Kenntnisstand der Kardio-Onkologie bei Onkologen und Kardiologen: Eine Umfrage in China

Kenntnisstand der Kardio-Onkologie bei Onkologen und Kardiologen: Eine Umfrage in China

Krebs stellt seit 2010 weltweit und in China die häufigste Todesursache dar. Fortschritte in der Krebstherapie haben zwar die Überlebensraten verbessert, gleichzeitig jedoch die Inzidenz kardiovaskulärer Erkrankungen (CVD) bei Krebspatienten und -überlebenden aufgrund kardiotoxischer Effekte von Antitumortherapien erhöht. Die Kardio-Onkologie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten als Fachdisziplin etabliert, um kardiovaskuläre Komplikationen von Krebstherapien zu verhindern und zu behandeln. In China steckt dieses multidisziplinäre Feld jedoch noch in den Anfängen. Eine landesweite Umfrage untersuchte das Bewusstsein, die Einstellungen, Barrieren und die klinische Umsetzung der Kardio-Onkologie unter chinesischen Onkologen und Kardiologen, um Entwicklungslücken und zukünftige Strategien zu identifizieren.

Studiendesign und Methodik

Der strukturierte Fragebogen wurde vom Nationalen Krebszentrum und dem Nationalen Zentrum für Kardiovaskuläre Erkrankungen in China entwickelt. Die Datenerhebung erfolgte zwischen dem 30. September 2018 und dem 3. Dezember 2019 unter Onkologen und Kardiologen in tertiären Krankenhäusern, Krebszentren und kardiovaskulären Zentren. Der Fragebogen umfasste Abschnitte zum Bewusstsein für Kardio-Onkologie, Einstellungen zur Einrichtung spezialisierter Kardio-Onkologie-Einheiten, Entwicklungsbarrieren, einem 34-Item-Wissenstest und der klinischen Anwendung kardio-onkologischer Prinzipien. Der Inhaltsvaliditätsindex lag bei 0,923.

Die Stichprobengröße wurde mittels der vereinfachten Yamane-Formel bestimmt (Ziel: 398 Teilnehmer pro Fachgebiet; Fehlermarge 5 %, 95 %-KI). Von 1.049 verteilten Fragebogen wurden 973 valide Antworten analysiert (444 Onkologen, 529 Kardiologen). Die geografische Verteilung spiegelte das Profil tertiärer Krankenhäuser wider: 41,3 % Ostchina, 25,5 % Zentralchina, 33,2 % Westchina. Statistische Analysen umfassten Chi-Quadrat-Tests, ANOVA für Wissenstestvergleiche und ein generalisiertes lineares Modell (GLM) zur Identifikation von Einflussfaktoren auf den Kenntnisstand.

Bewusstsein für Kardio-Onkologie

Fast alle Teilnehmer (99,7 %, n=970) gaben an, von Kardio-Onkologie gehört zu haben, doch nur 35,3 % (n=343) zeigten ein umfassendes Verständnis (Kenntnis patientenspezifischer Aspekte, disziplinärer Ziele und spezialisierter Einheiten). Onkologen wiesen ein signifikant höheres Bewusstsein auf (44,1 %) als Kardiologen (27,8 %, p < 0,001). Leitende Ärzte in tertiären Krankenhäusern der Grade-A erreichten die höchste Bewusstseinsrate (41,6 %, p = 0,010). Regionale Unterschiede waren geringer, wobei Westchina (33,1 %) leicht unter Ost- (34,1 %) und Zentralchina (40,2 %) lag.

Einstellungen und wahrgenommene Barrieren

Eine überwältigende Mehrheit (95,5 %, n=929) befürwortete die Einrichtung von Kardio-Onkologie-Einheiten, besonders Onkologen in tertiären Grade-A-Krankenhäusern. Dennoch nannten 98,7 % (n=960) erhebliche Barrieren: mangelndes Fachwissen (77,0 %, n=749), gefolgt von unzureichender interdisziplinärer Zusammenarbeit (71,0 %, n=691) und fehlender Nachfrage (22,6 %, n=220). Kardiologen kritisierten häufiger mangelnde Unterstützung durch Onkologen (68,6 %), während Onkologen Defizite bei Kardiologen betonten (73,9 %, p = 0,0001).

Kenntnisstand und Kompetenzlücken

Der durchschnittliche Wissenstest-Score lag bei 22,8 von 34 Punkten (Median 23,0). Die beste Leistung zeigte sich bei der Identifizierung kardiotoxischer Therapien (37,1 % volle Punktzahl), die schlechteste beim Management von CVD-Komplikationen (7,4 %) und der Auswahl kardioprotektiver Medikamente (3,3 %). Nur 33,4 % antworteten korrekt zur optimalen Timing von CVD-Risikobewertungen; 21,6 % beherrschten kardiale Überwachungsprotokolle.

Das GLM identifizierte signifikante Prädiktoren: Kardiologen übertrafen Onkologen insgesamt (p = 0,001), während Onkologen bei krebsspezifischer Kardiotoxizität besser abschnitten (p < 0,001). Höherer Berufsrang (p = 0,009), Tätigkeit in Grade-A-Krankenhäusern (p = 0,01) und volle Bewusstseinsstufe (p < 0,001) korrelierten mit höheren Scores.

Klinische Umsetzung

Trotz Wissenslücken erkannten 88,6 % (n=862) die Notwendigkeit prätherapeutischer CVD-Risikobewertungen, wovon 90,6 % (n=781) diese auch umsetzten. Routinescreenings für Krebs- und CVD-Anamnese waren nahezu universell (93,9 %, n=914). Leitende Ärzte und Onkologen hielten sich stärker an diese Praktiken, was mit ihrem höheren Bewusstsein korrelierte.

Regionale und hierarchische Disparitäten

Westchina wies bei 28,5 % Anteil an tertiären Krankenhäusern eine geringere Bewusstseinsrate (33,1 %) als Zentralchina (40,2 %) auf. Ostchina zeigte moderates Bewusstsein, aber höhere Wissensscores, was auf eine bessere Integration der Disziplin hindeutet. Juniorärzte und Medizinstudierende schnitten signifikant schlechter ab als erfahrene Kollegen (p = 0,027).

Limitationen und Zukunftsperspektiven

Die Nicht-Wahrscheinlichkeits-Stichprobenmethode und Fokussierung auf Konferenzteilnehmer limitieren die Generalisierbarkeit. Querschnittsdesign und unklare Formulierungen kardiologiebezogener Fragen erfordern methodische Verbesserungen zukünftiger Studien.

Schlussfolgerung

Die Umfrage zeigt hohes konzeptionelles Bewusstsein, aber kritische Wissensdefizite und Umsetzungsbarrieren in der chinesischen Kardio-Onkologie. Die breite Unterstützung für spezialisierte Einheiten unterstreicht die Entwicklungsbereitschaft, jedoch müssen interdisziplinäre Kooperationen gestärkt und standardisierte Ausbildungsprogramme etabliert werden. Tertiäre Zentren sollten als Bildungs-Hubs fungieren, um eine flächendeckend hochwertige kardiovaskuläre Versorgung von Krebspatienten sicherzustellen.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000002222

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