängerte APTT könnte Unterdosierung, eine verkürzte APTT Überdosierung anzeigen. Weitere Studien sind notwendig, um den Nutzen der APTT-Überwachung in der GRT zu validieren.

Fazit

Gerinnungsstörungen sind bei Patienten mit abnormalen Kortisolspiegeln häufig und zeigen charakteristische Muster: Verlängerte APTT bei hypoA, verkürzte APTT bei hyperA. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Gerinnungsüberwachung bei Nebennierenfunktionsstörungen und legen einen potenziellen Einsatz der APTT zur Therapiesteuerung nahe.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000001567

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