Selektive Beeinträchtigung der musikalischen Emotionserkennung bei Patienten mit amnestischer leichter kognitiver Beeinträchtigung und leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Krankheit
Einleitung
Die Alzheimer-Krankheit (AD) und die amnestische leichte kognitive Beeinträchtigung (aMCI) sind schwerwiegende neurodegenerative Erkrankungen, die kognitive und emotionale Verarbeitungsprozesse erheblich beeinflussen. AD, die häufigste Form der Demenz, ist durch Gedächtnisverlust, exekutive Dysfunktion und neuropsychiatrische Symptome wie Apathie, Depression und Angst gekennzeichnet. aMCI stellt ein Zwischenstadium zwischen normaler Alterung und Demenz dar, mit einem hohen Risiko für die Progression zu AD. Beide Erkrankungen gehen mit Defiziten in der Erkennung von Emotionen einher, insbesondere bei negativen Emotionen wie Angst, Wut und Traurigkeit. Die Fähigkeit von Patienten mit AD und aMCI, durch Musik vermittelte Emotionen zu erkennen, ist jedoch weniger gut untersucht. Diese Studie zielte darauf ab, zu untersuchen, ob die musikalische Emotionserkennung bei diesen Patienten beeinträchtigt oder erhalten ist und in welcher Beziehung diese Fähigkeit zur kognitiven Funktion steht.
Hintergrund und Bedeutung
Musik ist ein universelles Medium emotionalen Ausdrucks und kultureller Identität, das starke emotionale Reaktionen hervorrufen kann. Frühere Studien zeigten, dass Musik Angst reduzieren, Verhaltenssymptome verbessern und die autobiografische Erinnerung bei Demenzpatienten stärken kann. Forschungen zur Gesichts- und Stimmungsemotionserkennung bei AD und aMCI berichten konsistent Defizite in der Verarbeitung negativer Emotionen, während die Erkennung positiver Emotionen wie Freude relativ erhalten bleibt. Ergebnisse zur auditiven Emotionserkennung, insbesondere durch Prosodie, sind jedoch inkonsistent. Einige Studien deuten auf Schwierigkeiten bei der Erkennung von Prosodie-Emotionen hin, andere finden keine signifikanten Beeinträchtigungen. Diese Diskrepanz unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschung zur nicht-verbalen auditiven Emotionserkennung, z. B. durch Musik, die eine „reine“ Messung emotionaler Verarbeitung ohne den Einfluss verbaler Semantik ermöglicht.
Die musikalische Emotionserkennung involviert ein verteiltes zerebrales Netzwerk, darunter Amygdala, Hippocampus, orbitofrontale und temporale Kortizes sowie der anteriore cinguläre Kortex. Diese Regionen sind für die emotionale Verarbeitung entscheidend und bei AD häufig geschädigt. Interessanterweise scheint das musikalische Gedächtnis bei AD erhalten zu bleiben, was auf eine Dissoziation zwischen musikalischer Emotionserkennung und musikalischem Gedächtnis hindeutet. Diese Studie postulierte, dass Patienten mit AD und aMCI eine Beeinträchtigung der musikalischen Emotionserkennung, insbesondere für negative Emotionen wie Angst, aufweisen und dass diese Beeinträchtigung mit dem kognitiven Abbau korreliert.
Methoden
An der Studie nahmen 16 AD-Patienten, 19 aMCI-Patienten und 16 gesunde Kontrollpersonen (HCs) der First Affiliated Hospital of Anhui Medical University zwischen März 2015 und Januar 2017 teil. Alle Teilnehmer unterzogen sich neuropsychologischen Standardtests, einschließlich des Mini-Mental-Status-Tests (MMSE), zur Bewertung der allgemeinen Kognition. Die Diagnose aMCI erfolgte nach Petersen-Kriterien, AD nach den NINCDS-ADRDA-Kriterien. Ausschlusskriterien umfassten Hör- oder Sehstörungen, mangelndes Aufgabenverständnis sowie relevante neurologische oder systemische Erkrankungen.
Der musikalische Emotionstest umfasste 40 instrumentale Musikausschnitte, die Freude, Gelassenheit, Traurigkeit und Angst evozieren sollten. Die Teilnehmer ordneten jeden Ausschnitt einer der vier Emotionskategorien zu. Die primäre Messgröße war die Trefferquote pro Emotion. Statistische Analysen beinhalteten eine univariate ANOVA zum Gruppenvergleich der Emotionserkennung, eine MANOVA zur Untersuchung gruppenspezifischer Unterschiede pro Emotion sowie Pearson-Korrelationen zwischen MMSE-Scores und musikalischer Emotionserkennung.
Ergebnisse
Demografische und neuropsychologische Merkmale zeigten keine signifikanten Unterschiede in Alter, Geschlecht oder Bildungsniveau zwischen den Gruppen. Die MMSE-Scores waren bei AD- und aMCI-Patienten jedoch signifikant niedriger als bei HCs, was auf kognitiven Abbau hinweist.
Es zeigte sich eine signifikante Beeinträchtigung der Erkennung von Angst in Musik bei AD- und aMCI-Patienten im Vergleich zu HCs. Die mittleren Erkennungswerte für Angst betrugen 7,88 ± 1,36 (HCs), 5,05 ± 2,34 (aMCI) und 3,69 ± 2,02 (AD). Eine univariate ANOVA bestätigte einen signifikanten Haupteffekt der Gruppe (F(2,50) = 18,70; p < 0,001). Post-hoc-Analysen ergaben, dass beide Patientengruppen schlechter abschnitten als HCs, ohne signifikanten Unterschied zwischen AD und aMCI. Für Freude, Gelassenheit oder Traurigkeit fanden sich keine gruppenspezifischen Unterschiede.
Die MANOVA unterstützte diese Befunde mit einem signifikanten Gesamtgruppenunterschied (Hotelling-Trace; F(9,90) = 2,857; p < 0,001) und signifikanten Gruppenunterschieden bei Angst (F(2,48) = 18,703; p < 0,001). Korrelationsanalysen zeigten eine positive Beziehung zwischen MMSE-Scores und der Angsterkennung bei AD/aMCI-Patienten (r = 0,578; p < 0,001), jedoch keine Korrelationen für andere Emotionen.
Diskussion
Die Ergebnisse deuten auf eine selektive Beeinträchtigung der Angsterkennung in Musik bei AD und aMCI hin, während die Erkennung anderer Emotionen erhalten bleibt. Dieser Befund steht im Einklang mit Studien zur Gesichts- und Stimmungsemotionserkennung, die ebenfalls Defizite bei negativen Emotionen beschreiben. Die Amygdala, zentral für die Angstverarbeitung, ist bei AD oft geschädigt, was die Defizite erklären könnte. Die Erhaltung der Freudeerkennung könnte auf die Beteiligung anderer Strukturen wie des ventralen Striatums zurückzuführen sein. Die Korrelation zwischen MMSE-Scores und Angsterkennung unterstreicht die Rolle des kognitiven Abbaus für emotionale Defizite.
Einschränkungen und Ausblick
Die Studie weist Limitationen auf, darunter eine kleine Stichprobe und das Fehlen neurofunktioneller Bildgebung. Zukünftige Studien sollten longitudinale Designs und fMRT-integrierte Paradigmen nutzen, um die neuronalen Korrelate detailliert zu erfassen.
Schlussfolgerung
Diese Studie zeigt eine selektive Beeinträchtigung der musikalischen Angsterkennung bei AD und aMCI, die mit der Degeneration der Amygdala zusammenhängen könnte. Die Befunde unterstreichen die Relevanz emotionaler Verarbeitungsdefizite in der Diagnostik neurodegenerativer Erkrankungen und legen nahe, dass musikalische Emotionstests zur Erfassung solcher Defizite geeignet sein könnten.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000460