Inzidenz und Überlebensraten neuroendokriner Neoplasien in China im Vergleich zu den Vereinigten Staaten
Neuroendokrine Neoplasien (NEN) umfassen eine heterogene Gruppe von Tumoren, die aus sekretorischen Zellen des diffusen neuroendokrinen Systems hervorgehen und primär im bronchopulmonalen System sowie im Gastrointestinaltrakt auftreten. Diese Tumoren sind durch ein langsames Wachstum und die Fähigkeit zur Sekretion von Peptidhormonen und biogenen Aminen gekennzeichnet, die vielfältige klinische Symptome hervorrufen können. Trotz ihrer Seltenheit gewinnen NEN zunehmend an Aufmerksamkeit, da ihre Inzidenz global steigt, insbesondere in Ländern wie den USA, Kanada und Norwegen. In den USA stieg die Inzidenz von NEN von 1,09 pro 100.000 Einwohner im Jahr 1973 auf 6,98 pro 100.000 im Jahr 2012. Norwegen verzeichnete innerhalb von zwei Jahrzehnten eine nahezu Verdoppelung. Dieser Anstieg, kombiniert mit dem indolenten Krankheitsverlauf, führte zu einem achtfachen Prävalenzanstieg in den USA von 0,006 % (1993) auf 0,048 % (2012), was NEN zu einem relevanten Public-Health-Thema macht.
In China hingegen wurde die Epidemiologie von NEN bisher kaum untersucht, wobei sich frühere Studien auf kleinere oder einrichtungsbasierte Stichproben beschränkten. Diese Studie liefert die erste umfassende nationale Analyse der Inzidenz und Überlebensraten von NEN in China und vergleicht diese mit US-Daten. Durch die Nutzung von Daten aus bevölkerungsbasierten Krebsregistern Chinas und dem US-amerikanischen Surveillance, Epidemiology, and End Results (SEER)-Programm sollen epidemiologische Disparitäten aufgezeigt und wissenschaftliche Grundlagen für Prävention und Kontrolle geschaffen werden.
Methoden
Die Studie verwendete Daten des National Central Cancer Registry (NCCR) in China, das Informationen aus lokalen Krebsregistern sammelt. Zur Schätzung der NEN-Inzidenz 2017 wurden Daten von 246 registrierten Einrichtungen mit etwa 272,5 Millionen Einwohnern analysiert. Zeittrends (2000–2017) wurden anhand von 22 hochwertigen Registern bewertet. Die Überlebensanalyse basierte auf Follow-up-Daten bis Dezember 2018 aus 176 Registern. NEN wurden gemäß ICD-O-3 definiert, wobei biologisch unterschiedliche Entitäten ausgeschlossen wurden.
Für die USA wurden Daten aus 18 SEER-Registern (ca. 28 % der Bevölkerung) zur Inzidenz- und Überlebensschätzung genutzt. Die altersstandardisierten Raten (ASR) wurden mit SEER*Stat berechnet, die Überlebensanalysen analog zu China durchgeführt. Statistische Auswertungen umfassten Rohinzidenz, ASR und relatives Überleben, wobei Trends mittels Joinpoint-Regressionsmodellen analysiert wurden.
Ergebnisse
Die altersstandardisierte Inzidenzrate (ASR) von NEN lag 2017 in China bei 1,14 pro 100.000 und damit signifikant unter der US-Rate von 6,26 pro 100.000. In China waren die häufigsten Primärlokalisationen Pankreas (33,5 %), Magen (19,7 %), Lunge (15,2 %) und Rektum (12,7 %). In den USA dominierten Lunge (19,8 %), Dünndarm (16,6 %), Kolon (15,9 %) und Rektum (15,1 %). Die Inzidenz in China war bei Männern (1,42/100.000) höher als bei Frauen (0,86/100.000) und in ländlichen (1,28/100.000) gegenüber städtischen Gebieten (1,05/100.000). In den USA lag die Inzidenz bei Frauen (6,53/100.000) leicht über der bei Männern (6,02/100.000).
Von 2000 bis 2017 stieg die ASR in China jährlich um 9,8 %, verglichen mit 3,6 % in den USA. In China zeigten Rektum (13,0 %), Lunge (10,6 %), Magen (10,3 %) und Dünndarm (9,7 %) die stärksten Anstiege. In den USA waren Pankreas (8,7 %), Magen (4,8 %), Rektum (3,1 %) und Dünndarm (3,1 %) am stärksten betroffen.
Die 5-Jahres-Überlebensrate lag in China bei 36,2 % und damit deutlich unter den 63,9 % in den USA. Die niedrigste Rate fand sich in China bei Pankreas-NEN (21,5 %), die höchste bei rektalen NEN (69,8 %). In den USA variierten die Raten zwischen 52,2 % (Lunge) und 89,6 % (Rektum). Frauen sowie städtische Gebiete wiesen in beiden Ländern bessere Überlebensraten auf.
Diskussion
Die Studie offenbart erhebliche epidemiologische Unterschiede zwischen China und den USA. Die geringere Inzidenz in China könnte auf biologische Faktoren, Umweltbedingungen, Zugang zur Gesundheitsversorgung und Datenerfassungsmethoden zurückgehen. Der rasante Anstieg in China, besonders im Rektum und Magen, dürfte auf verbesserte Diagnostik und Screeningprogramme zurückzuführen sein.
Die Überlebenslücke unterstreicht den Bedarf an früherer Diagnose und effektiveren Therapien in China. Der hohe Anteil prognostisch ungünstiger Pankreas-NEN in China trägt zu dieser Diskrepanz bei. Geschlechts- und geografische Unterschiede im Überleben weisen auf Versorgungsungleichheiten hin.
Fazit
Die Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit gezielter Interventionen zur Verbesserung von Früherkennung und Therapie in China. Durch den Ausbau medizinischer Infrastruktur, Screeningmaßnahmen und zielgerichtete Therapien (z. B. Surufatinib) könnte die Prognose von NEN-Patienten verbessert werden. Die Studie liefert entscheidende Erkenntnisse zur Reduktion der NEN-Last in beiden Ländern.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002643