Zur Kausalität der MT-TN-Variante m.5703G>A für das Myoklonus-Epilepsie-mit-„ragged-red-fibers“-Syndrom plus: Eine kritische Bewertung
In dem Artikel von Fu et al. wird ein 35-jähriger Patient mit spät einsetzendem Myoklonus-Epilepsie-mit-„ragged-red-fibers“-Syndrom (MERRF) plus beschrieben, bei dem die MT-TN-Variante m.5703G>A als ursächlich postuliert wird. Die Pathogenität dieser Variante ist jedoch nicht ausreichend validiert, sodass deren kausale Rolle infrage steht. Die Autoren stützen sich auf Arbeiten von Moraes et al. und Vives-Bauza et al., die die Pathogenität der Variante untermauern sollen. Allerdings werden die durchgeführten Untersuchungen als unzureichend kritisiert.
Zur genaueren Bewertung wird der modifizierte Yarham-Score empfohlen, der acht Kriterien berücksichtigt: Anzahl unabhängiger Publikationen, Heteroplasmie, Segregation des Phänotyps mit der Variante, nachgewiesener biochemischer Defekt, Korrelation der Variante mit biochemischen Defekten in Einzelfaserstudien, Evidenz aus Cybrid-Studien oder Analysen des steady-state-Levels mutanter mtDNA, evolutionäre Konservierung der Nukleotidposition sowie histochemische Auffälligkeiten. Bei Anwendung dieses Scores auf m.5703G>A ergibt sich ein Wert von 11, was lediglich auf eine wahrscheinliche Pathogenität hinweist. Somit sind weitere Untersuchungen, insbesondere Cybrid-Studien oder Analysen des mtDNA-Steady-State-Levels, erforderlich, um die Pathogenität definitiv zu bestätigen.
Klinische und therapeutische Aspekte
Valproinsäure (VPA), die bei dem Patienten eingesetzt wurde, ist bekannt dafür, Myoklonien zu verstärken und mitochondriotoxisch zu wirken. Es muss kritisch hinterfragt werden, warum VPA in diesem Fall verabreicht wurde und ob es zu Wirksamkeit oder Nebenwirkungen führte. Kardiale Beteiligungen sind bei MERRF häufig (18% der Fälle) und umfassen unter anderem eine späte Gadoliniumanreicherung (Late Gadolinium Enhancement, LGE) in der Magnetresonanztomographie (MRT). LGE zeigt sich typischerweise 7–15 Minuten nach Kontrastmittelgabe als subendokardiale, subepikardiale, fleckförmige oder transmurale Anreicherung – auch bei unauffälliger Echokardiographie. Daher ist von klinischer Relevanz, ob bei dem beschriebenen Patienten eine kardiale MRT durchgeführt wurde und ob LGE nachweisbar war.
Neurologische und ophthalmologische Befunde
Die Angabe „Auffälligkeiten der Sehbahn“ in den visuell evozierten Potentialen (VEP) ist unspezifisch. Läsionen entlang der Sehbahn – von der Kornea bis zum visuellen Kortex – können zu verlängerten Latenzen oder reduzierten Amplituden der VEP führen. Da bei MERRF-Patienten häufig das retinale Pigmentepithel betroffen ist (z. B. Retinitis pigmentosa, Optikusatrophie), sollten die ophthalmologischen Befunde detailliert dargestellt werden. Zudem treten bei MERRF oft leukenzephalopathische Veränderungen, Leigh-ähnliche Läsionen oder stroke-like Episoden auf. Eine präzise Darstellung der zerebralen Bildgebung ist daher essenziell, um die VEP-Resultate korrekt zu interpretieren.
Fazit
Obwohl die m.5703G>A-Variante mit der Entstehung eines MERRF-plus-Syndroms assoziiert wird, ist deren Pathogenität nicht abschließend gesichert. Weitere Studien sind notwendig, um den kausalen Zusammenhang zu validieren. Zudem müssen die Auswirkungen der VPA-Gabe, das Vorliegen kardialer Manifestationen und die Spezifität der Sehbahnauffälligkeiten umfassend evaluiert werden, um das Krankheitsbild des Patienten ganzheitlich zu erfassen.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000337