Neudefinition der menschlichen Gesundheit: Körperliches, mentales, soziales und umweltbezogenes Wohlbefinden

Neudefinition der menschlichen Gesundheit: Körperliches, mentales, soziales und umweltbezogenes Wohlbefinden

Das Konzept der menschlichen Gesundheit hat sich im Laufe der Jahre stark weiterentwickelt, was die dynamischen Veränderungen unserer Welt widerspiegelt. Im Jahr 1948 führte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine dreiteilige Definition von Gesundheit ein, die körperliches, mentales und soziales Wohlbefinden umfasste. Diese Definition diente über sieben Jahrzehnte als grundlegendes Rahmenwerk zum Verständnis von Gesundheit. Angesichts der zunehmenden Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Umwelt wird jedoch deutlich, dass diese traditionelle Definition nicht mehr ausreicht. Dieser Artikel untersucht die Notwendigkeit, die Gesundheitsdefinition um eine vierte Dimension – das umweltbezogene Wohlbefinden – zu erweitern, und diskutiert die Implikationen für die Zukunft der menschlichen Gesundheit.

Die ursprünglichen drei Gesundheitsdimensionen – körperliches, mentales und soziales Wohlbefinden – entstanden in einer Zeit, in der menschliche Aktivitäten nur begrenzte Umweltauswirkungen hatten. Körperliches Wohlbefinden ist durch die Abwesenheit von Krankheiten und aktive Gesundheitsförderung gekennzeichnet. Mentales Wohlbefinden manifestiert sich in der Abwesenheit depressiver Symptome sowie in ruhigen und glücklichen Gemütszuständen. Soziales Wohlbefinden entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und betont die Bedeutung einer Gesellschaft frei von Sexismus, Chauvinismus und Extremismus. Diese Dimension unterstreicht die individuelle Verantwortung, friedlich zu leben und zum Gemeinwohl beizutragen. Zusammen bildeten diese drei Dimensionen ein umfassendes Gesundheitsverständnis, das weltweit adaptiert wurde.

Der Kontext, in dem diese dreidimensionale Definition entstand, hat sich jedoch drastisch verändert. Mitte des 20. Jahrhunderts waren die menschliche Produktivität geringer und Umweltbelastungen weniger folgenreich. Durch Globalisierung und steigende Produktivität haben menschliche Aktivitäten die Umwelt jedoch massiv verändert: Die Ausbeutung natürlicher Ressourcen führt zu Biodiversitätsverlust, geschädigten Ökosystemen, nicht nachhaltiger Landnutzung, unkontrolliertem Wildtierhandel, intensiver Viehzucht, Klimawandel, Verschmutzung und weiteren ökologischen Schäden. Diese Entwicklungen haben eine planetare Krise ausgelöst, die das menschliche Wohlbefinden existenziell bedroht.

Die aktuelle Umweltkrise offenbart die Unzulänglichkeit der traditionellen Gesundheitsdefinition. Die globale Gemeinschaft verursacht immense Umweltschäden, die ihrerseits das kollektive Wohlbefinden gefährden. Beispielsweise führen extreme Wetterereignisse infolge der Erderwärmung zu Unterbrechungen in Nahrungs- und Wasserversorgungssystemen, was Ernährungssicherheit massiv beeinträchtigt. Die COVID-19-Pandemie – eine Zoonose – verdeutlicht zudem die Vernetzung von menschlicher Gesundheit und Umwelt. Die Pandemie war keine unvorhersehbare „Schwarze-Schwan“-Entwicklung, sondern eine Folge ökologischer Bedingungen durch menschliche Aktivitäten. Klimawandel, Biodiversitätsverlust und veränderte Mensch-Tier-Beziehungen erhöhen die Anfälligkeit für neu auftretende Infektionskrankheiten. Tatsächlich waren 75 % der im 21. Jahrhundert neu auftretenden Infektionskrankheiten zoonotischen Ursprungs, darunter COVID-19, SARS, HIV/AIDS und Ebola.

Vor diesem Hintergrund ist eine Erweiterung der Gesundheitsdefinition um umweltbezogenes Wohlbefinden unerlässlich. Diese Dimension definiert sich durch eine nachhaltige Interaktion zwischen Mensch und Umwelt und erkennt an, dass planetare Gesundheit untrennbar mit menschlicher Gesundheit verbunden ist. Beispielsweise begünstigen Umweltveränderungen die Ausbreitung bekannter Erreger wie Dengue-, Chikungunya- und West-Nil-Viren oder wasserbürtiger Vibrio-Bakterien. Es gilt, planetare Grenzen zu respektieren und ein Gleichgewicht zwischen Nutzung und Regeneration natürlicher Systeme zu finden.

Die Integration des umweltbezogenen Wohlbefindens in die Gesundheitsdefinition steht im Einklang mit dem „One Health“-Konzept, das die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen harmonisieren will. Umweltbezogenes Wohlbefinden geht jedoch weiter, indem es planetare Gesundheit als Voraussetzung für menschliche Gesundheit positioniert. So wie soziales Wohlbefinden nach 1945 als Gesundheitsdimension anerkannt wurde, muss umweltbezogenes Wohlbefinden angesichts der COVID-19-Pandemie und der Klimakrise etabliert werden. Dieses Verständnis könnte Gesundheitsfachkräfte dazu bewegen, die Umwelt als zentralen Vermittler positiver Gesundheitsoutcomes zu betrachten. Beispielsweise könnten Kliniker*innen, die umweltbezogenes Wohlbefinden berücksichtigen, Antibiotika verantwortungsvoller einsetzen oder medizinische Schadstoffemissionen reduzieren, um langfristige Gesundheitsziele zu erreichen.

Die Beziehung zwischen Mensch und Natur wurde oft mit der von Krebszellen und ihrem Wirt verglichen: Beide entziehen Ressourcen, ohne zurückzugeben. Ein Überleben der Menschheit erfordert daher ein harmonisches Verhältnis zur Erde, das nicht nur auf Ausbeutung, sondern auf aktiver Umweltregeneration basiert.

Zukünftig muss die Bewertung individueller Gesundheit neben traditionellen Dimensionen auch umweltbezogene Kriterien integrieren: Leben Menschen frei von kontrollierbaren Umweltrisiken wie Klimawandel, Verschmutzung oder Zoonosen? Übernehmen sie Verantwortung für ein nachhaltiges Zusammenwirken mit der Umwelt? Eine solche Neudefinition menschlicher Gesundheit erfordert vier Dimensionen: körperliches, mentales, soziales und umweltbezogenes Wohlbefinden.

Zusammenfassend ist die traditionelle dreidimensionale Gesundheitsdefinition angesichts der ökologischen Krise nicht mehr hinreichend. Die Integration des umweltbezogenen Wohlbefindens als vierte Dimension ist entscheidend, um die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Planet zu adressieren. Diese Neudefinition ermöglicht ein tieferes Verständnis von Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Zoonosen – und ebnet den Weg für eine nachhaltigere Zukunft.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000002817

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