Verhältnis von viszeralem Fettgewebe zu Körperfettmasse (VBR) als überlegener Prädiktor für koronare Herzkrankheit

Verhältnis von viszeralem Fettgewebe zu Körperfettmasse (VBR) als überlegener Prädiktor für koronare Herzkrankheit

Die koronare Herzkrankheit (KHK) bleibt eine führende Ursache für globale Morbidität und Mortalität, weshalb die Identifizierung robuster Prädiktoren zur Verbesserung der Risikostratifizierung dringend erforderlich ist. Obwohl Adipositas ein etablierter Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen (einschließlich KHK und metabolischer Komplikationen) ist, zeigen traditionelle Adipositas-Indizes wie der Body-Mass-Index (BMI), das Taille-Hüft-Verhältnis (WHR), die Körperfettmasse (BFM), der Körperfettanteil (PBF) und die viszerale Fettfläche (VFA) eine begrenzte Aussagekraft bei der Vorhersage von KHK. Neue Erkenntnisse unterstreichen die divergenten Rollen von viszeralem (VAT) und subkutanem (SAT) Fettgewebe für die kardiometabolische Gesundheit, wobei VAT-Akkumulation ein höheres Risiko darstellt. Diese Studie führt einen neuartigen Index ein – das Verhältnis von viszeraler Fettfläche zur Körperfettmasse (VBR) – und bewertet dessen Überlegenheit gegenüber bestehenden Adipositas-Maßen bei der Identifizierung des KHK-Risikos, insbesondere in geschlechtsspezifischen Analysen.

Studiendesign und Methodik

Die Studie analysierte Baseline-Daten der Beijing-Tianjin-Hebei (BTH)-Gesundheitsuntersuchungskohorte, in der Erwachsene rekrutiert wurden, die zwischen September 2018 und Januar 2020 in China jährliche medizinische Untersuchungen durchliefen. Ausgeschlossen wurden Schwangere, Personen mit Infektionen, Schrittmacherimplantaten oder Mobilitätseinschränkungen. Die finale Kohorte umfasste 12.060 Erwachsene im Alter von 20–91 Jahren (Median 40 Jahre), darunter 5.109 Männer (42,36 %) und 6.951 Frauen. Die KHK-Prävalenz betrug 2,65 % (320 Fälle), mit einer höheren Inzidenz bei Männern (3,54 %) als bei Frauen (2,00 %).

Anthropometrische Messungen (Körpergröße, Gewicht, Taillen-, Hüftumfang) und Körperzusammensetzungsanalysen mittels bioelektrischer Impedanz (InBody-770) wurden durchgeführt. VFA, BFM und PBF wurden direkt gemessen, während VBR als VFA geteilt durch BFM berechnet wurde. Standardisierte Fragebögen erfassten demografische, lebensstilbezogene und medizinhistorische Daten. Geschlechtsspezifische statistische Analysen mittels multivariabler logistischer Regression adjustierten für Alter, Bildung, Ethnizität, Familienstand, Beruf, Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität und familiäre KHK-Anamnese. ROC-Kurven (Receiver Operating Characteristic) verglichen die prädiktive Leistung der Adipositas-Indizes, wobei die Fläche unter der Kurve (AUC) die Diskriminierungskraft bestimmte.

Zentrale Ergebnisse

Geschlechtsspezifische Assoziationen zwischen Adipositas-Indizes und KHK

KHK-Patienten wiesen signifikant höhere VBR-, BMI-, WHR-, BFM-, PBF- und VFA-Werte auf als Nicht-KHK-Personen (P < 0,001 für alle Indizes außer BMI bei Männern (P = 0,008)). Nach Adjustierung für Kovariaten zeigten standardisierte Odds Ratios (ORs), dass ein Anstieg um 1 SD in VBR, VFA, WHR, PBF und BFM bei beiden Geschlechtern mit erhöhtem KHK-Risiko assoziiert war. Besonders hervorzuheben ist, dass VBR bei Frauen die stärkste Assoziation mit KHK aufwies (adjustierte OR [aOR]: 2,00; 95 %-KI: 1,69–2,37), gefolgt von VFA (aOR: 1,80; 95 %-KI: 1,54–2,10). Bei Männern zeigte VFA die höchste aOR (1,46; 95 %-KI: 1,27–1,69), gefolgt von PBF (1,43; 95 %-KI: 1,22–1,67) und VBR (1,21; 95 %-KI: 1,10–1,34).

Prädiktive Leistung der Adipositas-Indizes

ROC-Analysen bestätigten die überlegene Diskriminierungskraft von VBR für KHK in beiden Geschlechtern. Bei Frauen erreichte VBR eine AUC von 0,821 (95 %-KI: 0,796–0,846), signifikant höher als VFA (AUC: 0,745; P < 0,001), WHR (0,712), PBF (0,696), BFM (0,671) und BMI (0,689). Bei Männern lag die AUC von VBR bei 0,753 (95 %-KI: 0,728–0,777), höher als bei VFA (0,676; P < 0,001), WHR (0,643), PBF (0,632), BFM (0,594) und BMI (0,556). Optimale VBR-Schwellenwerte wurden bei 4,84 cm²/kg für Frauen (Sensitivität: 84,89 %; Spezifität: 65,15 %) und 4,63 cm²/kg für Männer (Sensitivität: 76,80 %; Spezifität: 66,34 %) identifiziert.

Mechanistische Einblicke und klinische Implikationen

Die Studie unterstreicht die klinische Relevanz der viszeralen Fettverteilung gegenüber generalisierter Adipositas für die KHK-Risikostratifizierung. Im Gegensatz zu traditionellen Maßen quantifiziert VBR viszerales Fett relativ zur Gesamtkörperfettmasse und liefert somit einen differenzierten Indikator für Fettverteilung. Viszerales Fettgewebe ist metabolisch aktiv, setzt proinflammatorische Zytokine und freie Fettsäuren frei, die Insulinresistenz, Dyslipidämie und endotheliale Dysfunktion fördern. Subkutanes Fettgewebe kann hingegen protektive Effekte durch Lipidsequestrierung und Sekretion von Adiponektin, einem antiinflammatorischen Hormon, ausüben.

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Fettverteilung und sympathischer Nervensystem (SNS)-Aktivierung erklären den höheren prädiktiven Wert von VBR bei Frauen. Männer weisen typischerweise höhere VAT-Depots auf, Frauen hingegen mehr SAT. Bemerkenswert ist, dass SNS-Aktivierung in VAT – verbunden mit Entzündung und Lipolyse – bei Männern ausgeprägt ist, bei Frauen jedoch fehlt, was die prädiktive Aussagekraft von VAT bei Männern reduzieren könnte. Diese Ergebnisse decken sich mit früheren Studien, die schwächere Assoziationen zwischen VAT und KHK bei Männern zeigen.

Limitationen und zukünftige Forschungsrichtungen

Als Querschnittsanalyse kann diese Studie keine Kausalität zwischen VBR und KHK belegen. Längsschnittstudien sind erforderlich, um den prognostischen Wert von VBR und optimale Schwellenwerte in diversen Populationen zu validieren. Obwohl bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) nicht-invasiv und breit verfügbar ist, könnten bildgebende Standardverfahren (z. B. CT/MRT) die VAT-Quantifizierung präzisieren. Zukünftige Forschung sollte die Anwendung von VBR zur Vorhersage anderer kardiometabolischer Outcomes (z. B. Herzinsuffizienz, Arrhythmien) untersuchen und Interventionen zur Reduktion von viszeralem Fett evaluieren.

Schlussfolgerung

Das Verhältnis von viszeraler Fettfläche zu Körperfettmasse (VBR) erweist sich als überlegener Prädiktor für das KHK-Risiko im Vergleich zu konventionellen Adipositas-Indizes. Durch die Integration von viszeraler Fettlast und Gesamtadipositas bietet VBR eine klinisch handlungsrelevante Metrik zur frühzeitigen KHK-Erkennung und -Prävention. Die geschlechtsspezifische prädiktive Überlegenheit unterstreicht die Notwendigkeit personalisierter Risikobewertungsstrategien, insbesondere bei Frauen, die überproportional von VBR-gesteuerten Interventionen profitieren könnten.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000002601

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