Prävalenz und assoziierte Faktoren von Myokardbeteiligung bei Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie im ersten Lebensjahrzehnt
Die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) ist eine seltene X-chromosomal vererbte Erkrankung, die durch einen Dystrophinmangel verursacht wird. Dieser führt zu einer Fragilität der Sarkolemmmembran und Degeneration von Skelett- und Herzmuskelzellen. Die kardiale Beteiligung, die sich als DMD-Kardiomyopathie manifestiert, ist die Hauptursache für morbiditäts- und mortalitätsrelevante Komplikationen bei DMD-Patienten. Die Symptome einer Kardiomyopathie bleiben jedoch häufig subtil und werden in den ambulanten und frühen nicht-ambulanten Krankheitsstadien übersehen. Daher werden nicht-invasive bildgebende Verfahren zur Beurteilung der Myokardbeteiligung bei DMD-Patienten empfohlen. Echokardiographie (Echo) und kardiale Magnetresonanztomographie (CMR) sind hierbei die am häufigsten eingesetzten Methoden. Während die konventionelle Echokardiographie keine detaillierte Beurteilung des Myokardgewebes ermöglicht und eine limitierte Rolle in der Frühdiagnostik spielt, erlaubt die CMR mit multiplen Sequenzen und Parametern eine umfassende Gewebecharakterisierung. Insbesondere die Evaluierung myokardialer Fibrose mittels Late-Gadolinium-Anreicherung (LGE) zeigt eine hohe Übereinstimmung mit pathologischen Befunden. Bisherige Studien untersuchten zwar die myokardiale Fibrose bei DMD-Patienten mittels LGE, jedoch fehlen Daten zur Prävalenz dieser Veränderungen im ersten Lebensjahrzehnt. Da DMD eine Multisystemerkrankung ist und der Dystrophinverlust sowohl Skelett- als auch Herzmuskelzellen betrifft, ist die Klärung des Zusammenhangs zwischen Skelettmuskel- und Myokardbeteiligung in frühen Krankheitsstadien entscheidend, um eine frühzeitige multidisziplinäre Therapie einzuleiten.
In dieser prospektiven Studie wurden 115 konsekutive DMD-Patienten (ausschließlich Jungen, Alter 3–10 Jahre) zwischen Januar 2018 und Dezember 2020 am West China Second University Hospital eingeschlossen. Die Diagnose wurde durch Muskelbiopsie (fehlendes Dystrophin) und/oder DNA-Analyse (dystrophinspezifische Mutation) bestätigt. Die Studie wurde von der Ethikkommission genehmigt, und die Einwilligung der Erziehungsberechtigten lag vor.
Erhobene Baseline-Parameter umfassten Alter, Größe, Gewicht, Skelettmuskelstatus, Echokardiographie, Biomarker für Muskelschäden sowie Therapie. Alle Patienten unterzogen sich einer CMR (3,0-T-Scanner) mit Cine- und LGE-Sequenzen zur Beurteilung der Herzfunktion und Myokardbeteiligung. Linksventrikuläre (LV-)Funktionsparameter (Volumen, Myokardmasse, Ejektionsfraktion [EF]) und das Vorhandensein von LGE wurden analysiert. Zusätzlich erfolgte eine Hüft-/Oberschenkel-MRT zur Quantifizierung der Muskelfettinfiltration mittels T1-gewichteter Axialsequenzen (Fünf-Punkte-Skala pro Muskel; Gesamtscore: Summe von 13 Muskeln).
Ergebnisse
Die mediane Alters der Kohorte betrug 8 Jahre. Alle Patienten zeigten strukturell normale Herzen in der 2D-Echokardiographie, jedoch wiesen 26 Patienten (22,6%) LGE (+) auf. Die EF war bei LGE (+)-Patienten signifikant reduziert (56,1 ± 8,4 % vs. 60,4 ± 6,1 %; p < 0,001). Kein Patient unter 6 Jahren war LGE-positiv. Die Prävalenz von LGE (+) stieg auf 17 % bei 7- bis 8-Jährigen und erreichte 47,6 % (9 Jahre) bzw. 45,5 % (10 Jahre). Das LGE-Ausmaß lag vor dem 8. Lebensjahr unter 5 %, stieg jedoch auf 12,2 % bei 9-Jährigen an.
Der durchschnittliche Skelettmuskel-Fettinfiltrationsscore betrug 14 ± 9 Punkte und war bei LGE (+)-Patienten signifikant höher (22 ± 9 vs. 12 ± 8; p < 0,001). Der Score korrelierte positiv mit dem LGE-Ausmaß (r = 0,43; p < 0,05) und dem Alter (r = 0,32; p < 0,05). In der logistischen Regressionsanalyse waren ein niedrigerer EF-Wert (OR: 0,85; 95 %-KI: 0,78–0,92; p < 0,001) und ein höherer Fettinfiltrationsscore (OR: 1,15; 95 %-KI: 1,05–1,25; p = 0,002) signifikant mit LGA (+) assoziiert. Alter, BMI, Glukokortikoidtherapie und LV-Volumen zeigten keine statistische Signifikanz.
Diskussion
Diese Studie mit großer Fallzahl untersucht erstmals systematisch die Myokardbeteiligung bei DMD-Patienten im ersten Lebensjahrzehnt. Die Ergebnisse unterstreichen den Zusammenhang zwischen Skelettmuskeldegeneration und Myokardfibrose sowie die Bedeutung des Alters als Risikofaktor. Der steile Anstieg der LGA-Prävalenz ab dem 7. Lebensjahr legt nahe, dass dieses Jahrzehnt ein kritisches Zeitfenster für den Beginn myokardialer Schäden darstellt. Die parallele Progression von Skelettmuskelfettinfiltration und Myokardfibrose unterstützt die Hypothese eines gemeinsamen pathophysiologischen Mechanismus infolge des Dystrophinmangels. Klinisch relevant ist die Empfehlung, bei DMD-Patienten ab dem 7. Lebensjahr regelmäßige CMR-Untersuchungen zur frühzeitigen Detektion myokardialer Veränderungen durchzuführen. Eine koordinierte kardiale und muskuloskelettale Therapie könnte die Langzeitprognose verbessern.
Zusammenfassung
Myokardbeteiligungen treten bei DMD-Patienten bereits im ersten Lebensjahrzehnt auf. Die CMR-basierte LGE-Bildgebung ermöglicht eine sensitive Frühdiagnostik, insbesondere ab dem 7. Lebensjahr. Ein fortgeschrittener Skelettmuskelfettinfiltrationsscore und eine reduzierte EF sind mit Myokardfibrose assoziiert. Die frühzeitige Identifikation myokardialer Veränderungen sollte die Grundlage für eine frühe kardioprotektive Therapie bilden.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002385