Kontaktthermisch evozierte Potentiale bei Wissensarbeitern und ungelernten Arbeitskräften
Die Untersuchung kontaktthermisch evozierter Potentiale (CHEPs) hat in den letzten Jahren zunehmende Aufmerksamkeit erlangt, da sie die Funktionsbewertung kleiner Nervenfasern, insbesondere der Aδ-Fasern, ermöglicht. CHEPs werden durch thermische Schmerzreize auf der Hautoberfläche generiert, die zerebrale elektroenzephalografische Antworten auslösen. Diese Antworten werden durch Parameter wie N2-Latenz, P2-Latenz und N2-P2-Amplitude charakterisiert. Die Methode gilt als einfacher, sicherer und objektiver im Vergleich zu anderen Techniken wie laser-evozierten Potentialen zur Beurteilung der peripheren kleinen Nervenfaserfunktion.
Die Small-Fiber-Neuropathie (SFN) betrifft unmyelinisierte C-Fasern und dünn myelinisierte Aδ-Fasern, die durch verschiedene Ätiologien geschädigt werden können. Die Bestimmung der intraepidermalen Nervenfaserdichte (IENFD) mittels Hautbiopsie hat die SFN-Diagnostik erheblich verbessert. CHEPs korrelieren gut mit der IENFD und stellen somit ein wichtiges diagnostisches Instrument dar. Obwohl Normwerte für CHEPs etabliert wurden, bleiben der Einfluss von Geschlecht, Alter und Körpergröße auf CHEP-Parameter kontrovers. Der Effekt beruflicher Tätigkeiten auf CHEPs wurde bisher kaum untersucht.
Diese Studie zielte darauf ab, Unterschiede in CHEP-Parametern zwischen Wissensarbeitern und ungelernten Arbeitskräften zu explorieren. Die Hypothese lautete, dass berufsbedingte Unterschiede in körperlicher Aktivität, Umweltexposition und Schmerzgewöhnung CHEP-Ergebnisse beeinflussen könnten. Insgesamt wurden 137 gesunde Teilnehmer zwischen November 2014 und Dezember 2016 rekrutiert und in zwei Gruppen eingeteilt: Wissensarbeiter (Lehrer, Ärzte, Juristen etc.) und ungelernte Arbeitskräfte (Bauarbeiter, Reinigungspersonal etc.).
Alle Teilnehmer durchliefen neurologische Untersuchungen, Labortests und Nervenleitungsstudien (NCS). Die CHEP-Messungen erfolgten an vier Körperregionen: distaler Unterarm, laterales Unterschenkeldrittel, Dornfortsatz C7 und Dornfortsatz T12. Ein Thermode-basierter Stimulator applizierte Hitzereize (32°C auf 51°C, Anstiegsrate 70°C/s). Die Elektrodenpositionierung (Cz, Fz nach dem 10-20-System) und die Auswertung erfolgten mit dem Keypoint-EMG-System.
Die Ergebnisse zeigten signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen: Bei ungelernten Arbeitskräften waren die „N2-Latenz/Körpergröße“ und „P2-Latenz/Körpergröße“ am Unterarm sowie am Unterschenkel verlängert, während die N2-P2-Amplitude am Unterschenkel reduziert war. Keine Unterschiede fanden sich an C7 und T12.
Diese Befunde deuten darauf hin, dass ungelernte Arbeitskräfte aufgrund höherer Verletzungsanfälligkeit, Schmerzgewöhnung oder dickerer Keratodermie eine veränderte Ad-Faser-Aktivierung aufweisen. Die stärkere Exposition distaler Gliedmaßen gegenüber Umwelteinflüssen könnte die Unterschiede an Unterarm und Unterschenkel erklären. Mögliche Mechanismen umfassen reduzierte Schmerzverarbeitung in thalamischen und somatosensorischen Arealen sowie langsamere Leitgeschwindigkeiten.
Die Studie betont erstmals den Einfluss beruflicher Tätigkeit auf CHEP-Parameter und unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschungen zur Aufklärung zugrunde liegender neurophysiologischer Mechanismen. Funktionelle Bildgebungsstudien könnten zerebrale Schmerzverarbeitungsunterschiede zwischen Berufsgruppen beleuchten.
Zusammenfassend zeigt diese Studie, dass ungelernte Arbeitskräfte im Vergleich zu Wissensarbeitern verlängerte CHEP-Latenzen und reduzierte Amplituden in distal exponierten Regionen aufweisen. Dies legt nahe, dass berufliche Belastungen die Funktion kleiner Nervenfasern beeinflussen können.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000681