Kardiovaskuläres Risikoprofil und klinische Merkmale von Diabetespatienten: Eine Querschnittsstudie in China
Kardiovaskuläre (KV) Erkrankungen bleiben die Hauptursache für Morbidität und Mortalität bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes (T2D). Diese Studie zielte darauf ab, das KV-Risikoprofil chinesischer Patienten mit T2D auf der Grundlage der Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) von 2019 zu bewerten. Die Ergebnisse liefern wichtige Einblicke in die Verteilung des KV-Risikos bei chinesischen T2D-Patienten und unterstreichen die Notwendigkeit maßgeschneiderter klinischer Strategien zur Risikominderung.
Hintergrund und Bedeutung der Studie
Atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen (ASCVD) sind die Haupttodesursache bei Personen mit T2D, wobei diese Patienten ein zwei- bis viermal höheres Risiko für KV-Ereignisse im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben. Da China die höchste Zahl von Diabetesfällen weltweit aufweist, ist die wirtschaftliche Belastung durch KV-Erkrankungen in dieser Bevölkerung erheblich. Eine genaue Bewertung des KV-Risikos ist entscheidend für die klinische Entscheidungsfindung und die Umsetzung präventiver Maßnahmen.
Frühere Studien haben den Nutzen der KV-Risikobewertung bei der Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck, Dyslipidämie und Adipositas gezeigt. Bestehende Risikovorhersagemodelle wie die US Pooled Cohort Equations (US-PCE) und die European Systematic Coronary Risk Estimation (SCORE) haben jedoch Einschränkungen, wenn sie auf T2D-Patienten angewendet werden. Diese Modelle berücksichtigen oft nicht diabetes-spezifische Faktoren wie die Krankheitsdauer und den Typ. Die ESC/EASD-Leitlinien von 2019 führten ein vereinfachtes KV-Risikoklassifikationssystem basierend auf Komorbiditäten und Diabetesdauer ein, um die Risikostratifizierung zu verbessern und Behandlungsentscheidungen zu leiten.
Studiendesign und Methodik
Diese Querschnittsstudie analysierte Daten von 25.411 T2D-Patienten, die in der China Cardiometabolic Registries 3B-Studie eingeschrieben waren. Die Teilnehmer wurden aus verschiedenen Krankenhausumgebungen in China rekrutiert, darunter Gemeinschaftskrankenhäuser, Sekundär-/Stadtkrankenhäuser und tertiäre Lehrkrankenhäuser. Teilnahmeberechtigt waren Patienten ab 18 Jahren, bei denen seit mindestens sechs Monaten T2D diagnostiziert worden war. Die Studie schloss schwangere Frauen, Personen, die an anderen klinischen Studien teilnahmen, und solche, die keine vollständige Krankengeschichte liefern konnten, aus.
Die ESC/EASD-Leitlinien von 2019 wurden verwendet, um die Patienten in drei KV-Risikokategorien einzuteilen: sehr hohes Risiko, hohes Risiko und moderates Risiko. Eine zusätzliche Kategorie „unklares Risiko“ wurde für Patienten geschaffen, die nicht in die vordefinierten Gruppen passten. Etablierte KV-Erkrankungen, Zielorganschäden und Hauptrisikofaktoren wie Alter, Bluthochdruck, Dyslipidämie, Rauchen und Adipositas wurden bewertet, um die Risikoklassifizierung zu bestimmen.
Ergebnisse und Schlüsselerkenntnisse
Die Studie ergab, dass 65,6 % der Patienten als „sehr hohes Risiko“, 7,5 % als „hohes Risiko“ und 0,6 % als „moderates Risiko“ eingestuft wurden. Bemerkenswerterweise fielen 26,4 % der Patienten in die Kategorie „unklares Risiko“, was auf die Notwendigkeit einer weiteren Verfeinerung der Risikostratifizierungskriterien hinweist.
Gruppe mit sehr hohem Risiko
Patienten in der Gruppe mit sehr hohem Risiko hatten ein Durchschnittsalter von 65,8 Jahren und eine durchschnittliche Diabetesdauer von 9,0 Jahren. Über 62 % dieser Patienten waren übergewichtig oder adipös, und 78,9 % hatten drei oder mehr Hauptrisikofaktoren. Fast 40 % der Patienten in dieser Gruppe hatten eine Diabetesdauer von mehr als 10 Jahren.
Gruppe mit hohem Risiko
Die Gruppe mit hohem Risiko umfasste Patienten mit einem Durchschnittsalter von 61,4 Jahren und einer durchschnittlichen Diabetesdauer von 14,4 Jahren. Etwa 45,9 % dieser Patienten waren übergewichtig oder adipös, wobei ein Drittel einen Risikofaktor und zwei Drittel zwei Risikofaktoren hatten.
Gruppe mit moderatem Risiko
Patienten in der Gruppe mit moderatem Risiko waren signifikant jünger, mit einem Durchschnittsalter von 42,5 Jahren und einer durchschnittlichen Diabetesdauer von 3,1 Jahren. Diese Gruppe hatte die niedrigste Prävalenz von Adipositas und anderen Risikofaktoren.
Gruppe mit unklarem Risiko
Die Gruppe mit unklarem Risiko umfasste Patienten mit einem Durchschnittsalter von 55,3 Jahren und einer durchschnittlichen Diabetesdauer von 3,9 Jahren. Über 95 % dieser Patienten hatten einen oder zwei Risikofaktoren, was die Einordnung in die vordefinierten Risikokategorien erschwerte.
Stratifizierung nach demografischen und klinischen Faktoren
Die Verteilung der KV-Risikokategorien variierte signifikant basierend auf Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index (BMI) und Diabetesdauer.
Alter und Geschlecht
Ältere Patienten (≥65 Jahre) wurden häufiger als sehr hohes Risiko eingestuft als jüngere Patienten. Männer hatten eine höhere Prävalenz von sehr hohem Risiko (71,3 %) als Frauen (60,5 %). Umgekehrt wurden Frauen häufiger als hohes Risiko (9,2 %) eingestuft als Männer (5,5 %).
BMI
Adipositas war stark mit einem sehr hohen KV-Risiko verbunden, wobei 89,6 % der adipösen Patienten in diese Kategorie fielen. Übergewichtige Patienten hatten ebenfalls eine hohe Prävalenz von sehr hohem Risiko (62,9 %).
Diabetesdauer
Der Anteil der Patienten, die als sehr hohes Risiko eingestuft wurden, stieg signifikant mit längerer Diabetesdauer. Beispielsweise wurden 52,3 % der Patienten mit einer Diabetesdauer von weniger als einem Jahr als sehr hohes Risiko eingestuft, verglichen mit 86,1 % derjenigen mit einer Dauer von 20 Jahren oder mehr.
Klinische Implikationen
Die hohe Prävalenz von sehr hohem und hohem KV-Risiko bei chinesischen T2D-Patienten unterstreicht die dringende Notwendigkeit umfassender Managementstrategien. Die Studie hebt die Bedeutung der gleichzeitigen Behandlung mehrerer Risikofaktoren hervor, einschließlich der glykämischen Kontrolle, des Blutdruckmanagements, der lipidsenkenden Therapie und des Gewichtsmanagements. Intensive und neuartige Therapien wie PCSK9-Inhibitoren könnten für Patienten in der Kategorie mit sehr hohem Risiko in Betracht gezogen werden, die mit konventionellen Behandlungen keine Zielwerte erreichen.
Die Ergebnisse betonen auch die Notwendigkeit einer frühzeitigen Intervention bei jüngeren Patienten und solchen mit neu diagnostiziertem Diabetes. Obwohl diese Patienten möglicherweise nicht sofort in die Kategorien mit sehr hohem oder hohem Risiko fallen, haben sie ein erhöhtes lebenslanges Risiko für KV-Erkrankungen und könnten von einer aggressiven Risikofaktormanagement profitieren.
Einschränkungen und zukünftige Richtungen
Diese Studie hat mehrere Einschränkungen. Erstens erlaubt ihr Querschnittsdesign keine Bewertung der Vorhersageleistung des ESC/EASD-Risikoklassifikationssystems von 2019. Zweitens berücksichtigte die Analyse keine Veränderungen der Risikofaktoren und Behandlungsmuster über die Zeit. Drittens waren die Definitionen der Risikofaktoren in den ESC/EASD-Leitlinien von 2019 nicht auf die chinesische Bevölkerung zugeschnitten, was die Genauigkeit der Risikostratifizierung beeinträchtigen könnte.
Zukünftige Forschung sollte sich auf die Entwicklung und Validierung von KV-Risikovorhersagemodellen speziell für chinesische T2D-Patienten konzentrieren. Prospektive Studien sind notwendig, um die langfristigen Auswirkungen des ESC/EASD-Risikoklassifikationssystems von 2019 und dessen Einfluss auf klinische Ergebnisse zu bewerten.
Schlussfolgerung
Diese Studie liefert eine umfassende Bewertung des KV-Risikos bei chinesischen T2D-Patienten basierend auf den ESC/EASD-Leitlinien von 2019. Die hohe Prävalenz von sehr hohem und hohem KV-Risiko unterstreicht die Notwendigkeit gezielter Interventionen, um die Belastung durch KV-Erkrankungen in dieser Bevölkerung zu verringern. Die Ergebnisse betonen auch die Bedeutung der Verfeinerung der Risikostratifizierungskriterien, insbesondere für Patienten in der Kategorie mit unklarem Risiko. Durch die Bewältigung dieser Herausforderungen können Gesundheitsdienstleister das Management des KV-Risikos bei chinesischen T2D-Patienten verbessern und letztendlich Morbidität und Mortalität reduzieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001741