Regionale Gewebesauerstoffsättigung als Prädiktor für postspinale Anästhesie-Hypotonie bei Kaiserschnittentbindungen
Seit der Einführung der neuraxialen Blockade wird die Spinalanästhesie aufgrund ihrer Wirksamkeit und raschen Anschlagszeit häufig für Kaiserschnitte eingesetzt. Eine der häufigsten Komplikationen ist jedoch die Hypotension, die bei 70–80 % der Gebärenden auftritt. Ursächlich hierfür ist die sympathikolytisch bedingte Abnahme des systemischen Gefäßwiderstands, venöse Poolbildung und reduziertes Herzzeitvolumen. Schwere Hypotensionen können zu maternalen und fetalen Risiken wie uteroplazentarer Minderperfusion, fetaler Hypoxie und Azidose führen. Bisherige präoperative Stresstests weisen nur eine Sensitivität von 69 % auf, weshalb nicht-invasive, zuverlässige Prädiktoren dringend benötigt werden.
Die Nahinfrarotspektroskopie (NIRS) ermöglicht die kontinuierliche Messung der regionalen Gewebesauerstoffsättigung (rSO2) durch Absorption nahinfraroten Lichts durch Hämoglobin. Studien deuten an, dass eine erhöhte subkutane rSO2 im Oberschenkel nach peripherer Nervenblockade auf eine erfolgreiche Sympathikolyse hinweist. Ob NIRS auch spinalanästhesieinduzierte Hypotensionen vorhersagen kann, wurde jedoch bisher unzureichend untersucht. Diese Studie zielte darauf ab, rSO2-Veränderungen nach Spinalanästhesie zu erfassen und deren prädiktiven Wert zu evaluieren.
In dieser prospektiven Studie an der Tongji-Medizinischen Hochschule (2019–2020) wurden 97 ASA-I/II-Patientinnen mit Spinalanästhesie für elektive Sectio caesarea eingeschlossen. Ausschlusskriterien umfassten Präeklampsie, kardiovaskuläre Erkrankungen und BMI ≥40. Mittels INVOS-4100-NIRS-Gerät wurden präanästhetisch beidseitig am Oberschenkel rSO2-Basisdaten erhoben. Nach Standardmonitoring erfolgte eine kombinierte Spinal-Epidural-Anästhesie (L3/L4) mit 0,6 % Ropivacain. Blutdruck und rSO2 wurden minutengenau bis zur Geburt dokumentiert. Hypotension wurde als systolischer Druck <90 mmHg oder >25 %-Abfall vom Ausgangswert definiert.
Von 92 auswertbaren Patientinnen entwickelten 45 (48,9 %) eine Hypotension. Die Baseline-rSO2-Werte links waren in der Hypotensionsgruppe signifikant niedriger (82,5 ± 4,8 % vs. 85,9 ± 4,4 %; p < 0,05). 3 Minuten postspinal zeigte sich linksseitig ein rSO2 von 82,8 ± 5,0 % (Hypotension) vs. 88,2 ± 3,3 % (Kontrollen; p < 0,001). ROC-Analysen ergaben für den linksseitigen rSO2-Basiswert eine AUC von 0,723 (Sensitivität 81 %, Spezifität 73 %; Cut-off 84,5 %). Der 3-Minuten-postspinal-Wert erreichte eine AUC von 0,823 (Sensitivität 96 %, Spezifität 71 %).
Die Ergebnisse demonstrieren, dass NIRS-basierte rSO2-Messungen am Unterextremität eine praktikable Methode zur Hypotensionsprädiktion darstellen. Der linksseitige rSO2-Wert 3 Minuten postspinal zeigte die höchste Vorhersagekraft. Pathophysiologisch könnte die durch Schwangerschaftsbedingte Aortenkompression und Uterusdextrorotation erklären, warum die linksseitige Perfusion stärker mit hämodynamischer Instabilität korreliert. Limitierend ist die fehlende Kontrolle für Uterusverlagerungsmanöver, deren Einfluss auf rSO2 zukünftig untersucht werden sollte.
Zusammenfassend bietet NIRS einen innovativen Ansatz zur Risikostratifizierung. Ein rSO2-Wert ≤84,5 % (links, 3 Minuten postspinal) identifiziert Hochrisikopatientinnen frühzeitig, ermöglicht präemptive Vasopressorgaben und könnte so maternofetale Komplikationen reduzieren. Die Methode kombiniert Nicht-Invasivität mit hoher klinischer Praktikabilität, wenngleich Kosteneffektivität und räumliche Auflösung weiter zu optimieren sind.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001647