Präpandemische Gehirnstrukturen und Veränderungen sozialer Ängste während der COVID-19-Pandemie: Eine mediationanalytische Untersuchung zu Zwangssymptomen
Die COVID-19-Pandemie führte zu gravierenden Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, insbesondere durch die Zunahme sozialer Ängste (SA) infolge von Lockdowns, sozialer Distanzierung und Quarantänemaßnahmen. Diese Studie untersucht den Zusammenhang zwischen präpandemischen Gehirnstrukturen und SA-Veränderungen während der Pandemie sowie die potenzielle Mediationsrolle pandemiespezifischer Zwangssymptome (OCS).
An der Studie nahmen 151 rechtshändige Universitätsstudenten ohne neuropsychiatrische Vorerkrankungen teil. Die Probanden unterzogen sich zwischen Oktober 2019 und Januar 2020 (vor dem COVID-19-Ausbruch in Wuhan) strukturellen Magnetresonanztomographie-Untersuchungen (MRI) und psychologischen Testungen. Follow-up-Erhebungen während der Pandemie (Februar 2020 bis April 2020) erfassten SA-Veränderungen und pandemiespezifische OCS. Von der Ausgangskohorte konnten 115 Probanden (63 Hoch-Risiko-SA-Gruppe [HSA], 52 Niedrig-Risiko-SA-Gruppe [LSA]) basierend auf Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS)-Scores analysiert werden.
Mittels voxelbasierter Morphometrie (Statistical Parametric Mapping Software) zeigten sich signifikant größere Graue-Substanz-Volumina (GMV) im rechten Gyrus supramarginalis (SMG) bei HSA versus LSA. Diese Region ist zentral für SA-Neurobiologie, Sozialverhalten und Empathie. Größere präpandemische SMG-Volumina korrelierten positiv mit SA-Zunahme und OCS während der Pandemie.
Mediationsanalysen offenbarten, dass pandemiespezifische OCS den Zusammenhang zwischen präpandemischem SMG-Volumen und SA-Veränderungen teilweise vermittelten (proportionaler Mediationseffekt: 34.1%). Dies deutet auf eine erhöhte Vulnerabilität für SA-Exazerbation bei größeren SMG-Volumina hin, vermittelt durch OCS-Steigerung. Der rechte SMG erwies sich somit als neurobiologische Schnittstelle zwischen Gehirnstruktur und SA-Dynamik unter Pandemiebedingungen.
Die Befunde unterstreichen die Relevanz neuroanatomischer Risikomarker für die Identifikation vulnerabler Subgruppen. Präventivstrategien wie Neurofeedback oder kognitiv-behaviorale Interventionen könnten bei Trägern vergrößerter SMG-Volumen indiziert sein.
Zusammenfassend liefert diese Studie neuartige Erkenntnisse zu neurostrukturellen Korrelaten pandemiebedingter SA-Entwicklung und deren psychopathologischen Mechanismen. Sie legt den Grundstein für die Erforschung neuropsychologischer Vulnerabilitätsfaktoren bei zukünftigen gesellschaftlichen Krisenszenarien.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002363