Intraoperative molekulare Diagnostik des Sentinel-Lymphknotens und Vorhersage von Metastasen in nicht-sentinalen Lymphknoten bei Brustkrebspatientinnen
Die Sentinel-Lymphknotenbiopsie (SLNB) ist ein Standardverfahren für Brustkrebspatientinnen ohne Lymphknotenbefall. Die präzise intraoperative Beurteilung des Sentinel-Lymphknotens (SLN) ermöglicht eine synchrone axilläre Lymphknotendissektion (ALND) während der Brustoperation, wodurch eine zweite Operation mit damit verbundenen Morbiditäten, Unannehmlichkeiten und Kosten vermieden wird. Der One-Step-Nukleinsäureamplifikationsassay (OSNA) von Sysmex (Kobe, Japan) kombiniert die Homogenisierung von Lymphknotengewebe mit der reverse-transkriptionsbasierten loop-mediated isothermal Amplifikation von Cytokeratin-19 (CK-19)-mRNA. Dieser Assay detektiert intraoperativ Metastasen >0,2 mm mit hoher Genauigkeit.
Zwei Studien (CBCSG-001c und NCT03937414) validierten den OSNA-Assay. Studie 1 (2010, 5 Zentren, 552 Patientinnen) ergab eine Sensitivität von 83,7%, eine Spezifität von 91,4% und eine Gesamtgenauigkeit von 91,4%. Studie 2 (2015–2017, 3 Zentren, 1.090 Patientinnen) zeigte bei SLN-positiven Patientinnen eine Sensitivität von 88,72%, eine Spezifität von 91,28% und eine Genauigkeit von 90,83%.
Die ACOSOG-Z0011- und AMAROS-Studien etablierten, dass bei T1-2-Tumoren mit 1–2 metastatischen SLNs auf ALND verzichtet werden kann, während die axilläre Radiotherapie bei indizierter Behandlung ALND überlegen ist. Dennoch erhalten 20–60% der SLN-positiven Patientinnen unnötigerweise eine ALND, da keine weiteren Metastasen in Nicht-Sentinel-Lymphknoten (NSLN) vorliegen. Ein prädiktives Nomogramm zur Identifikation dieser Patientinnen ist daher klinisch essenziell.
In Studie 1 wurde anhand von 103 ALND-Patientinnen ein Nomogramm unter Einbeziehung etablierter Prädiktoren (u.a. MSKCC-, MDA- und Tenon-Modelle) sowie der Gesamttumorbelastung (TTL, Summe der CK-19-mRNA-Kopien/ml aller positiven Lymphknoten) entwickelt. Multivariate Analysen identifizierten TTL, klinische Tumorgröße und Anzahl positiver/negativer SLNs als Schlüsselvariablen. Die Fläche unter der ROC-Kurve (AUC) betrug 0,814. In Studie 2 (159 ALND-Patientinnen) validiert, erreichte das Modell eine AUC von 0,842 mit 81,48% Sensitivität und 79,41% Spezifität. Im Vergleich zu MDA- (AUC 0,745) und Tenon-Modellen (AUC 0,623) übertraf das neue Nomogramm signifikant (p<0,05).
Eine Subgruppenanalyse (n=262) demonstrierte zudem die prädiktive Wertigkeit für die Unterscheidung von pN1 (1–3 Metastasen) und ≥pN2 (≥4 Metastasen) mit einer AUC von 0,861 bei einem Cut-off-Wert von 0,454. Dies ermöglicht eine präzisere Zielfeldmarkierung für die Radiotherapie gemäß NCCN-Leitlinien (2016), die bei ≥4 befallenen Lymphknoten eine Bestrahlung der Mammaria-interna-Regio empfehlen.
Konventionelle Modelle weisen Limitationen auf: Fehlende Standardisierung der SLN-Histologie, ungenaue 2D-Messung von Metastasengrößen und postoperative Verfügbarkeit der Parameter. Das OSNA-basierte Nomogramm hingegen nutzt intraoperativ verfügbare, objektive Daten (TTL, Tumorgröße, SLN-Status) und ermöglicht somit eine Echtzeitleitlinie für das axilläre Management.
Zusammenfassend bietet der OSNA-Assay eine zuverlässige intraoperative SLN-Diagnostik, während das neu entwickelte Nomogramm mit überlegener Prädiktionskraft (AUC >0,8) die individuelle Therapiesteuerung und Zielvolumendefinition bei Brustkrebs optimiert.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000609