Unterschiede in Symptomen und prähospitaler Verzögerung bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt in Abhängigkeit von der ST-Strecken-Hebung im Elektrokardiogramm: Eine Analyse des China Acute Myocardial Infarction (CAMI)-Registers
Einleitung
Der akute Myokardinfarkt (AMI) ist ein lebensbedrohliches kardiovaskuläres Ereignis und eine führende Ursache für Morbidität und Mortalität weltweit. Die Klassifizierung in ST-Strecken-Hebungsinfarkt (STEMI) und Nicht-ST-Strecken-Hebungsinfarkt (NSTEMI) basiert auf dem Vorhandensein bzw. Fehlen von ST-Strecken-Hebungen im Elektrokardiogramm (EKG). Während STEMI-Patienten typischerweise klassische Symptome wie anhaltende Brustschmerzen zeigen, weisen NSTEMI-Patienten häufig atypische Symptome auf, die zu verzögertem Behandlungsbeginn und schlechteren Outcomes führen können. Diese Studie analysiert Daten des CAMI-Registers, um Unterschiede in Symptomatik und prähospitalen Verzögerungen zwischen beiden Gruppen zu untersuchen.
Hintergrund und Relevanz
Brustschmerzen gelten als Leitsymptom des AMI, doch etwa ein Drittel der Patienten zeigt atypische Manifestationen wie Atemnot, Übelkeit oder unspezifische Thoraxbeschwerden. Solche Präsentationen sind bei NSTEMI-Patienten häufiger und mit erhöhter Krankenhaussterblichkeit assoziiert. Trotz der zunehmenden Prävalenz von NSTEMI – insbesondere in westlichen Ländern – fehlen detaillierte Studien zur Symptomatik in asiatischen Populationen. Die vorliegende Untersuchung schließt diese Lücke durch die Analyse von 21.994 AMI-Patienten in China.
Methodik
In die Studie wurden 21.994 AMI-Patienten aus dem CAMI-Register (Januar 2013–September 2014) eingeschlossen. Die Einteilung in STEMI (n=16.315) und NSTEMI (n=5.679) erfolgte anhand des initialen EKGs. Erfasst wurden demografische Daten, Anamnese, Symptome bei Aufnahme sowie prähospitale Zeiten. Eine multivariate logistische Regressionsanalyse identifizierte Prädiktoren für atypische Symptome.
Ergebnisse
Basisdaten
NSTEMI-Patienten waren signifikant älter (mittleres Alter: 65,6 vs. 62,0 Jahre), häufiger weiblich (31,8 % vs. 23,6 %) und wiesen mehr Komorbiditäten auf:
- Diabetes: 24,7 % vs. 18,7 %
- Vorheriger Infarkt: 11,9 % vs. 5,9 %
- Hypertonie: 59,5 % vs. 48,7 %
Klinische Symptomatik
NSTEMI-Patienten zeigten seltener:
- Anhaltende Brustschmerzen: 54,3 % vs. 71,4 %
- Schweißausbrüche: 48,6 % vs. 70,0 %
- Ausstrahlende Schmerzen: 26,4 % vs. 33,8 %
Häufiger traten auf:
- Brustbeklemmung: 42,4 % vs. 38,3 %
- Dyspnoe: 24,5 % vs. 21,2 %
- Rezidivierende Angina: 5,9 % vs. 2,6 %
Prähospitale Verzögerung
NSTEMI-Patienten suchten später medizinische Hilfe:
- ≥1–7 Tage nach Symptombeginn: 41,5 % vs. 23,8 %
- 12–24 Stunden: 13,9 % vs. 10,3 %
- ≤3 Stunden: 14,5 % vs. 23,5 %
Prädiktoren atypischer Symptome
Unabhängige Risikofaktoren umfassten:
- Höheres Alter (OR 1,023 pro Jahr)
- Diabetes (OR 1,294)
- Höhere Killip-Klasse (OR 1,268)
- Prodromalsymptome (OR 2,142)
- NSTEMI-Diagnose (OR 1,974; 95 %-KI 1,849–2,107)
Diskussion
Die Ergebnisse unterstreichen die unterschiedlichen klinischen Profile von STEMI- und NSTEMI-Patienten. Die bei NSTEMI-Patienten häufigen atypischen Symptome sowie deren verzögerte Krankenhausvorstellung könnten auf geringere Myokardnekrose-Ausdehnung und Komorbiditäts-bedingte Wahrnehmungsveränderungen zurückzuführen sein. Dies hat erhebliche klinische Implikationen:
- Diagnostische Herausforderungen: Atypische Präsentationen erfordern erhöhte Vigilanz, besonders bei Risikogruppen wie älteren Patienten und Diabetikern.
- Public-Health-Aspekte: Aufklärungskampagnen sollten nicht nur klassische Infarktzeichen, sondern auch subtilere Symptome thematisieren.
- Therapeutische Konsequenzen: Trotz längerer prähospitaler Verzögerungen erhalten NSTEMI-Patienten seltener eine zeitkritische Reperfusionstherapie.
Limitationen
Die Studie ist durch ihren Beobachtungscharakter und die fehlenden Langzeitdaten limitiert. Die Generalisierbarkeit auf nicht-asiatische Populationen bleibt unklar.
Fazit
Diese Analyse betont die Notwendigkeit, unterschiedliche Symptommuster und Behandlungsbarrieren bei STEMI versus NSTEMI zu berücksichtigen. Insbesondere bei Risikopatienten mit atypischer Symptomatik sind verbesserte Aufklärungsmaßnahmen und diagnostische Algorithmen erforderlich, um die Versorgungskette zu optimieren.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000122