Wirksamkeit der initialen Botulinumtoxin A-Injektion bei akuter konkomitierender Esotropie mit unterschiedlichen klinischen Merkmalen
Die akute konkomitierende Esotropie (ACE) ist durch ein plötzliches Einwärtsschielen der Augen ohne pathologische Veränderungen in der zerebralen Bildgebung gekennzeichnet. Als erworbene Form des Schielens kann sie die Sehfunktion und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Therapieoptionen umfassen extraokuläre Muskelchirurgie, Botulinumtoxin A (BTA)-Injektion, Prismenbrillen und Divergenztraining. BTA gewinnt aufgrund seiner Minimalinvasivität, kürzeren Narkosezeit und frühen Interventionsmöglichkeit an Bedeutung. Dennoch fehlen standardisierte Leitlinien zur optimalen Dosierung und Wirksamkeit bei unterschiedlichen klinischen Merkmalen.
Patientenselektion und Methodik
Diese retrospektive Studie an der Augenklinik des First Affiliated Hospital of Zhengzhou University (Ethikkommission-zertifiziert) analysierte 57 ACE-Patienten (Altersmedian: 6,0 Jahre; 40 männlich, 17 weiblich), die zwischen Juni 2018 und Juni 2021 erstmalig mit BTA (Onabotulinumtoxin A, 2,5 IE/ml) in den M. rectus medialis injiziert wurden. Gruppierungen erfolgten nach präoperativem Schielwinkel (<+50, +50–<+70, ≥+70 Prismendioptrien [PD]) und Erkrankungsdauer (<3, ≥3–<6, ≥6 Monate). Der Erfolg wurde als Restwinkel ≤10 PD nach 6 Monaten definiert.
Ergebnisse
Die Gesamterfolgsrate betrug 70 % (40/57 Patienten). Der mediane Schielwinkel sank von präoperativ +60,00 PD auf +5,00 PD nach 6 Monaten (p<0,001). Signifikante Unterschiede zeigten sich zwischen den Winkelfraktionen:
- <+50 PD-Gruppe (n=20): Erfolgsrate 90 %, medianer Restwinkel +3,50 PD
- +50–<+70 PD-Gruppe (n=23): 70 % Erfolg, +5,00 PD
- ≥+70 PD-Gruppe (n=14): 40 % Erfolg, +35,00 PD (p=0,008 vs. <+50 PD)
Die Erkrankungsdauer (Erfolgsraten: 72 %, 71 %, 67 %) hatte keinen signifikanten Einfluss (p>0,05).
Komplikationen
Bei 39 % (22/57) traten transiente Nebenwirkungen auf:
- Sekundäre Exotropie (64 %)
- Vertikalschielen (36 %)
- Augenbewegungsstörungen (32 %)
- Ptosis (14 %)
Alle Komplikationen bildeten sich innerhalb von 3 Monaten spontan zurück.
Diskussion
Die Studie unterstreicht die Winkelabhängigkeit der BTA-Wirksamkeit, vermutlich durch unvollständige Muskelparalyse bei großen Schielwinkeln. Der fehlende Zeitfaktoreinfluss deutet auf ein breites therapeutisches Zeitfenster hin. Limitationen umfassen die retrospektive Design und begrenzte Fallzahl. Zukünftige Studien sollten längere Nachbeobachtungen und biomechanische Parameter (Muskelvolumen, Refraktionsstatus) integrieren.
Zusammenfassung
Die initiale BTA-Dosis zeigt sich als sicheres und effektives Therapiekonzept bei ACE, insbesondere bei Schielwinkeln <+70 PD. Komplikationen sind vorübergehend, die Erkrankungsdauer beeinflusst das Outcome nicht. Diese Erkenntnisse unterstützen die individuelle Therapieplanung unter Berücksichtigung der Schielwinkelgröße.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002728